Archiv | 24.07.2014

Nur vier Buchstaben

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank hat durch ein Treffen mit verschiedenen Gewerkschaften und durch in einem Artikel im SPIEGEL vom 21.7.2014 wiedergegebene Äußerungen deutlich gemacht, dass sich seine Institution für Lohnpolitik interessiert. Das tat sie zwar auch früher schon, wenn sie vor Lohn-Preis-Spiralen gewarnt hat. Nun aber richtet sich die Warnung in die umgekehrte Richtung, nämlich gegen Lohnerhöhungen, die zu gering ausfallen. Das sollte aus Symmetriegründen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Aber die Reaktionen von Gewerkschaften, Arbeitgebern und Wissenschaft zeigen, dass hier etwas Ungewöhnliches geschieht.

Wir sind auf diesen Schwenk in der Argumentation der Deutschen Bundesbank bereits eingegangen. Ich will deshalb nur auf ein kleines, aber wichtiges Detail hinweisen. Die Aussagen zum „verteilungspolitischen Spielraum“ aus Sicht der Deutschen Bundesbank waren nämlich im erwähnten SPIEGEL-Artikel präzise so formuliert, dass sich die derzeit angemessene jährliche Rate des Wachstums der Stundenlöhne aus dem Produktivitätswachstum und der Zielinflationsrate der Notenbank zusammensetzen sollte. Auch beispielsweise die Süddeutsche Zeitung oder am 22.7.2014 das Handelsblatt (leider nicht in der Online-Ausgabe) haben das aufgegriffen und für richtig erklärt.

Warum aber sollte sich das Lohnwachstum an der Zielinflationsrate orientieren und nicht an der aktuellen (oder erwarteten) Ist-Inflationsrate? Könnte man so etwas den Arbeitnehmern zumuten, wenn zukünftig einmal die Inflation beispielsweise durch erhebliche Preissteigerungen beim Öl und anderen Importgütern mit 5% einen deutlich höheren Wert erreichen sollte als den von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten Zielwert von 1,9%? In einem solchen Fall würden die Arbeitnehmer, das ist völlig eindeutig, durch nominale Lohnerhöhungen entsprechend der Zielinflationsrate plus Produktivitätswachstum in realer Betrachtung Geld verlieren. Die durchschnittliche Kaufkraft sänke dann.

Es käme also in diesem Inflationsbeispiel zu einem Resultat, das den Gewerkschaften nicht gefallen würde, denn ihre Mitglieder werden im Ergebnis schlechter gestellt als bei einer Orientierung der Lohnabschlüsse an der Ist-Inflation. Und doch sollten Gewerkschaften und Arbeitgeber die goldene Lohnregel auch in den Fällen durchhalten, in denen die Ist-Inflation die Zielinflation übersteigt. Wie wir auf dieser Seite schon häufig dargestellt haben, besteht in allen Industrieländern rund um den Globus ein enger Zusammenhang zwischen der Zunahme der Lohnstückkosten und der Entwicklung des BIP-Deflators, also einem besonders breit ausgerichteten Inflationsindikator. Dieser Zusammenhang ist so stark, dass nach einer gewissen Zeit praktisch immer eine Eins-zu-eins-Relation herauskommt. Steigen in einem Land die Lohnstückkosten im Durchschnitt mehrerer Jahre beispielsweise um 3% pro Jahr, wird auch die durchschnittliche Inflation bei 3% liegen. Mögliche Abweichungen wie die, die durch die oben erwähnten extremen Sprünge bei den Importpreisen zustande kommen können, stellen nur temporäre Ausnahmen von der Regel dar.

Und gerade weil dieser enge Mechanismus existiert, der von der gesamtwirtschaftlichen Lohnentwicklung über die Lohnstückkosten zur Inflationsrate führt, muss die Zielinflationsrate für die Lohnentwicklung herangezogen werden und nicht die aktuelle tatsächliche Inflationsrate. Das geht in Jahren mit geringer Preissteigerung natürlich zugunsten der Arbeitnehmer aus, die dann eine Zeit lang eine höhere Steigerung ihrer Kaufkraft erhalten als nur die Produktivitätszunahme. In Jahren mit einer höheren Preissteigerung läuft es andersherum: Da erhalten die Arbeitnehmer weniger realen Einkommenszuwachs, als es der Produktivitätszunahme entspricht.

Das Beispiel mit der Inflation aufgrund von höheren Öl- und Importpreisen ist übrigens alles andere als fiktiv, wie viele unserer Leser wissen. In den siebziger Jahren hat das Anbieterkartell OPEC erreicht, den Ölpreis erheblich steigen zu lassen. Die Gewerkschaften haben damals mit Verweis auf die hohen Inflationsraten Lohnerhöhungen durchgesetzt, die diesen Verlust an Realeinkommen zugunsten der Arbeitnehmer ausgleichen sollten. Am berühmtesten war die so genannte Kluncker-Runde. 1974 wurde im öffentlichen Dienst eine Lohnerhöhung von 11% sowie mindestens 170 DM durchgesetzt und damit eine Größenordnung erreicht, die von den Industriegewerkschaften ebenfalls ausgehandelt wurde. Das Ergebnis war eine dauerhafte Erhöhung der Inflationsraten (statt eines einmaligen Preisniveausprungs nach oben) und eine entsprechend harte Reaktion der Deutschen Bundesbank: Sie steigerte die kurzfristigen Zinsen auf bis dahin unbekannte Höhen. Das erzeugte einen Schub an Arbeitslosigkeit, der die Wirtschaftspolitik der damaligen sozialliberalen Koalition nachhaltig diskreditierte. Dass hohe Inflationsraten und eine hohe bzw. steigende Arbeitslosigkeit gleichzeitig auftreten konnten, gab dem angebotsorientierten und neoklassischen Denken in den Jahrzehnten danach einen erheblichen Auftrieb.

Der Begriff der Zielinflation jedenfalls spielte damals keine Rolle. Bis heute gibt es übrigens Gewerkschaftsmitglieder, die dieser „guten alten Zeit“ nachtrauern, als solche prozentualen Steigerungen möglich waren. Umso wichtiger ist, dass die Deutsche Bundesbank die goldene Lohnregel jetzt ernst nimmt. Ob alle Gewerkschaften diesen Schritt mitgehen werden, bleibt abzuwarten, wäre aber zu wünschen.

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