Rhetorik und Ökonomie (2)

Gastbeitrag von Joachim Grzega

Während sich in der Wirtschaftsgeschichte gezeigt hat, dass vor allem gemischte Wirtschaftssysteme (also mit mittelstarker Rolle des Staates) für das Wohl der breiten Bevölkerung sorgen können, haben es neoliberale Vertreter in den letzten Jahrzehnten vermocht, dass Begriffe für ‘Staat’ negative Assoziationen auslösen. Dies spiegelt sich auch in den Antworten des Standard Eurobarometers Nr. 81 wider. In der Hälfte der EU-28-Staaten stimmen über zwei Drittel der Befragten folgender Aussage zu: “Der Staat mischt sich zu sehr in unser Leben ein.” Nur in Estland, Litauen, Finnland und Schweden stimmen weniger als die Hälfte der Leute dieser Aussage zu. Als Leiter des Europäischen Hauses Pappenheim und gelernter Linguist beschäftige ich mich unter anderem mit dem Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Wirtschaftsgeschehen. Sprache formt das Denken. Und dazu gehört – wie ich in meinem ersten Beitrag für flassbeck-economics erwähnt habe – der Aufbau von Netzen rhetorischer Bilder. Die Kognitive Linguistik macht seit den bahnbrechenden Beiträgen von George Lakoff immer wieder darauf aufmerksam, wie ein übergeordnetes Bild zu einem Netzwerk an sprachlichen Bildern führt, mit denen unsere Sichtweise beeinflusst und gefestigt wird. Ein solches übergeordnetes Bild, das wir europaweit in den Medien finden, ist etwa Folgendes: “Wirtschaft ist Wettkampf”. Galt dies ursprünglich als mikroökonomische Metapher, so hat sich dies in den letzten Jahren auch für die Nationen-Ebene, die volkswirtschaftliche Ebene ausgebreitet.

Dazu gehört beispielsweise der Begriff Wettbewerbsfähigkeit. Spätestens seit er im Zuge der Diskussionen um die Lissabon-Strategie zur Jahrhundertwende aufkam, hat er es aus dem Munde von Personen, denen Medien die Attribute Kompetenz und Führungsstärke zuschreiben, immer wieder in deutsche Zeitungsüberschriften geschafft. Aber nicht nur dort – auch in spanischen Zeitungsüberschriften ist der Begriff präsent. Analysiert man etwa die Zeitungsüberschriften der Jahre 2003 bis 2013 für Frankfurter Rundschau, Die Welt, El País und El Mundo (also je eine eher links-progressive und eine eher rechts-konservative Zeitung), dann sieht man, dass in letzteren der Ausdruck competitividad in Überschriften weitaus präsenter ist als in Deutschland: Die niedrigste Jahrestrefferzahl in den spanischen Zeitungen (34 im Jahr 2010) ist immer noch höher als die höchste Jahrestrefferzahl in den deutschen Zeitungen (15 im Jahr 2012).

Viel weniger präsent ist der Ausdruck zwar in französischen Zeitungsüberschriften (wenn man etwa Le Monde und Le Figaro analysiert); dafür lautet der Titel des zentralen wirtschaftspolitischen Programmes vom 06.11.12 Pacte national pour la croissance, la compétitivité et l’emploi (Nationalpakt für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung). Auch die spanische Regierung veröffentlichte am 06.06.14 ihren Plan de medidas para el crecimento, la competitividad y la eficiencia (Maßnahmenplan für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz). Und das deutsche Finanzministerium betitelte seinen Jahreswirtschaftsbericht für 2013 Wettbewerbsfähigkeit – Schlüssel für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland … und fügt ratgebend hinzu … und Europa.

Die Wirkung von Zeitungsüberschriften und Namen von Programmen ist nicht zu unterschätzen. Und daher wäre auch zu hinterfragen, ob die Übertragung von betriebswirtschaftlichem Unternehmensvokabular auf volkswirtschaftliche Zusammenhänge und Wirtschaftspolitik sinnvoll ist. Auf welchem Gebiet etwa will man als Staat besser werden? Außerdem: Es können ja nicht so einfach Nationen aufgelöst und deren bisherige Bürger nun von anderen Staaten aufgenommen werden, wie Betriebe wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit aufgelöst werden und die Personen dann in einem anderen Betrieb Arbeit finden oder von Sozialzuwendungen des Staates unterstützt werden. Und wenn bei diesem Bild andere Staaten Konkurrenten sind, wer sind bei diesem Bild dann die Kunden, die den Unternehmen bzw. Staaten Gewinne bringen? Und: wenn ein Unternehmen sich einen Wettbewerbsvorteil nicht durch Innovation, sondern durch bloße Einsparung verschafft, dann bedeutet das für einen anderen Einnahmenverlust, was zu Entlassungen führen kann. Arbeitslose werden dann vom Staat unterstützt. Wenn aber jetzt der Staat ein Unternehmen ist, wer übernimmt die ursprüngliche Rolle des Staates? Das Bild ist also wenig durchdacht. Ähnlichkeit scheint es nur darin zu geben: Sowohl wenn ein Unternehmen etwas einspart als auch wenn der Staat etwas einspart, bedeutet dies für einen anderen einen Einnahmeverlust, der sich potenzieren kann. Es wird damit eine Abwärtsspirale losgetreten.

Ein anderes Beispiel im Rahmen “Volkswirtschaft ist Wettkampf” ist der Ausdruck Exportweltmeister. Auch hier ist von der Logik her völlig klar, dass nicht jeder Staat gleichzeitig mehr exportieren als importieren kann. International kann Handel auf Dauer nur funktionieren, wenn alle entweder immer genauso viele Importe wie Exporte aufweisen (was unrealistisch ist) oder wenn abwechselnd mal die einen eher importieren, mal die anderen. Dennoch freuen sich viele, wenn sie sagen können: wir sind Export-Weltmeister – jedenfalls bei einer bestimmten Zählweise (man kann ja die Importe/Exporte einer Nation oder pro Einwohner einer Nation berechnen, man sucht sich halt das Passende raus – es ist alles Definition). Auch jüngst feierte Deutschland wieder diesen Titel und ignoriert wiederholte Warnungen seitens des IWF und der OECD und Mahnungen seitens der EU.

Eine andere häufige Metapher ist: “Ein Wirtschaftsakteur ist ein Körper.” Dazu gehört auch das Bild “Der Staat ist ein Körper”. Dies ist schon in meinem letzten Beitrag angeklungen, etwa im Zusammenhang mit gesundem Wachstum und angemessener Preis-Temperatur. In eine ähnliche Richtung läuft folgende Beobachtung: Verschiedene EU-Staaten mussten sich seit der Jahrhundertwende in deutschen Medien schon als kranker Mann Europas bezeichnen lassen: Deutschland, Italien, Frankreich und die Niederlande. Dabei kommt der neoliberalen Lehre zu pass, dass das Wort Staat nicht nur die Gesamtheit aller Bürger, sondern auch den Staatsapparat und sein Wirken bezeichnet. Das gilt auch in allen europäischen Sprachen. Damit können die Wohlhabenden und sonstigen Anhänger einer neoliberalen Lehre einen “schlanken Staat” predigen. Recherchiert man diesen Begriff mittels Google im Web, so scheint er mit Ausnahme von Skandinavien und einem kleinen Teil des westlichen Europa in der ganzen EU häufig.

Bleibt die Frage nach rhetorischen Gegenmitteln. Wenn die taz ein einziges Mal sarkastisch schreibt “Nicht schon wieder Weltmeister” (06.03.14), dann ändert dies nichts. Weltmeister bleibt auch bei bloßer Verneinung ein starkes Bild mit der entsprechenden positiven Assoziation. Daher klingt Nullwachstum (engl. zero growth, frz. croissance de zéro) besser als Stillstand, und Minuswachstum besser als Schrumpfung oder Rückgang. Lösungsmöglichkeiten sind etwa folgende:

  1. Man übernimmt konkrete Bilder, perfektioniert sie und pervertiert diese dadurch gewissermaßen. Ja, könnte man sagen, Deutschland ist ein Spitzensportler in der Disziplin Exportieren. Das Bild des Spitzensportlers stimmt. Denn wie bei diesen werden die besonderen Beanspruchungen, die eine solche Leistung mit sich bringt, dazu führen, dass der Spitzensportler gesundheitlich bald kaputt geht, bald keine sportliche Spitzenleistung mehr erbringen kann und auch kein körperlich normales Leben mehr führen können wird. Breitensport ist also besser. Damit das durchdringt, muss man auch hier möglichst viele Gelegenheiten haben, dies übertreibend zu wiederholen.
  2. Man schafft einen neuen Bilder-Rahmen, in dem sich eine Reihe von Einzel-Bildern unterbringen lassen. Wohl alle derzeit weitverbreiteten ökonomischen Bilder vergleichen volkswirtschaftliches Handeln mit dem Emporstreben auf einer Skala. Tatsächlich fehlen mittlerweile in der Sprache der Wirtschaft Begriffe für eine goldene Mitte, für ‘ideal’, für ‘ausgeglichen’. Etwas ist entweder teuer oder billig. Das Wort wohlfeil für ‘im Preis angemessen’ ist weitgehend außer Gebrauch. Und sein ursprüngliches Synonym billig wird heute eben im Sinne von ‘von niedrigem Preis’ verwendet. Adjektive wie teuer (‘von hohem Preis’) und billig (‘von niedrigem Preis’) lassen sich nämlich ganz einfach steigern oder mit einem zu versehen. Etwas ist dann “zu teuer” und muss “billig-er” werden. Das geht bei einem Wort wie wohlfeil und ausgeglichen nicht ohne weiteres. Diese Lücke kann nun von Vorteil für die Verbreitung neuer Bilder sein: “Staatliches Handeln ist Balancieren/Domptieren/(Aus)gleichen/(Aus)richten” bzw. “Der Staat ist Balanceakt-Künstler/Dompteur”. Das erlaubt etwa die Wörter ausgleichen, angemessen, fair, gerecht und “mittlere Skalenwörter” wie warm (vs. kalt und heiß), Trab (vs. Schritt und Galopp).

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