Langfristig sind wir alle tot …

Einige Leser sind erstaunt, dass wir so schnell und so energisch die Piketty-Thesen ablehnen, ohne uns im Detail mit dem Buch auseinanderzusetzen. Man müsse doch, so wird argumentiert, wenigstens die empirischen Ergebnisse angemessen würdigen. Die Frage aber ist, was diese empirischen Ergebnisse überhaupt aussagen können. Pikettys Vorgehen kann nämlich aus methodischen Gründen niemals zu einem vernünftigen Ergebnis führen.

Thomas Piketty benutzt die neoklassische Wachstumstheorie (er nennt das Harrod-Domar-Solow Ansatz) als Basis für seine empirischen Arbeiten. Das Problem ist, dass das, was neoklassische Wachstumstheorie genannt wird, eigentlich keine Theorie ist. Unter „Theorie“ verstehen wir normalerweise eine Erklärung dafür, warum in der Wirklichkeit bestimmte Phänomene zu beobachten sind oder warum bestimmte Phänomene zusammenhängen. Folglich würde man vermuten, dass die Wachstumstheorie versucht, das Wachstum marktwirtschaftlicher Systeme zu erklären. Das aber tut sie gerade nicht.

Die Wachstumstheorie ist eine Kunstlehre, die uns sagt, wie sich ein bestimmtes statisches (in diesem Fall neoklassisches) System entwickeln könnte, wenn es denn dynamisch wäre. Das hat schon grundsätzlich mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Weil aber, wie wir oft gezeigt haben, zudem das zugrundeliegende Modell die Wirklichkeit nicht angemessen beschreibt, ist es vollkommen abwegig zu glauben, dass die Dynamisierung eines solchen Gleichgewichtsmodells eine Aussage über die Entwicklung einer realen Wirtschaft erlaubt. [...]

Guter Journalismus hat seinen Preis

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