Archiv | 14.07.2014

Keynesianismus – was ist das?

Auf unseren letzten Beitrag in der Geldserie und die Kritik an Joseph Stiglitz erreichten uns zwei Leserzuschriften (vielen Dank dafür an dieser Stelle), auf die wir kurz eingehen wollen. Zu unserer Kritik am IS/LM-Modell fiele ihm, so ein Leser, ein, dass der Erfinder dieses Modells, John Hicks, selbst seinen Fehler eingesehen habe, als er schrieb: „I accordingly conclude that the only way in which IS-LM analysis usefully survives – as anything more than a classroom gadget, to be superseded, later on, by something better – is in application to a particular kind of causal analysis, where the use of equilibrium methods, even a drastic use of equilibrium methods, is not inappropriate… When one turns to questions of policy, looking towards the future instead of the past, the use of equilibrium methods is still more suspect. For one cannot prescribe policy without considering at least the possibility that policy may be changed. There can be no change of policy if everything is to go on as expected – if the economy is to remain in what (however approximately) may be regarded as its existing equilibrium.“ (Ich schließe entsprechend daraus, dass die einzige Art und Weise, wie die IS/LM-Analyse nützlich überlebt – nämlich als mehr als eine Klassenzimmerspielerei, die später durch irgendetwas Besseres ersetzt wird –, in der Anwendung auf eine spezielle Art kausaler Analyse besteht, wo der Gebrauch von Gleichgewichtsmethoden, auch ein drastischer Gebrauch von Gleichgewichtsmethoden, nicht unangemessen ist. … Wenn man sich Fragen der Politik zuwendet, dann ist hinsichtlich der Betrachtung der Zukunft statt der Vergangenheit die Verwendung von Gleichgewichtsmethoden noch verdächtiger. Es kann keine Politikveränderung geben, wenn alles wie erwartet weitergeht – wenn die Wirtschaft in dem verharrt, was (wie annäherungsweise auch immer) als ihr herrschendes Gleichgewicht angesehen werden mag.“ (zitiert nach http://www.debtdeflation.com/blogs/2009/02/18/some-curious-neoclassical-rumblings/#sthash.VFU9QlCB.dpuf; Übers. d. Verf.)

Das Interessante ist, dass sich diese grundsätzliche Skepsis des Erfinders gegenüber seinem eigenen Modell nicht sonderlich durchgesetzt hat, sondern Generationen von Studenten mit diesem Modell intensiv vertraut gemacht worden sind, ohne ihnen davon in wesentlichen Punkten abweichende Überlegungen mindestens ebenso intensiv nahezubringen. Zum Beleg sei hier aus einem alten deutschen Lehrbuch von Bernhard Felderer und Stefan Homburg, das bis in die 2000er Jahre hinein (2005 in der immerhin 9. Auflage) eine beachtliche Rolle im deutschsprachigen Lehrbetrieb spielte und womöglich noch spielt, ein Absatz zitiert, der die Behandlung dessen betrifft, was wir in der Tendenz für das halten, worum es in der Volkswirtschaftslehre seit Keynes gehen sollte und könnte und bis heute erschreckend wenig geht: „Da der Postkeynesianismus (so wird diese Interpretationsrichtung dessen, was Keynes geschrieben hat, genannt; Anm. d. Verf.) etwas abseits vom Strom der „Orthodoxien“ liegt und selbst keine kohärente Theorie bietet (Fußnote 9: Der eher Keynesianisch ausgerichtete Ökonom Solow bemerkte sarkastisch, es handele sich hierbei eher um eine „Weltanschauung“.), können wir auf ihn im Rahmen dieses einführenden Lehrbuches nicht weiter eingehen.“ (zitiert nach Seite 101 in der 4. Auflage)

Hier wird es kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Keynes Ideen wurden (und werden vermutlich) vielerorts (z.B. in der Grundausbildung deutscher Studenten) dem Wahn geopfert, Zusammenhänge nur dann als grundlegendes Basiswissen anzuerkennen und entsprechend zu vermitteln, wenn sie mathematisch formalisiert werden können. Denn wie anders wäre zu erklären, dass die Autoren dieses Lehrbuches das Zitat in der Fußnote für abdruckenswürdig befunden haben, das eine ganze Theorierichtung als „Weltanschauung“ abqualifiziert? Die Frage, ob bei diesem Maßstab für die Bedeutung und womöglich Wissenschaftlichkeit von Überlegungen zur Funktionsweise einer Marktwirtschaft das eigentliche Untersuchungsobjekt, nämlich die real existierende Marktwirtschaft selbst, auf der Strecke bleiben könnte, spielte für die Autoren des Lehrbuches offenbar keine Rolle. Vielleicht kannten sie auch das obige Zitat von Hicks nicht?

Nun könnte man einwenden, dass dieser Lehrstoff wie auch der zur Neoklassik wohl veraltet sei, jedenfalls keine Relevanz in der wirtschaftspolitischen Beratung (mehr) habe. Doch weit gefehlt: Inzwischen tun sich erhebliche Diskrepanzen zwischen den neoklassischen, den auf IS/LM bzw. neoklassischer Synthese aufbauenden Gleichgewichts-Modellwelten, die von der überwiegenden Zahl der Ökonomen verwendet, vertreten und/oder gelehrt werden, und der Realität auf. Trotzdem führen diese Abweichungen zu keiner grundlegenden Korrektur dieser Modellwelten. Ein prominentes Beispiel ist das NiGEM-Modell, mit dem die Deutsche Bundesbank allen Ernstes den „Beweis“ aufzustellen versuchte, dass die Erhöhung deutscher Löhne die deutschen Nettoexporte steigere oder wenigstens steigern könnte. Auch der Sachverständigenrat bediente sich in seinem Jahresgutachten 2010/2011 dieses Modells (vgl. ebendort S. 116 ff). Und diese „Erkenntnis“ wurde selbstverständlich von den (Lobbyinteressen-)Politikern der deutschen Regierung begierig aufgegriffen (und zwar natürlich die Variante im Indikativ), um Forderungen nach einer Änderung der deutschen Lohnpolitik, namentlich einer Abkehr vom Lohndumping abzuwehren. Wir haben das ausführlich analysiert und kommentiert.

Ein anderer Leser stimmt unserer Kritik an Joseph Stiglitz, insbesondere an dessen Konzentration auf das Sparquotengefälle zwischen Einkommensschichten, zu, möchte aber die Bezeichnung „Keynesianer“ nicht ihm und Gleichgesinnten zukommen lassen, die der Leser als „Bastardkeynesianer“ tituliert (eine von den oben genannten Postkeynesianern stammende Ausdrucksweise).

Hier unsere Antwort: Über die Bezeichnung von Theorieschulen und ihre genauen Inhalte kann man in der Tat streiten und mindestens genau so sehr darüber, wer sich welcher Schule zurechnen lassen muss oder selbst zurechnet. Hintergrund ist in der Regel die Bequemlichkeit und Zeitersparnis, die mit einer Kategorienbildung und der entsprechenden Einsortierung verbunden ist: Hat man erst einmal alle „Kategorien“ so gelernt, wie sie einem im Lehrbetrieb präsentiert worden sind, und seinen eigenen Standpunkt gefunden, dann braucht man bei allem, was einem anschließend im Fach Wirtschaftswissenschaften begegnet, nur auf das Kategorien-Label zu schauen und schon weiß man Bescheid, ob es einem einleuchten wird oder nicht. Das ist auf jeden Fall weniger anstrengend, als selbständig nachzudenken und sich die Annahmen und Grundlagen neu auftauchender, aber auch alter Überlegungen (und Modelle) selbst anzusehen, bevor man entscheidet, ob sich die Beschäftigung damit lohnt.

Nur: Ob man jede einzelne Kategorie jemals so gelernt hat, dass sie gleichberechtigt neben allen anderen stand und ihre (sowohl theoretische als auch empirische) Überzeugungskraft beim hoffentlich unvoreingenommen Studierenden entfalten konnte, das wird kaum gefragt. Genau so wenig, ob jeder Idee das „richtige“ Label aufgedrückt wurde und wird oder ob sie in eine Schublade gesteckt worden ist, in die sie eigentlich nicht passt und in der sie zu versauern droht.

Wichtig erscheint uns, dass eine Kategorisierung nicht das Nachdenken verdrängt. Und deshalb halten wir die Frage, welche Schule man wie nennt und wen man ihr zurechnet, für zweitrangig und eher dem akademischen Lehrbetrieb und seinen Prüfungsmethoden geschuldet als Ziel führend, d.h. Erkenntnis schaffend. Oft werden wir bei Vorträgen und Diskussionsrunden gefragt, welcher Schule wir uns denn zugehörig fühlen – den Keynesianern, den Postkeynesianern oder einer anderen Richtung? Vielleicht vermittelt es den Menschen irgendeine Sicherheit, wenn sie eine Denkrichtung benennen und dann so und so viele mehr oder weniger große, vielleicht sogar Nobelpreis gekrönte Namen damit in Verbindung bringen können. Wir setzen stattdessen auf die eigenständige Urteilskraft unserer Leserinnen und Leser und unserer Zuhörerinnen und Zuhörer, wenn sie sich auf Logik und Empirie stützt.

Und zum Schluss: Wir wollen niemandem mit der Einordnung in eine Kategorie zu nahe treten, auch wenn wir die Kategorie selbst ablehnen. Denn wir hoffen ja immer (noch), dass man mit Nachdenken aus einer Gedankenschublade herausklettern und sich vor dem Schubladenregal zu einer fruchtbaren Diskussion treffen kann. Die muss dann nicht zwangsläufig in dem Erfinden neuer Schubladen münden, sondern sollte in erster Linie dem Zugewinn an Erkenntnis über die Funktionsweise der real existierenden Marktwirtschaft dienen.

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