Vollgeld – die Kritik der Kritik

Professor Joseph Huber, Inhaber des Lehrstuhles für Wirtschafts- und Umweltsoziologie an der Universität Halle und in Deutschland der profilierteste Vertreter des Vollgeldkonzeptes, hat auf unsere Kritik am Vollgeld geantwortet. Zu finden ist das hier.

Die Antwort ist aber, um es milde zu sagen, enttäuschend. Professor Huber bestätigt nämlich explizit, dass diese Lehre sich ohne Abstriche auf die sogenannte Quantitätstheorie beruft, die auch dem Monetarismus zugrunde lag. Zwar lehnt er die Gleichsetzung oder auch nur Nähe der Vollgeldidee mit dem Monetarismus ab, aber das hilft ja nicht weiter. Wenn ich ein Tier sehe, das aussieht wie ein Elefant, sich benimmt wie ein Elefant und Töne macht wie ein Elefant, dann nenne ich es Elefant, auch wenn das Tier es explizit ablehnt, Elefant genannt zu werden. Wir haben den Monetarismus ja hauptsächlich wegen der naiven Verwendung der „Quantitätstheorie“ kritisiert, folglich gilt die Kritik für jeden, der sie in gleich naiver Weise verwendet.

Professor Huber hat sicher nicht gelesen, was wir im zweiten Teil der Serie über die Quantitätstheorie geschrieben haben. Sonst hätte er diese „Theorie“ vermutlich nicht so vehement verteidigt. Er schreibt:

„Die Quantitätstheorie des Geldes ist eine der ältesten und bewährtesten ökonomischen Lehren überhaupt. Sie ist heute so grundlegend wie seit jeher und sie beinhaltet, dass der Schlüssel zu sicherem Geld und stabilen Finanzen, zumindest ihre grundlegende Voraussetzung, in der Geldmenge und also auch der geldpolitischen Kontrolle über die Geldmenge liegt. Neben der rechtlichen Weisungsbefugnis bzw. Kommandogewalt ist Geld – und zwar nicht nur seine Allokation und Verteilung, sondern zuvor schon seine Schöpfung und Erstverwendung – das bedeutendste Mittel gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsausübung.“

In unserer Kritik am Monetarismus vom 19. 2. 2014 heißt es: „Die erste Zutat zum Friedmanschen Rezept war die sogenannte Quantitätstheorie. Für jeden Menschen, der sich vor Beginn der siebziger Jahre schon einmal mit dieser „Gleichung“ auseinandergesetzt hatte, war es mehr als verblüffend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit die daraus gezogenen Lehren von den Spitzen des Fachs akzeptiert und vollkommen verinnerlicht wurden. Ich lernte schon während meines Studiums, vor allem aber während meiner Zeit im Stab des Sachverständigenrats Ökonomie vor allem mithilfe der Lektüre von Schumpeters „History of Economic Analysis“ (ein phantastisches, aber keineswegs leichtes Buch, von dem es meines Wissens auch keine gute deutsche Übersetzung gibt). Wer die vielen Passagen in diesem Werk über die Geschichte der Quantitätstheorie und deren inhärente Logik auch nur einigermaßen erfasst hatte, konnte nur staunen über die Naivität, mit der weltweit, aber ganz besonders in Deutschland den Monetaristen diese uralte Lehre aus der Hand gefressen wurde.

M x V = P x Y, wie die Gleichung häufig geschrieben wird (mit M als Geld, V als der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, P dem Preisniveau und Y als realem Volkseinkommen), ist keine Theorie, sondern eine Identität. V ist die Variable, die definitionsgemäß für den Ausgleich der Größen sorgt, weil es immer ein Vielfaches der Geldmenge gibt, das die rechte Seite, das nominale Bruttoinlandsprodukt (bzw. eine andere Einkommensgröße) finanziert. Aus dieser Gleichung ergibt sich in keinem Fall, dass man nur die Geldmenge (was immer das sein mag) steuern muss, um die Inflation, also die Entwicklung von P, in den Griff zu bekommen. Auch in Zuwachsraten geschrieben, also etwa dM + dV = dP + dY, nimmt der Gehalt der Gleichung nicht zu. Aber dennoch wurde dieser primitive und nichtssagende Zusammenhang zum Schicksal der deutschen und europäischen Volkswirtschaften für mehr als dreißig Jahre.“

In dieser Gleichung sind ex ante (also auf die Zukunft bezogen) alle Variablen unbekannt. Niemand weiß, wie hoch die richtige Geldmenge für ein bestimmtes (welches?) Wachstum ist, niemand kennt die Umlaufgeschwindigkeit und niemand weiß, wie sich die rechte Seite entwickelt, also das Realeinkommen und das Preisniveau. Selbst ex post (im Nachhinein) kann man nicht sagen, ob das erzielte Wachstum das angemessene bzw. einzig erreichbare war und was die gemessene Geldmengensteigerung und die gemessene Änderung der Umlaufgeschwindigkeit dazu beigetragen haben. Nur bei der Änderung des Preisniveaus kann man anhand des Vergleichs mit dem von der Politik vorgegebenen Ziel den Erfolg messen. Ob das eine Inflationsrate war, bei der das Wachstum optimiert wurde, kann man aber auch nicht sagen. Alles ist endogen, alles ist vom Gesamtverlauf des Systems abhängig, steuert diesen aber nicht.

In dem oben erwähnten zweiten Teil zum Monetarismus haben wir das so ausgedrückt: „Hier genau liegt das Problem des Monetarismus und der Vollgeldidee. Was über das bereits vorhandene Geld hinaus zusätzlich an Geld, an Liquidität in einer sich entwickelnden Wirtschaft „gebraucht wird“, wissen wir einfach nicht. Und wir können es auch systematisch nicht wissen, weil ja die Zentralbank mit ihrem eigenen Verhalten erst die Voraussetzungen dafür schafft, dass es eine dynamische Entwicklung geben kann. Deswegen ist der Monetarismus mit seiner Krücke des (irgendwie vorgegebenen) Produktionspotenzials, das die Zentralbank „objektiv“ zu finanzieren habe, so kläglich untergegangen. Wir wissen nicht nur nicht, was an realer Produktion zu finanzieren ist, die über die reine Kreislaufwirtschaft hinausgeht, sondern wir wissen auch nicht, wie sich – selbst bei Abwesenheit gewaltiger Spekulationsblasen – die Nachfrage nach Geld, nach Liquidität im Zeitverlauf entwickelt. Um es salopp auszudrücken: Hier beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.“

Der Rest der Kritik erübrigt sich eigentlich, aber auch die Ausführungen von Professor Huber zu den Zinsen, die sich bei einem festgelegten Zuwachs des Geldangebots ergäben, zeigen, dass er den Knackpunkt unserer Kritik nicht versteht oder nicht verstehen will.

Er schreibt: „Nicht zuletzt, viertens, wird das allgemeine Zinsniveau im Wesentlichen an den Vermögensmärkten bestimmt, nicht von den ‚Leit‘-Zinsen der Zentralbank. In einer Vollgeldordnung kann die Zentralbank den Zins, so sie dies überhaupt wollte, über die Geldmenge erheblich wirksamer steuern als umgekehrt die Geldmenge bzw. Inflations- und Asset-Inflationsziele über den Zins, einfach deshalb, weil die Zentralbank die Geldmenge unter Kontrolle hätte, das gesamte Spektrum der Zinsen und das Zinsniveau aber nicht. Außerdem ist F&S‘ (das ist Flassbeck/Spiecker, HF) Annahme, die Zinsen müssten ’niedrig und stabil‘ sein, doch etwas spezifizierungs-bedürftig. ‚Niedrig und stabil‘ real oder nominal, absolut oder relativ? Wenn F&S wirklich Marktwirtschaftler sind, wie sie beanspruchen, müsste ihnen Zinslenkung (= Preislenkung) doch eigentlich suspekt sein. Geldangebot- und Geldnachfrage-gerechte Zinsen sind erwünschte Marktsignale. Die Zinsen sollen sich je nach Marktlage erhöhen oder verringern. Hätten die Staatsanleihe-Zinsen im Euroraum dies von 2000 bis 2008 getan, statt Fata-Morgana-artig nach unten zu konvergieren, wäre dem Euro und der EU ihre Krise, einschließlich der politischen Folgen, erspart geblieben. Bei funktionierenden Märkten sind angebots-nachfrage-abhängige Zinsen kein Problem, sondern in der Regel Teil der Lösung.“

Ja, Preislenkung müsste uns suspekt sein, ist es aber nicht, weil es eben keine Geldangebot- und Geldnachfrage-gerechte Zinsen aus den oben genannten Gründen geben kann. Und in der Tat ist auch richtig, dass wir anders als Joseph Huber den Zusammenhang bei den Zinsen genau umgekehrt sehen. Die Zentralbank gibt den kurzfristigen Zins vor. Er ist deshalb kein Marktergebnis aus Angebot und Nachfrage. Dasselbe gilt, wie wir in unserer Geldserie (Teil XVI bis XXI) dargestellt haben, letztlich sogar für langfristige Zinsen. Nett ist, dass Joseph Huber mit einem Zitat von Keynes endet, das belegen soll, dass auch Keynes an die Quantitätstheorie glaubte. Das mag sein, das ist uns aber vollkommen egal. Wir lassen nicht denken, wir denken selbst.

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