Müllers Memo – Realsatire zur Deflation bei Spiegel-Online

Einige Leser haben uns auf ein neues Stück aus der Reihe „Müllers Memo“ bei Spiegel-Online hingewiesen, in dem Henrik Müller sich mit der Deflationsgefahr auseinandersetzt. Nun entziehen sich aber manche Texte – und dieser gehört ohne Zweifel in diese Klasse – einer ernsthaften Auseinandersetzung, weil sie einfach zu konfus sind. Wie bei einem hoffnungslos ineinander verschlungenen Seil kann man das ganze Knäuel von Fehlschlüssen und unsinnigen Annahmen nicht entwirren, ohne selbst verrückt zu werden.

Solch gordische Knoten muss man mit Gewalt durchtrennen, und das ist in diesem Fall ganz einfach. Müller schreibt in Anlehnung an ein Papier der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) (Kapitel V des Jahresberichts der BIZ 2014): „Nicht jede Episode fallender Preise ist schlecht. Schließlich ist es erst mal eine gute Sache, wenn Güter billiger werden. Die Kaufkraft steigt, die Bürger können sich bei gleichem Einkommen mehr leisten.“ Und ein wenig später: „Wenn aber beispielsweise die Preise für Industriegüter fallen, die Löhne jedoch konstant bleiben, wird Arbeit immer teurer. Sofern Unternehmen dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, führt Deflation dann zu steigender Arbeitslosigkeit.“

Die BIZ hat in der Tat auf eine historische Phase fallender Preise verwiesen, bei der Ende des 19. Jahrhunderts in einigen Ländern auch das Wachstum positiv war. Nur, was heißt das? Wenn bei einer hohen Produktivitätszunahme pro Jahr die Nominallöhne konstant bleiben, ist es zu erwarten, dass die Preise fallen und die Reallöhne zunehmen. Im Extremfall fallen die Preise genau so stark wie die Zunahme der Produktivität und die Reallöhne steigen folglich ebenfalls wie die Produktivität. Ohne dass man weiß, wie die Abläufe in der entsprechenden Phase waren, was mit den Löhnen – nominal und real – und mit der Nachfrage der privaten Haushalte geschah, kann man aus dieser Episode überhaupt nichts schlussfolgern, auch wenn die BIZ suggeriert, das könne eine „gute“ Deflation gewesen sein. Es wäre vermutlich auch damals für die wirtschaftliche Entwicklung viel „besser“ gewesen, die Nominallöhne wären entsprechend der Produktivität gestiegen und das Preisniveau wäre konstant geblieben oder – bei einem leicht positiven Inflationsziel – die Nominallöhne wären sogar etwas stärker als die Produktivität gestiegen.

Dass die Industriegüterpreise fallen, wenn die Löhne konstant bleiben (der zweite Fall von Müller), passiert auch nur, wenn die Produktivität stark zunimmt. Dann ist es aber auch wieder unproblematisch, wenn die Reallöhne zunehmen, weil das ja durch die Produktivität gedeckt ist. Mit einem Verlust von Wettbewerbsfähigkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Die Vorstellung, die Preise für Industriegüter fielen einfach nur so von selbst, ohne dass sich in der Realität etwas geändert hat, entbehrt jeder Anbindung an wirtschaftliche Vorgänge.

All diese Überlegungen sind vollkommen neben der heutigen Sache, weil wir ja ganz genau wissen, warum es deflationäre Tendenzen gibt. Wir wissen, dass die Produktivität eben nicht stark steigt, und wir wissen, dass die Nominallöhne nach unten gedrückt werden bei dem sinnlosen Versuch, in ganz Europa die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Der enge Zusammenhang von Lohnstückkosten und Preisentwicklung gilt auch hier. Was soll also die ganz Spekulation um gute oder schlechte Deflation? Es ist wie immer in solchen Fällen: Es ist ein Elefant im Porzellanladen unterwegs, aber keiner will das wahrhaben, weil es den eigenen Vorurteilen fundamental widerspricht. Folglich streitet man trefflich über alle möglichen Gründe für die vielen zerbrochenen Tassen, ignoriert aber konsequent den Elefanten.

Der Autor dieses bahnbrechenden Beitrages bei Spiegel-Online hat übrigens ein Buch über 50 Wirtschaftsirrtümer geschrieben – vermutlich meint er damit vor allem seine eigenen.

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