Deutsche Übergröße

Einer der bedeutendsten lebenden deutschsprachigen Schriftsteller, der Schweizer Adolf Muschg, hat unter der Überschrift: „Den Teufel tun. Über deutsche Größe“ in der NZZ den Machtzuwachs beschrieben, den Deutschland in den vergangenen Jahren erlebt hat. Muschg zeigt große Sympathie für die sachliche Art und Weise, in der Deutschland in Gestalt von Angela Merkel seine neue Machtfülle ausübt, und versucht all jene zu beruhigen, die glauben, Deutschland würde wegen der neuen Größe zurückfallen in die Großmachtphantasien vergangener Zeiten.

Wörtlich: „Im Grunde verwaltet sie (Angela Merkel) eher das politische Leben der Republik, als Politik zu machen; sie hält sich möglichst alle Wege offen, sorgt nur zuverlässig dafür, dass keiner an ihr vorbeiführt. In Deutschland ist man ihr dankbar, dass die Macht, die sie repräsentiert, nicht zum Fürchten ist, wenn man sich ordentlich benimmt. Bei Völkern, die andere Benimmvorstellungen haben, etwa, was Schuldenmachen betrifft, kommt sie damit weniger gut an. Umso souveräner nimmt sie hin, dass die deutsche Wirtschaft vom Leichtsinn der Südeuropäer ordentlich profitiert hat.“

Schön gesagt, aber leider total neben der Realität und deswegen auch gefährlich falsch. Zuzugeben ist, dass dies nur ein kurzer Abschnitt aus einem wesentlich längeren Text ist, aber das hier sichtbare Phänomen dürfen wir nicht ignorieren: Wenn man die Zusammenhänge (vor allem die ökonomischen), die sich hinter den sichtbaren Bildern verbergen, nicht kennt oder nicht zur Kenntnis nimmt, entstehen schiefe Argumentationen. Wer glaubt, Angela Merkel mache eigentlich keine Politik, sondern verwalte nur das politische Leben, ist das erste Opfer der Einschläferungstaktik, die hinter der brutalen Umsetzung einer eisernen Doktrin steckt, die ganz Südeuropa einschließlich Frankreichs in die Hände von rechtsradikalen Parteien zu treiben droht.

Das „Schuldenmachen“ zur Benimmvorstellung zu erklären, ist ebenso unangemessen wie die Formel vom Leichtsinn der Südeuropäer, der Deutschland quasi vor die Füße gefallen ist. Es ist sogar eine Geschichtsverdrehung ohnegleichen, wenn man die Phase, in der die Südeuropäer (immer einschließlich Frankreichs) ausgerechnet zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg „deutsche Disziplin“ an den Tag legten und ihre Wirtschaften zwangen, sich ehrlich an die eigenen Verhältnisse anzupassen, was sich in sehr moderaten (in Frankreich sogar in perfekt moderaten) Inflationsraten niederschlug, mit leichter Hand zum „Leichtsinn“ erklärt.

Dass Deutschland genau in dieser kritischen Periode beschließen würde, massiv unter seinen eigenen Verhältnissen zu leben und die anderen durch politischen Druck auf die eigenen Löhne zu unterbieten, konnte wirklich keines der Länder ahnen, die bereit waren, ab dem neuen Jahrtausend mit Deutschland eine Währungsunion einzugehen. Die deutschen Außenhandelsüberschüsse aber waren Ergebnis der deutschen Unterbewertungsstrategie in der Währungsunion, mit der Deutschland Frankreich und den anderen das Leben in Europa und auf den Märkten der Welt schwer machte und sie in die Verschuldung drängte.

Dass Deutschland große Macht zugefallen ist, kann niemand bestreiten. Man muss aber wissen, warum. Das hat primär nichts mit schierer Größe zu tun, sondern vor allem mit der Tatsache, dass Deutschland bei Ausbruch der großen Finanzkrise wegen seiner permanenten Außenhandelsüberschüsse schon einer der größten Gläubiger der Welt war. In allen Finanzkrisen wächst dem Gläubiger immer und ohne sein aktives Handeln über Nacht große Macht zu, weil der Schuldner ebenso plötzlich vom Zufluss neuen Kapitals aus den Finanzmärkten abgeschnitten wird, und den Gläubiger braucht, um auch nur die täglich notwendigen Dinge einzuführen, ohne seine Zahlungsunfähigkeit erklären zu müssen. Aufgeklärte Gläubiger verstehen das und verhalten sich so, als könnten auch sie selbst morgen schon Schuldner werden. Sie benutzen ihre temporäre Macht nicht, um die anderen nach ihrem Bilde umzugestalten, sondern um gemeinsam eine Lösung zu finden, bei der aus Gläubigern alsbald Schuldner werden können und umgekehrt. Deutschland aber beharrte nicht nur auf der Richtigkeit seines Modells, versuchte nicht nur, gegen jede Logik den anderen das gleiche Konzept aufzuzwingen, sondern verordnete den anderen noch eine Mixtur aus „Flexibilität“ und „Austerität“, die auch für gestandene Demokratien unverdaulich gewesen ist.

Muschg aber sieht nur Größe als solche: „Für andere Augen ohnehin, aber allmählich auch für ihre eigenen waren die Deutschen eben das geworden, was sie eigentlich nicht mehr hatten sein wollen, nicht nur eine Nation, schlecht oder recht, sondern wiederum die stärkste in Europa. Für diese Rolle genügt der bewährte Mix von ökonomischem Verstand, rechtsstaatlicher Rüstung und prinzipieller Friedfertigkeit nicht mehr. Denn ein – relativer – Riese wird nicht erträglicher, wenn er die Unfreiwilligkeit seiner Grösse betont, nur unglaubwürdig.“

Ein relativer Riese war Deutschland in der Tat, aber relativ insbesondere im Hinblick auf die für seine Nachbarn unerträgliche beggar-my-neighbour-Politik. Die kann aber gerade ein Riese – anders als ein Zwerg – auf keinen Fall auf Dauer durchhalten, weil er die anderen damit an die Wand drängt und ihnen aggressive Formen der Verteidigung aufzwingt, die es nach allem, was wir wissen, immer wieder auch Zwergen erlaubt, Riesen zu bezwingen.

Es war eben nicht „ökonomischer Verstand“, sondern mangelnder ökonomischer Verstand auf der deutschen Seite, der den Anfang und das Ende der Geschichte der Europäischen Währungsunion markiert. Wer das nicht sieht, kann nicht begreifen, was geschehen ist, und auch nicht das, was noch geschehen wird. „Ordentliches Benehmen“, wir werden das noch lernen müssen, ist keine Kategorie, mit der man Politik machen kann, wenn man zuvor die anderen über die Regeln des ordentlichen Benehmens systematisch getäuscht hat.

 

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