Der starke Juli – Statistik für Feinschmecker

Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie waren im Juli – wir hatten in einem Abo-Artikel darüber berichtet – aus unserer Sicht erstaunlich gut und im Widerspruch zum ifo-Geschäftsklimaindex gelaufen. Preis-, arbeitstäglich und saisonbereinigt hatten sie gegenüber dem Juni 2014 um starke 4,6 Prozent zugenommen. In der Pressemitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums war darauf hingewiesen worden, dass Großaufträge zu dem positiven Ergebnis beitrugen. Doch auch ohne Großaufträge stieg der Index der Auftragseingänge noch um 2,1 Prozent. Die Beurteilung des Wirtschaftsministeriums fiel entsprechend positiv aus: Der „kräftige Anstieg der Bestelltätigkeit [liefert] ein ermutigendes Signal für die Industriekonjunktur. Großaufträge spielten hierbei eine Rolle, aber auch unter Herausrechnung der Großaufträge entwickelte sich die Bestelltätigkeit in den letzten beiden Monaten erfreulich positiv.“

Wir konnten und können uns dieser positiven Sicht der aktuellen Lage und der Zuversicht für die konjunkturelle Entwicklung in den nächsten Monaten nicht anschließen. Die Gründe dafür haben wir bereits mehrfach beschrieben. Nun ist ein weiterer hinzugekommen, den wir heute ergänzend zu unserem letzten Beitrag zur Lage der Konjunktur nachliefern wollen.

Doch der Reihe nach: Inzwischen sind auch die Juli-Zahlen zur deutschen Industrieproduktion veröffentlicht worden. Das Statistische Bundesamt gab bekannt, dass sie preis-, arbeitstäglich und saisonbereinigt gegenüber dem Juni um 2,6 Prozent zulegte. Das Bundeswirtschaftsministerium kommentierte diese Daten so: „Dem Produzierenden Gewerbe gelang ein ermutigender Start in das dritte Quartal.“ Doch dann folgt ein Satz, den man in der Pressemitteilung des Hauses zum Auftragseingang und in den beiden entsprechenden Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes nicht findet: „Das Ergebnis wurde … spürbar durch die späte Lage der Sommerferien in diesem Jahr begünstigt.“

Wenn man die Verschiebung der Lage der Sommerferien in den einzelnen Bundesländern dieses Jahr im Vergleich zu 2013 betrachtet und bevölkerungsgewichtet zusammenrechnet, kommt heraus, dass 2014 die Sommerferien im Durchschnitt über sieben Tage später begonnen haben (während es 2013 gegenüber 2012 sogar umgekehrt war: damals lagen die Ferien im Schnitt 0,4 Tage früher). Grob gesagt haben also dieses Jahr mehr Leute, die wegen Schulkindern an die Schulferienzeiten gebunden sind, ihren Urlaub erst im August antreten können und weniger bereits im Juli. Diese Veränderung kann durch die Bereinigung der Ursprungsdaten der Industrie mit dem Arbeitstagefaktor nicht erfasst werden, weil Urlaubstage nicht automatisch mit Feiertagen zusammenfallen und auch nicht zwangsläufig mit einem Stillstehen der Betriebe einhergehen. Auch die Saisonbereinigung hilft hier nicht weiter, weil sie nur regelmäßige saisonale Muster erfasst, die über die Jahre hinweg mehr oder weniger stabil auftreten.

Dass der spätere Ferienbeginn also eine Rolle gespielt haben dürfte für die für den Juli ausgewiesene Produktionsmenge, räumt das Ministerium ein. (Der umgekehrte Effekt dürfte dann für die im August ausgewiesenen Zahlen eintreten.) Dass der „Ferienverschiebungseffekt“ auch für die Auftragseingänge von Bedeutung sein dürfte, ist unserer Ansicht nach naheliegend und würde das jüngste Auseinanderlaufen von Auftragseingang und ifo-Index zumindest zum Teil erklären. Pikant scheint uns zu sein, dass diese statistische Feinheit von Seiten des Ministeriums bei der Kommentierung der Produktionszahlen, nicht aber bei den – für den Konjunkturbeobachter weit wichtigeren – Daten zum Auftragseingang genannt wird. Man darf gespannt sein, wie die Pressemitteilung des Ministeriums zu den August-Zahlen des Auftragseingangs formuliert sein wird. Ob dort die späte Lage der Sommerferien mit zur Erklärung herangezogen werden wird, wenn eine Eintrübung der Aussichten eingeordnet werden muss? Oder wird man sich hauptsächlich auf die „geopolitischen Entwicklungen“ verlegen, die schon bei der Beurteilung der Juli-Produktionszahlen quasi im Vorgriff warnend genannt wurden („Das Ergebnis [der Produktionsdaten] … bestärkt … die Einschätzung, dass sich die positive Grundtendenz im Produzierenden Gewerbe fortsetzt, soweit es die geopolitischen Entwicklungen zulassen.“)?

Wir werden demnächst die jüngsten Zahlen zum deutschen Außenhandel unter die Lupe nehmen und dabei noch einmal auf die Frage eingehen, inwieweit vorrangig die geopolitischen Einflüsse die konjunkturelle Situation in Deutschland prägen. Schon jetzt aber finden wir wieder bestätigt, was uns schon lange Sorgen bereitet: die in Berlin vorherrschende Mentalität des wirtschaftspolitischen Durchwurstelns, die nach jedem noch so zerbrechlichen Strohhalm greift, wenn es um die Begründung geht, warum der Staat sich konjunkturell nicht ins Zeug zu legen braucht. Denn wenn sich am aktuellen Rand Anzeichen einer Besserung zu zeigen scheinen, besteht ja kein Handlungsbedarf. Mangels schonungslosem Blick auf Lage und Aussichten der Konjunktur – und zwar auf nationaler wie internationaler Ebene – versäumt man in Berlin, ein klares Konzept zu entwickeln, wie der Stagnation und der drohenden Rezession zu entgehen ist. Dieses Konzept von einem „Investitionsbeirat“ zu erwarten, zeigt die Hilflosigkeit der Politiker und ihre Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

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