Archiv | 24.09.2014 (editiert am 25.05.2016)

Wer trägt Deutschlands Sparlast?

Die Story von der Schuldenlast ist altbekannt, aber offenbar unverwüstlich: Schulden belasten angeblich die zukünftigen Generationen, weshalb keine neuen gemacht werden sollen. Auch die gegenwärtig lebenden Menschen werden von der Schuldenlast gedrückt, nämlich von den bereits gemachten Schulden, weil auf sie Zinsen gezahlt werden müssen. Deshalb sei es das Beste, nicht nur keine neuen Schulden zu machen, sondern auch die alten abzubauen. So das Credo der Schuldenkritiker.

Wer es etwas differenzierter mag, der unterscheidet noch zwischen privaten und öffentlichen Schulden. Gegen letztere sollen Schuldenbremse, Fiskalpakt, Austerität und private Finanzierung öffentlicher Investitionen (private public partnership oder gleich Privatisierung öffentlicher Aufgaben) helfen. Gegen die privaten Schulden wird „Konsolidierung“ empfohlen, strenges Haushalten etc., auch wenn die problematischen Auswirkungen dieses Verhaltens auf die Konjunktur eines Landes spätestens seit Aufkommen des Begriffs der „balance sheet recession“ nicht völlig unbekannt sind (vgl. dazu Richard Koos Beitrag in „Handelt jetzt!“). Die Bilanzbereinigung der Privaten wird als notwendiges Übel wahrgenommen, das es sozusagen durchzustehen gelte. Man gelobt im selben Augenblick „Besserung“ für die Zukunft: So plädiert Bundeskanzlerin Angela Merkel für Wachstum, das nicht auf Pump gegründet ist (wir haben das hier kommentiert), und wird in dieser Auffassung u.a. von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) unterstützt, in deren aktuellem Jahresbericht es heißt: „Geborgtes Geld darf nicht länger der wichtigste Wachstumsmotor sein.“ Wolfgang Schäuble hat es beim G20-Treffen der Finanzminister auf das übliche Ceterum Censeo gebracht, nachhaltiges Wachstum könne nur auf Basis von Strukturreformen und einer soliden Finanzpolitik gesichert werden.

Unsere Leser wissen, dass wir auf flassbeck-economics das ganz anders sehen. Und so wollen wir heute wieder einmal die empirische Seite beleuchten und uns statt mit der Schuldenlast, die es angeblich überall auf der Welt und auch bei uns gibt, ganz konkret mit der Sparlast der Deutschen beschäftigen. Auch in der obersten Etage der deutschen Wirtschaftspolitik ist inzwischen angekommen, dass man irgendwie nachhelfen muss, wenn es darum geht, ‚Ersparnisse in Investitionen zu verwandeln‘, wie das im neoklassischen Fachjargon heißt. Trotz extrem hoher Ersparnisse der Deutschen lassen die Investitionen hierzulande nämlich sehr zu wünschen übrig. So sehr, dass der Wirtschaftsminister extra einen Investitionsbeirat einberufen hat, der sich diesem Problem widmen soll (wir haben darüber hier berichtet). Allerdings fehlt es immer noch an der Erkenntnis, dass es nicht um ein Umwandeln von irgendwie vorhandenen Ersparnissen geht, sondern dass das Problem auf der Stufe davor liegt, bei der Entstehung des Einkommens nämlich. Nur tatsächlich entstandenes Einkommen, d.h. tatsächlich produzierte und abgesetzte Güter liefern die Grundlage zur Bildung von Ersparnissen. Und unter ‚abgesetzt‘ versteht man, sozusagen von der anderen Seite des Tresens aus betrachtet, entweder ‚konsumiert‘ oder ‚investiert‘.

Seit dreizehn Jahren schaffen es die Deutschen, die Differenz zwischen dem, was sie produzieren, und dem, was im Inland abgesetzt wird, was sie also selbst konsumieren und investieren, ans Ausland zu verkaufen. Nur auf diesem Wege ist es möglich, dass sie insgesamt hohe Einkommen haben und davon einen erheblichen Teil sparen (also nicht so viel konsumieren), aber gleichzeitig auch wenig investieren. Deutschland leiht sich also in Höhe der inländischen Nachfragelücke Nachfrage aus dem Ausland. Gäbe es diesen Ausweg nicht, herrschte hierzulande seit Jahren Rezession. Für den Nachfrageersatz muss Deutschland dem Ausland in gleicher Höhe Kredit einräumen. Oder anders ausgedrückt: Das Ausland trägt die deutsche Sparlast.

In diesen dreizehn Jahren hat sich die Sparlast auf jährlich dreistellige Milliardenbeträge erhöht (vgl. Abbildung 1). 2013 lag der deutsche Leistungsbilanzüberschuss bei deutlich über 190 Mrd. Euro. Gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind das ungefähr 7 Prozent.

Abbildung 1

Abb 1 LeiBi D

(Die Angaben zum Saldo der Leistungsbilanz variieren zwischen Deutscher Bundesbank (192 Mrd. Euro), Statistischem Bundesamt (201 Mrd. Euro) und internationalen Organisationen wie dem IWF (206 Mrd. Euro), was an Abgrenzungsunterschieden und am Grad der Aktualität der Daten liegen mag. Bei einer politisch so brisanten Zahl – man denke nur an das Verfahren bei makroökonomischem Ungleichgewicht, das sogenannte MIP (Macroeconomic Imbalance Procedure) – ist eine Differenz von 0,7 Prozentpunkten für 2013 allerdings, um es vorsichtig auszudrücken, bemerkenswert. Die 192 Mrd. Euro Überschuss laut Deutscher Bundesbank bezogen auf den nominalen BIP-Wert, den das Statistische Bundesamt aktuell für 2013 ausweist, ergeben 6,8 Prozent. Der IWF veröffentlicht mit Stand von April 2014 einen Wert von 7,5 Prozent. Eurostat gibt im Zusammenhang mit dem MIP statt einfacher Jahreszahlen 3-Jahres-Durchschnitte heraus, was 2013 für Deutschland zu einem Wert von 7,3 Prozent führt.)

Die Sparlast dürfte im laufenden Jahr noch zunehmen, wie die neuesten Daten zur deutschen Leistungsbilanz nahelegen. Die kumulierten Saldo-Werte von Januar bis Juli 2014 liegen gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 12 Prozent höher, so dass eine Steigerung des deutschen Saldos auf bis zu 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im gesamten Jahr 2014 realistisch erscheint, zumal das BIP-Wachstum nicht stark ausfallen wird (der Nenner bei der Prozentrechnung also vergleichsweise langsam zulegt).

„Ausland“ ist ein weiter Begriff. Es lohnt sich anzuschauen, welche Länder(gruppen) wieviel von der deutschen Sparlast schultern. Der Anteil, den die EWU-Partner tragen (vgl. die rote Linie in Abbildung 2), geht seit der Finanzkrise 2008 deutlich zurück und liegt mittlerweile unter 2 Prozent des deutschen BIP. Das ist noch fast ein Viertel des deutschen Überschusses und immerhin gut 45 Milliarden Euro, die sich Deutschlands Währungspartner neu bei uns verschulden.

Abbildung 2

Abb 2 LeiBi nach Ländergruppen

Seit sieben Jahren ungefähr konstant geblieben ist dagegen der Anteil am deutschen Leistungsbilanzüberschuss, den die übrigen Mitgliedstaaten der EU, die nicht zu den 18 EWU-Ländern gehören, aufnehmen (vgl. die grüne Linie in Abbildung 2): Es waren 2013 1,2 Prozent des deutschen BIP oder 17 Prozent des deutschen Leistungsbilanzsaldos, was 33 Milliarden Euro entspricht.

Der Großteil des deutschen Saldos geht mittlerweile auf das außereuropäische Ausland (genauer: das Ausland außerhalb der EU) zurück, das in der Abbildung mit „Rest der Welt“ bezeichnet wird (vgl. die blaue Linie). Von dort erhält Deutschland netto, also grob gesprochen nach Verrechnung von Exporten und Importen, inzwischen 4 Prozent seiner BIP-Nachfrage. Das sind 113 Mrd. Euro. Den Löwenanteil davon tragen mit 35 Mrd. Euro die USA, während etwa Südamerika insgesamt „nur“ 9 Mrd. Euro Defizit mit Deutschland macht. Japans Überschuss mit Deutschland ist inzwischen auf unter 4 Milliarden Euro (2013) gesunken. Selbst die chinesische Leistungsbilanz weist gegenüber Deutschland eine Defizitposition auf, was aber nicht am Warenhandel liegt (dort macht China immer noch einen leichten Überschuss mit Deutschland), sondern am Saldo aus den Erwerbs- und Vermögenseinkommen.

Summa summarum: Deutschland sucht sich andere Handelspartner außerhalb der EU, denen es mehr verkaufen kann, als es von dort bezieht. Wie geht das zu, wo doch ein Land kein eigener Akteur auf den Weltmärkten ist, sondern von vielen einzelnen Unternehmen sozusagen vertreten wird, die sich beim Geschäftemachen in aller Regel nur für die Bonität ihres Kunden, nicht aber für die seines Landes interessieren? Nun, das ist ganz einfach: Die Konjunktur bei den europäischen Handelspartnern, allen voran bei den EWU-Partnern liegt so am Boden, dass deren Nachfrage insgesamt schwach ist und somit auch deren Importneigung. Auf die „Absicherung“ von Krediten durch Rettungsfonds oder die Bereitstellung großer Liquiditätsmengen durch die Europäische Zentralbank (EZB) kommt es da nicht mehr so an.

Im „Rest der Welt“ sieht es konjunkturell ein wenig besser aus, was deutsche Exporteure dank ihrer hohen preislichen Wettbewerbsfähigkeit für sich nutzen können. Wieder wie schon in den Jahren vor der Eurokrise schauen die deutschen Unternehmer dabei nur auf die Bonität ihrer einzelnen Kunden, nicht auf die von deren Ländern. Warum sollten sie das auch? Für Länderrisiken sind sie schließlich nicht zuständig. Dass sich die Defizitpositionen ganzer Länder eines Tages in Wechselkursänderungen entladen könnten, kümmert sie heute nicht.

Ganz im Gegenteil, die Exporteure können sich auch noch auf die Geldpolitik der EZB verlassen. Die schwächt mit ihrer Null-Zins-Politik den Euro gegenüber den großen Leitwährungen, etwa dem Dollar. Seit der Finanzkrise ist der reale effektive Wechselkurs des Euro um ungefähr 15 Prozentpunkte gesunken (vgl. Abbildung 3), d.h. hat eine deutliche reale Abwertung des Euro stattgefunden. Der Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hat sich von 2003 bis 2012 um über zehn Prozentpunkte verändert und zwar in Richtung Zunahme der deutschen Wettbewerbsfähigkeit. Durch diese Konstellation werden die Überschüsse gefördert, die Deutschland außerhalb Europas erwirtschaftet bzw. die die EWU insgesamt gegenüber dem „Rest der Welt“ mittlerweile aufbaut. Dabei spielt es ökonomisch keine Rolle, ob die EZB den Wechselkurs bewusst beeinflusst oder seine Entwicklung (bedauernd oder achselzuckend oder zufrieden?) als unbeabsichtigte Nebenwirkung ihrer Politik ansieht.

Abbildung 3

Abb3 REER

Und so scheint die Strategie kurzfristig aufzugehen, die die deutsche Wirtschaftspolitik ganz Europa als Lösung der Krise predigt, nämlich durch Lohndumping (unter dem Deckmantel von „Reformen“) Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen und dadurch Überschüsse zu produzieren, die das automatisch dann weniger wettbewerbsfähige außereuropäische Ausland aufnimmt. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass das auf Dauer nicht gut gehen wird. Das Wort „Abwertungswettlauf“ wird bald wieder die Runde machen und dann von deutscher Seite empört zurückgewiesen werden, obwohl der reale effektive Wechselkurs genau das belegt.

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