Statt einer Prognose: 3 Szenarien der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland (Teil I)

Manchmal hören wir kritische Töne nach dem Motto: Die vorhandenen Prognosen der Institute und des Sachverständigenrates zu kritisieren ist einfach, selbst eine zu machen ist etwas ganz anderes. Das haben wir uns zu Herzen genommen und steigen hiermit in das Kerngeschäft der Prognostiker ein. Noch machen wir keine ganz richtige Prognose, das heben wir uns für das Jahresende auf. Wir zeigen aber schon einmal, wie es gehen könnte und wie man mit einer auf der Basis der Volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) durchgerechneten Prognose sinnvolle Einsichten gewinnen kann. Warum man Prognosen braucht, haben wir vor kurzem beschrieben.

Erheblich erleichtert wird unser Einstieg durch die nun nicht mehr zu bestreitende Tatsache, dass alle vorhandenen Prognose für dieses Jahr (und die von uns grundsätzlich abgelehnten Scheinprognosen für ein zweites Jahr) fasch sind. Und zwar liegen die Prognosen nicht nur ein wenig daneben, sondern sie sind gründlich falsch. Die Prognostiker haben auf der Basis aufwärtsgerichteter Stimmungsindikatoren nämlich durchweg erwartet, dass es nach dem (wetterbedingt) starken ersten Quartal weiter aufwärts geht. Das ist schon jetzt nicht mehr zu halten – die Deutsche Bundesbank geht von einer Stagnation im zweiten Quartal aus. Die konjunkturelle Abschwächung in Deutschland und in ganz Europa in den letzten Monaten hat den Prognosen der Institute und des Wirtschaftsministeriums vollständig den Boden entzogen. Wir wollen in drei Szenarien erstens eine realistische Einschätzung der aktuellen Lage geben, zweitens zeigen, was geschähe, wenn die Löhne stärker erhöht würden, und drittens, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelte, wenn bei höheren Löhnen der Leistungsbilanzüberschuss deutlich verringert würde.

Wir haben seit Beginn des Jahres 2013 immer wieder davor gewarnt, aus der kaum merklichen Besserung bei einigen Stimmungsindikatoren und bei der aktuellen Lage der deutschen Industrie weitreichende optimistische Schlussfolgerungen für das ganze Jahr zu ziehen. Unsere Skepsis hat sich bestätigt. Die Rückgänge in der europäischen Industrieproduktion, bei den deutschen Auftragseingängen (wir haben hier darüber berichtet) und der vor einigen Tagen veröffentlichte starke Rückgang des ifo-Index (der nun dreimal in Folge zurückgegangen ist, was von den meisten Beobachtern als klares Anzeichen für Rezessionsgefahr interpretiert wird), zeigen, dass es keine Kraft in Europa gibt, die den konjunkturellen Karren aus dem Dreck ziehen könnte. Alles Gerede um „Strukturreformen“ und, wie die neue Wachstumskräfte freisetzen würden, hat sich als Schall und Rauch erwiesen.

Wäre man weniger vorurteilsbelastet gewesen, hätte man das ohne weiteres erkennen können. Der gesamte Auftragseingang beim deutschen Maschinenbau aus dem Inland und Ausland etwa (vgl. Abbildung 1), ist seit Beginn des Jahres 2011 rückläufig oder stagniert bestenfalls.

Abbildung 1

AE Maschinenbau

Das ist keine Welt, in der es eine die Konjunktur tragende Investitionsdynamik gibt, mögen das die Vertreter der Angebotspolitik oder der „Strukturreformen“ auch noch so sehr erhoffen. Dass der private Verbrauch die Konjunktur tragen könnte, war angesichts der global negativen Rahmenbedingung hoher Arbeitslosigkeit und weiteren Drucks auf die Löhne (wir haben das hier gerade erst für die USA gezeigt), ebenfalls nicht zu erwarten. Da bei den öffentlichen Haushalten weiter gespart wird, gibt es keine sprudelnde Quelle für die Konjunktur. So einfach ist das und doch so schwer, wenn immer wieder der Wunsch der Vater aller Gedanken ist.

Für uns schafft das die Notwendigkeit, eine neue Basis für unsere zwei Alternativ-Szenarien zu legen, also eine halbwegs realistische Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Jahr 2014 abzugreifen. Dazu unterstellen wir im ersten Schritt, dass sich der Außenbeitrag (das ist in der VGR das Korrelat zum Handelsbilanzsaldo) in diesem Jahr nicht verändert, sondern genauso hoch wie 2013 bleibt. Das ist keine Prognose, sondern eine Annahme, bei der negative Schocks aus dem Ausland ausgeschlossen sind. Das bedeutet, dass sich in diesem Jahr das Ausland wieder in der Größenordnung von 200 Milliarden Euro zusätzlich bei uns verschuldet (der Außenbeitrag bleibt bei 167 Milliarden, der Leistungsbilanzüberschuss ist noch etwas höher).

Selbst bei dieser Annahme wird sich das deutsche Wachstum im Vergleich zum Vorjahr bei weitem nicht so stark beschleunigen, wie das die Prognosen vom Frühjahr noch in Aussicht stellten, weil die Inlandsdynamik gering bleibt (alle folgenden Angaben sind in der Tabelle am Ende des Beitrags zu finden, die die wichtigsten Größen der VGR enthält). Die Einkommen der großen Masse der privaten Haushalte (die Masseneinkommen, das sind Nettolöhne- und Gehälter sowie monetäre Sozialleistungen) steigen nach unserer Schätzung nur um 2,9 Prozent (nach 2,6 Prozent 2013). Bei einer unveränderten Sparquote von 10 Prozent ergibt sich für die Haushalte trotz etwas geringerer Preissteigerungen auf der Konsumentenstufe (1,1% nach 1,6%), kein großer Spielraum für eine Ausweitung der Konsumausgaben. In realer Rechnung steigen diese erneut nur um 0,9 Prozent (nach 0,9 Prozent 2013). Zwar werden in diesem Szenario die realen Exporte um einiges stärker steigen als im Vorjahr (4,7 nach 0,9), aber auch die Importe legen kräftig zu (um 6,0 nach 1,5).

Doch diese Nachfrageentwicklung ist insgesamt zu schwach, um die Investitionstätigkeit merklich zu beleben. Die Ausrüstungsinvestitionen dürften nur um knapp 2 ½ Prozent steigen (statt der noch im Frühjahr für möglich gehaltenen 7 bis 8 Prozent), und auch die Bauten werden mit von uns geschätzten 3,5 Prozent nicht so gut laufen wie von den meisten Prognosen unterstellt (5,6 Prozent). Bei den Ausgaben (nominal +2,9 Prozent nach 2,7) und Einnahmen des Staates (+ 3,2 Prozent nach 2,5) schätzen wir in der Basisvariante die Lage nicht anders ein als etwa die Institute in der Gemeinschaftsdiagnose, weil wir auf diesen Bereich nicht unser Hauptaugenmerk legen wollen. Unsere Kritik setzt bei der falschen Einschätzung der konjunkturellen Lage an, während deren Folgen für das Staatskonto quantitativ für ein Jahr aus unserer Sicht von untergeordneter Bedeutung ist.

Insgesamt ergibt sich eine leichte Zunahme des Wachstums des BIP von 1,1 Prozent (nach 0,4 im Vorjahr) und damit ein Wachstum, das deutlich unter dem liegt, was die Mehrheit der Prognostiker bis jetzt erwartet hatte. Bei einer Produktivitätszunahme von 0,9 Prozent folgt daraus nochmals eine leichte Zunahme des Arbeitsvolumens (also der Zahl aller geleisteten Stunden) von 0,2 Prozent (nach 0,1 im Vorjahr).

Bei einer solchen Entwicklung, das muss man noch einmal besonders hervorheben, gibt es von Seiten der privaten Haushalte die Absicht, über 177 Mrd. Euro zu sparen (diese Zahl findet sich in der Tabelle im Anhang im Abschnitt Einkommensverwendung der privaten Haushalte). Das sind natürlich noch keine wirklich realisierten Ersparnisse, sondern das ist lediglich Ausdruck des Versuchs der privaten Haushalte, Schuldner zu finden. In einer Welt, in der aber kaum investiert wird und selbst Nullzinsen nicht ausreichen, um potenzielle Schuldner aus der Reserve zu locken, ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese Sparpläne aufgehen. Wenn für diese gewaltige Summe an geplanten Ersparnissen aber im Nachhinein gesehen keine Schuldner gefunden wurden, kommt es gar nicht erst zu Ersparnissen in dieser Höhe, d.h., die Wirtschaft bricht so lange und so weit ein, bis ein Einkommensniveau gefunden ist, bei dem deutlich weniger gespart wird und „unfreiwillige“ Schuldner auf den Plan treten. Das kann man sich ganz konkret so vorstellen, dass Arbeitskräfte, die dank eines Wirtschaftseinbruchs ihren Arbeitsplatz verlieren, keine Ersparnisse mehr bilden können, sich vielleicht sogar verschulden müssen, oder auch, dass Unternehmen einen Teil ihrer Produktion unfreiwillig als Lagerbildung „investieren“ müssen, sich also in dem Sinne verschulden, dass sie auf Produktionskosten sitzen geblieben sind, die sie nicht über Umsätze wieder hereinholen konnten.

Der wichtigste Gegenposten zum privaten Sparen ist hier wie in allen anderen Prognosen wie gesagt die Verschuldung des Auslandes mit gut 167 Milliarden Euro. Der Staat verzeichnet einen leichten Überschuss von 3,6 Milliarden Euro (nach 0,3 Mrd. Euro im Vorjahr). Der Saldo des Unternehmenssektors (das ist der Rest, der zusammen mit dem Saldo des Sektors der privaten Haushalte und des Staates so hoch sein muss wie der des Auslands mit umgekehrtem Vorzeichen), der hier nicht explizit ausgewiesen ist, verändert sich nur wenig, ist aber auch positiv.

Dieses Szenario zeigt in aller Klarheit, welch eine absurde Vorstellung hinter dem Bild der „brummenden“ deutschen Wirtschaft steht, das doch immer noch bei jeder Gelegenheit in den Medien beschworen wird. Erstens brummt die deutsche Wirtschaft nicht, sondern hangelt sich am Rande einer Rezession entlang, und zweitens ist die relative Stabilität der deutschen Wirtschaft allein der Tatsache geschuldet, dass sich die privaten und öffentlichen Haushalte sowie die Unternehmen des Auslands in jedem Jahr weiter massiv bei uns verschulden.

Wir wollen im zweiten Teil in zwei weiteren Szenarien zeigen, wie man das über eine Änderung der deutschen Lohnpolitik ändern könnte – und was für ein mühsamer und langwieriger Prozess das ist.

Tabelle Basisszenario

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