Archiv | 22.09.2014

Rhetorik und Ökonomie (1)

Gastbeitrag von Joachim Grzega 

Als Leiter des Europäischen Hauses Pappenheim und gelernter Linguist beschäftige ich mich unter anderem mit dem Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Wirtschaftsgeschehen. Sprache formt das Denken. Manche Wörter verursachen historisch tief verwurzelte negative Assoziationen, sodass sie einen neutralen Blick auf die bezeichnete Sache schlecht ermöglichen oder den Kern der Sache vielleicht sogar gänzlich verdecken.

Zu diesen Wörtern gehört Inflation. Dass zu einem wie auch immer gearteten Fortschritt eine gewisse Inflation gehört, dass laut Studien (zum Teil sogar des Internationalen Währungsfonds, März 1996) eine gewisse Preissteigerung sogar förderlich ist und dass im Gegenteil eine zu niedrige Inflation schnell in Deflation und damit Rezession umschlagen kann, gehört nicht zum Allgemeinwissen. Stattdessen scheint Inflation Assoziationen an Zeiten von Hyperinflationen zu wecken. Weder der Ausdruck Deflation noch das damit verbundene Geschehen scheinen dagegen in auch nur ähnlichem Maße in den Köpfen präsent.

In meiner eigenen Schulzeit habe ich Ende der 1980er den Inflationsbegriff als Geldentwertung bzw. Kaufkraftverlust kennengelernt; zu Deflation dagegen habe ich im Geschichtsunterricht (trotz der Brüningschen Politik, die letztlich zum Aufstieg der Nazis geführt hat) nichts ins Heft geschrieben, im Wirtschaftsunterricht nur, dass es das Gegenteil von Inflation ist. Obwohl offizielle Zahlen seit geraumer Zeit belegen, dass in der Euro-Zone die Gefahr einer Deflation besteht, taucht der Begriff in Zeitungsüberschriften erstaunlich wenig auf. Statt von “Deflationsgefahr” liest man eher von “niedriger Inflation”, was dann sogar noch positiv klingt; selbst “zu niedrige Inflation” klingt wenig abschreckend.

Eine Analyse der Überschriften im Zeitraum 15.08.13 bis 15.08.14 der Zeitungen Frankfurter Rundschau, Die Welt, Le Monde, Le Figaro, El País, El Mundo, Gazeta Prawna, Gazeta Wyborcza, The Daily Telegraph und The Guardian (das sind je eine links-progressive und eine rechts-konservative Zeitung) zeigt mir, dass sich lediglich in den französischen Überschriften annähernd so viele Nennungen von déflation (54) wie von inflation (59) finden. In den übrigen Nationen kommt letzterer Begriff mehr als doppelt so häufig vor.

In dieses Bild passen auch Umfrageergebnisse des von der EU in Auftrag gegebenen Eurobarometers, das vor kurzem veröffentlicht wurde (Standard Barometer 81) und das auf Befragungen vom März bis Juni des Jahres zurückgeht. Der Aufbau der Fragebögen in den Eurobarometern ist leider oft unbrauchbar; ein Grund ist etwa, dass Begriffe manchmal unklar sind. Im besagten Fragebogen bleibt etwa unklar, was genau mit “wirtschaftliche Lage eines Landes” in Abgrenzung zu Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung gemeint sein soll. Dennoch geben die Ergebnisse manchmal interessante Einblicke. Zum Beispiel sehen fast zwei Fünftel “Inflation / steigende Preise” als eines der drei größten Dinge persönlicher Betroffenheit; ein Fünftel hält dies für eines der drei dringlichsten Probleme ihres Staates. 12 Prozent sehen es als eines der dringlichsten Probleme der EU an. Betrachtet man nur die Ergebnisse der deutschen Befragten, wird die Inflation sogar am häufigsten als dringliches nationales Problem genannt (was auch die jüngst veröffentlichten Ergebnisse der jährlichen R+V-Studie Die Ängste der Deutschen widerspiegeln) – und dies, obwohl ausgerechnet Deutschland jahrelang weit unter der für die Eurozone vereinbarten Inflationsrate von knapp 2% geblieben ist. Immerhin konnte ich bei meiner El-País-Lektüre im Mallorca-Urlaub in Überschriften öfter Warnungen vor einer Deflation lesen, etwa durch zu geringe Löhne (El País 31.08.14 + 02.09.14 + 04.09.14).

Der umgekehrte Fall einer fest verwurzelten positiven Konnotation ist Wirtschaftswachstum. Es darf bezweifelt werden, dass eine breite Mehrheit wirklich damit vertraut ist, was alles zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Mit einer lyrischen Strophe formuliert: “Pflegst Du den Großpapa nur bei Dir daheim / und gibst ihn nicht in irgendein Pflegeheim / und kochst und wäschst und tust für ihn manches Ding, / bleibt das BIP – – – gering. / Doch: Macht dies ‘ne Billig-Pflegekraft früh und spät, / wird das BIP – – – erhöht.” Strophe 2: “Bist unfallfrei Du, fährst Du mit Augenmaß, / hat man ein Fahrzeug ohne viel Auspuff-Gas / und braucht Dein Fahrzeug kein oder kaum Benzin, / bleibt das BIP – – – gering. / Doch: wenn’s raucht und crasht, zu Schrott wird Natur, Mensch, Gerät, / wird das BIP – – – erhöht.” Schaffen es solche Strophen in die Charts oder Ähnlichem, kann ein Wandel im Denken einsetzen.

Ein Wandel im Denken kann durch einen Wandel in der Sprache ausgelöst werden. Wie aber kann eine geänderte Wortwahl in der alltäglichen Diskussion aussehen, damit die sachlichen Erkenntnisse eines Flassbeck-Economics-Lesers schneller verbreitet werden können? Möglichkeiten präsentieren die folgenden Abschnitte.

  1. Man kann immer wieder kurz die Definition eines Ausdrucks in Erinnerung rufen und dabei die wichtigen Punkte betonen. Definitionen werden gern vergessen, wenn ein Begriff schon in irgendeine Richtung besetzt ist. Alles aber ist eine Frage der Definition. Was ist mit Inflation gemeint und welche Art von Inflation wollen wir dann? Was wird gemessen und interessiert uns überhaupt das, was wir messen? Und falls wir etwas vergleichen: vergleichen wir überhaupt Vergleichbares?
  2. Man versucht, einen emotionalen Alltagsbegriff auch ökonomisch zu besetzen. Man könnte die Politik zur Senkung einer normalen Inflationsrate als Destabilisierung bezeichnen. Allerdings wird von Neoliberalen Stabilität auch im Sinne von ‘geringe Inflation, Nullinflation’ verwendet (quasi als horizontale Kurve in der grafischen Umsetzung) – man muss dann darauf hoffen, dass sich als Definition die Stabilität der persönlichen Lage von Menschen durchsetzt. Insgesamt wird eine solche rhetorische Maßnahme erfolgreicher, wenn man gleich ein Netz an bildhaften Ausdrucksweisen schafft. Mehr dazu in einem späteren Beitrag.
  3. Man versucht einen Ausdruck neu zu besetzen, etwa durch Kombination mit neuen Wörtern. Dies ist relativ schwierig und gelingt wohl nur, wenn sich daran ausreichend viele Sprachrohre beteiligen. Möglichkeiten der Umbesetzung ergeben sich etwa durch die Wortkombinationen gute/kluge/vernünftige/gesunde/nützliche/wertvolle/wohlige Inflation[shöhe]. Auch dazu mehr in einem späteren Beitrag.
  4. Man kreiert einen neuen “sprechenden” Begriff. Die Antiinflationspolitik könnte etwa ausgedrückt werden durch Kombinationen mit Entwertung: Sachentwertung, Arbeitsentwertung, Leistungsentwertung (wobei allerdings Neoliberale auch Leistung für sich bereits neu besetzt haben). Für ‘Inflation’ könnte man entsprechend von Aufwertung sprechen. Freilich ist der Nutzen von Inflation nichts Lineares im Sinne von “je höher, desto wertvoller”. Die förderliche Inflation (je nach Studie zwischen 1 und 40 Prozent) liegt zwischen zu niedriger Inflation (bzw. Deflation) und Hyperinflation; nützlich sind dann vor allem Ausdrücke, bei denen wiederum Kombinationen mit einer Bezeichnung der “goldenen Mitte” möglich sind und sich auch bei einer Grafik eignen, bei der nicht die absteigende, nicht die horizontale und nicht die steil ansteigende Kurve für das Preisniveau ideal ist, sondern die leicht ansteigende.

Wörter in Kombination mit stimmigen Bildern sind besonders mächtig. Man könnte etwa von Sachwertentwicklung oder Sachwertwachstum sprechen (Wachstum ist nicht null und nicht negativ, sondern positiv, aber auch nicht zu sehr positiv, dann wäre es eine Wucherung). Damit rückt man den Begriff dann in die Nähe des positiv klingenden Wirtschaftswachstum. Das kann man bewusst tun; will man es vermeiden, kann man Sachwertwuchs hernehmen. Auch ein Vergleich mit Temperatur wäre möglich: die Preis-Temperatur ist ideal, wenn sie warm ist, ansonsten ist sie heiß [Fieber!] oder kalt [Schüttelfrost!] (diese Unterscheidung funktioniert zumindest für gemäßigte Klimazonen). Wenn man den empirischen Zusammenhang zwischen Inflation und Lohnstückkosten betonen will, könnte man die Inflationskurve als Lohnstückkostenindikator bezeichnen. Auch eine Kombination mit dem neutralen Zustand wäre denkbar, etwa Preis-Zustand: dieser kann dann gut oder schlecht sein.

Wachstum, Zustand, Preis-Temperatur, gesund lassen das wirtschaftliche Geschehen wie einen Körper erscheinen. Solche Bildernetze beeinflussen das Denken besonders. Und um sie wird es in meinem nächsten Beitrag gehen.

 

Joachim Grzega, Jahrgang 1971, ist seit 2012 Leiter des Europäischen Hauses Pappenheim, einer Forschungs- und Bildungseinrichtung zu Sprache, Politik und Kulturen in Europa. Promotion 2000 in Romanischer, Englischer und Deutscher Sprachwissenschaft, Habilitation 2004 in Englischer und Allgemeiner Sprachwissenschaft. 2008 gründete er die Academy for SocioEconomic Linguistics (ASEcoLi). Seit 2010 ist er außerplanmäßiger Professor an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Experten-Laien-Kommunikation, der Fremdsprachenanfangsunterricht und der Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Handeln – insbesondere im Bereich der Ökonomie.

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