Rhetorik und Ökonomie (3)

Gastbeitrag von Joachim Grzega

Wie präsentiert man empirisch nachweisbares und der Logik verpflichtetes ökonomisches Wissen, damit es ein breites Publikum erreicht? Dies interessiert mich als Sprachwissenschaftler und Leiter des Europäischen Hauses Pappenheim. In früheren Beiträgen habe ich bereits zwei Möglichkeiten genauer ausgeführt. Hier soll es nochmal um eine Variante gehen, die ich in meinem ersten Beitrag nur kurz erwähnt habe: Man versucht einen Ausdruck neu zu besetzen, etwa durch Kombination mit neuen Wörtern.

Diese Technik bedarf allerdings ausreichend vieler Sprachrohre. Hier sind noch einmal die Vorschläge für die Umbewertung von Inflation, die ich in meinem ersten Beitrag schon gemacht habe: gute/kluge/vernünftige/nützliche/wertvolle/wohlige/gesunde Inflation[shöhe]. Die Kombination mit gesund passt gut ins Bild des Staates als einem Menschen bzw. einem Körper, dem es gesundheitlich gut gehen soll – ein Bild, das ich im letzten Beitrag beleuchtet habe.

Hier sind noch weitere Vorschläge von Wortkombinationen, die ein Umdenken gängiger Vorstellungen von Inflation als etwas Bösem in Gang setzen könnten.

(a) nicht gemeisterte Inflation[shöhe] (was gut zum schon früher vorgestellten Bild der Volkswirtschaft als Wettkampf passt);

(b) fruchtbare Inflation[shöhe] und anderes gleich als furchtbare Inflation[shöhe] bezeichnen, bevor der Gegner selbst das fruchtbar satirisch zu einem furchtbar “korrigieren” will.

(c) wachstumssteigernde Inflation (passt ins Bild des staatlichen Geschehens als körperlichem Geschehen und eignet sich außerdem gut für Grafiken, wo die leicht ansteigende Kurve ideal ist).

Bei einer häufig werdenden Wortkombination kann man beobachten, dass beide Elemente zu einer festen Einheit werden, sodass das eine Wort ohne das andere kaum mehr denkbar ist und/oder dass der emotionale Beiklang des einen Wortes auf das andere überspringt. So etwas kann man just in der Mediensprache beobachten. So bezeichnen Medien als Freudscher Versprecher jede unglückliche gewählte Aussage und jede zweideutige Aussage von Prominenten, selbst wenn der Prominente nachweislich nicht in die Nähe der Zweitbedeutung gebracht werden kann (das ist ja die Unterstellung des Ausdrucks Freudscher Versprecher: eine sprachliche Fehlleistung, bei der ein Sprecher seinen eigentlichen Gedanken preisgegeben hat). Und praktische jeder Verbrecher wird in den Medien selbst dann noch als mutmaßlicher Täter bezeichnet, wenn die Tat bewiesen und vom Täter auch zugegeben ist und man demzufolge gar nicht mehr mutmaßen muss. Die Ausdrücke mutmaßlich und Freudsch werden dabei sinnentleert. Das kann letztlich auch bei den oben genannten Kombinationen entstehen. Dadurch dass sie allerdings deutlich positiv empfundene Adjektive verwenden, kann diese positive Konnotation auf das Substantiv überspringen.

Umgekehrt gilt natürlich das gleiche. Bei einer häufig gewordenen Wortkombination wie kalte Progression besteht Gefahr, dass die Bedeutung sich erweitert und auf jede Form von Progression ausdehnt. Die Problematik ist hier, dass kalt meist negativ assoziiert wird. Das kann dann zur Folge haben, dass Progression an sich als gefühlskalt und ungerecht empfunden wird. Die Folge könnte ein einheitlicher Steuersatz sein, was bei den Wohlhabenden des Landes zu einer weiteren Anhäufung von Geld führte, das die Gesamtbevölkerung erarbeitet hat. Und es führt zu mehr Ungerechtigkeit, weil Vermögende sich immer einen besseren findungsreichen Steuerberater leisten können als andere und weil sie für ihr Mehr an Geld, das sie wegen zentraler Bedürfnisse nur auf exquisite Luxus-Dinge verwendet werden können, dann genauso viele Steuern zahlten wie auf Geld, das sie zum “echten” Leben brauchen. Begründet ist die derzeitige Steuerprogression nämlich im Sozialstaatprinzip und im Leistungsfähigkeitsprinzip (das wiederum aus dem Gleichheitsprinzip erwachsen ist): wer mehr verdient, ist auch fähig, einen verhältnismäßig höheren Beitrag zur Finanzierung der Sozialstaatsaufgaben zu leisten. Manche lassen das Gleichheitsprinzip in einer Opfertheorie münden: Steuern auf Einkommen, die für Luxus-Güter zur Verfügung stehen, tun weniger weh, als Steuer auf Einkommen, die man zu einem menschenwürdigen Leben braucht; das Opfer ist also geringer, deswegen müssten bei größeren Einkommen die Anteile, die man nicht mehr zum menschenwürdigen Leben braucht, höher besteuert werden. Beseitigt man die Progression (egal ob sie linear oder stufig oder sonst irgendwie war), beseitigt man also auch das Gleichheitsprinzip – auch wenn man es anders aussehen lassen kann.

Wichtig ist, immer wieder die gleichen Kombinationen rüber zu bringen. Es schadet nicht, immer wieder das Gleiche zu sagen. Vielmehr nützt es, selbst wenn etwas nicht direkt in Bilder eingebettet wird. Beispielsweise gehören Investieren und Sparen volkswirtschaftlich zusammen: Was der eine spart, kann ein anderer als Kredit/Schulden für Investitionen aufnehmen. Das heißt nicht, dass umgekehrt jedes Investieren ein Sparen erfordert; Investieren kann auch mit anderen Mitteln ermöglicht werden (z.B. hauptsächlich durch Geldschöpfung der Banken). Aber die Grundidee des Sparens ist die Mittelbereitstellung für Investitionen. Dennoch scheint für Zeitungsmacher investieren viel weniger wichtig als sparen. Im Zeitraum 15.08.10 bis 15.08.14 taucht letzteres in den Überschriften in Frankfurter Rundschau und Die Welt fast 6-mal häufiger auf als ersterer (1.196 Treffer vs. 212 Treffer). Ein ähnliches Verhältnis ergibt sich bei einer entsprechenden Analyse der österreichischen Zeitungen Der Standard und Die Presse. Nimmt man Le Monde und Le Figaro her, so erscheint der Ausdruck für ‘investieren’ zwar mehr als doppelt so häufig wie Ausdrücke für ‘sparen’ (263 Treffer vs. 104 Treffer); allerdings ist der Terminus austerité hochpräsent (493 Treffer). Das ist eine Ursache, warum auch dort Sparen wichtiger erscheint als Investieren.

Zusammengefasst: Weil das Aufzeigen von logischen Zusammenhängen Aufmerksamkeit erfordert, braucht man auch zur Erklärung rein logischer ökonomischer Zusammenhänge entsprechende rhetorische Kraft, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (Georg Franck formulierte vor rund 15 Jahren den Ausdruck Ökonomie der Aufmerksamkeit). Rhetorische Kraft, nicht inhaltliche Kraft, ist die erste Überzeugungskraft – gerade auch im wirtschaftspolitischen Diskurs. Das ist keine qualitative Einordnung, sondern eine chronologische. Rhetorische Kraft ist nicht hinreichend für das Vermitteln von wirtschaftlichen Zusammenhängen, wohl aber notwendig, wenn man sich vergegenwärtigt, was und wer in den Massenmedien zitiert wird. Es kommt dabei sicher nicht darauf an, dass jedes Detail ein rhetorischer Knaller ist. Aber die Details am Ende immer wieder in einen packenden sprachlichen Rahmen zu bringen, nützt der Verbreitung der Inhalte durchaus – insbesondere, wenn sich auch viele an unterschiedlichen Stellen daran beteiligen. Auch (oder vielleicht: gerade) ein gesunder Inhalt braucht offenbar zunächst mal eine attraktive Verpackung. Bei Mahlzeiten sagt man: Das Auge isst mit. Beim Vermitteln wirtschaftspolitischer Argumente könnte man sagen: Das Ohr denkt mit. Vorgestellt habe ich in meinen drei Beiträgen folgende rhetorische Mittel: geschickte Wortkombinationen, die Überbeanspruchung und damit Perversion alter Metaphern, neue Metaphern in einem alten Metaphern-Rahmen und neue Metaphern-Rahmen.

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