Aufgelesen bei … der FAS – über neue Konjunktursorgen und alte Vorurteile

Wer am Sonntag die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zur Hand nahm, hatte ein déja vue Erlebnis der ganz besonderen Art: Die Zeitung beschrieb genau die Gefahr, vor der flassbeck-economics seit Monaten warnt (online zu finden ist das inzwischen hier).

In einem ganzseitigen Artikel unter der Überschrift „Deutschland vor dem Abschwung“ kommen die Autoren zu dem Ergebnis: „Als zentralen Grund für die Eintrübung der Konjunkturaussichten in Deutschland sehen die meisten Ökonomen aber etwas anderes an – die Situation in den Eurostaaten Frankreich und Italien. Beide Länder sind ungeheuer wichtig für den deutschen Export, auf sie entfallen mehr als zwölf Prozent aller Ausfuhren. Aber beide kommen nicht richtig voran: Sie leiden unter den hohen Lohnkosten aus der Vergangenheit, fallenden Immobilienpreisen und vor allem der mangelnden Reformbereitschaft der Politiker.“

Na so was! Hatten uns nicht die FAZ und all die anderen Qualitätsmedien über Monate versichert, es ginge aufwärts mit der deutschen Wirtschaft und das sei von der starken Binnenwirtschaft und den Investitionen der deutschen Unternehmen getragen, so dass uns die Krise in den anderen Eurostaaten nichts anhaben könne? Auch die europäische Wirtschaft war doch seit Mitte des vergangenen Jahres ein Kandidat für den Aufschwung, oder?

Gegen diesen Mainstream des unbegründeten Optimismus hatte flassbeck-economics von Anfang an ein klares Urteil gesetzt. Im Januar diesen Jahres haben wir gesagt:

„Frankreich hat … ein Problem mit seiner Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings ist das diesmal vollkommen unverschuldet, weil es nur, wie wir oft gezeigt haben, auf die deutsche Lohnunterbietung der ersten zehn Jahre der Währungsunion zurückzuführen ist. Statt dieses Problem aber direkt anzugehen, hat sich Hollande zunächst halbherzig von der deutschen Seite abgewendet, dann aber feststellen müssen, dass er keine Mehrheit für seine Wischi-Waschi-Position findet. Jetzt wird er von den Medien und der Unternehmerschaft im eigenen Land ebenso wie von den europäischen Partnern zum Offenbarungseid getrieben.

Präsident Hollande ist schon jetzt eine tragische Figur. Wie er sich auch immer entscheidet, er scheitert in jedem Fall. Geht er den deutschen Weg, folgt also Blair und Schröder, ist er verloren, weil der Versuch einer Lohnsenkung unter den heute gegebenen Umständen nur scheitern kann, da die Binnennachfrage, das einzige Standbein der französischen Konjunktur, einbräche und die Arbeitslosigkeit weit über die schon jetzt erreichten 12 Prozent hinaus anstiege.“

Und auch im Mai war unsere Aussage zu Frankreich und Italien klar:

„Nach der neuesten Prognose der EU-Kommission vom April werden 2014 die Lohnstückkosten in Frankreich und Italien ungefähr nur halb so stark steigen wie bisher, nämlich um gut ein halbes Prozent. Da Deutschland laut Prognose aber nur ungefähr einen Prozentpunkt darüber liegen wird (also bei 1,6 Prozent statt bei wenigstens 2 oder besser noch deutlich über 2 Prozent), ändert sich am Rückstand bei der Wettbewerbsfähigkeit von Frankreich und Italien gegenüber Deutschland nur wenig: Er liegt dieses Jahr ungefähr bei 18 (Frankreich) bzw. 24 (Italien) Prozentpunkten. Mit diesem Rückstand als Hypothek und bei restriktiver Fiskalpolitik können beide Länder in den nächsten drei bis vier Jahren niemals einen Aufschwung ihrer Wirtschaft erreichen, ganz gleich, was sie sonst (angebotsseitig) immer tun. Im Gegenteil, sie werden weiter zurückfallen, was Wasser auf die Mühlen der anti-europäischen Parteien sein wird. Würden sie noch energischer als bisher versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit über Lohnsenkung zu verbessern, würde das Ergebnis – wie im übrigen Südeuropa zu beobachten – offene Deflation, ein Anstieg der Arbeitslosigkeit und eine noch tiefere Rezession sein.“

Dazu passt eine Graphik, die der englische Guardian vorgestern getwittert hat:

Italian Youth Unemployment

Jugendarbeitslosigkeit von mehr als vierzig Prozent jetzt auch in Italien. Dazu muss man keine Stellung mehr nehmen, das spricht für sich selbst.

Auch in Deutschland verschlechtert sich die Situation am Arbeitsmarkt. Trotzdem spricht die Bundesagentur für Arbeit in ihrem Monatsbericht schönfärberisch von einer „verhalten einsetzenden Herbstbelebung“. Saisonbereinigt ist die Zahl der Arbeitslosen gestiegen und die Unterbeschäftigung konstant geblieben (vgl. Abbildung). Vermehrte Kurzarbeit, die ein erstes Anzeichen dafür wäre, dass die konjunkturelle Schwäche auch am Arbeitsmarkt deutlich zutage tritt, kann man in den offiziellen Zahlen noch nicht erkennen, weil die erst mit Verzögerung zur Verfügung stehen (im Moment für den Juli). Allerdings gibt es erste Meldungen in der Presse, dass sich eine deutliche Zunahme der Kurzarbeit anbahnt.

Abbildung

AL und Unterbesch D

Dass die Zahl der offenen Stellen im September saisonbereinigt sogar wieder leicht zugenommen hat, zeigt jedoch, dass die aktuelle Lage noch nicht so schlecht ist. Die deutschen Unternehmen warten noch ab, bevor sie zu drastischen Mitteln greifen, um eine Verschlechterung ihrer finanziellen Lage zu verhindern. Wir hatten ja bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für dieses Jahr in unserer Basisvariante (bei einem BIP-Zuwachs von 1,1 Prozent in diesem Jahr, was durchaus realistisch ist) immerhin noch ein Wachstum der Unternehmensgewinne von 3,5 Prozent nominal für möglich gehalten. Angesichts des hohen Niveaus der Gewinne, besteht somit noch kein unmittelbarer Anlass, Arbeitskräfte abzubauen.

Setzt sich aber die deutsche Flaute im Zuge der europäischen Rezession auch nur fort, wird sich die Lage am deutschen Arbeitsmarkt innerhalb von Monaten klar zum Schlechten wenden. Und dass sich die europäische Rezession nicht rasch überwinden lassen wird, davon muss man leider ausgehen: Solange die maßgeblichen deutschen Wirtschaftspolitiker genauso, wie es in den „Leitmedien“ transportiert wird, weiterhin die „mangelnde Reformbereitschaft“ in Italien und Frankreich als Hauptgrund für deren konjunkturelle Schwäche ausmachen, wird es keinen Ausweg aus dem europäischen Teufelskreis geben.

 

 

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