Die ungemeine Konfusion der herrschenden Lehre und die Folgen für die wirtschaftspolitische Beratung

Gestern traf ich auf einer Konferenz mit zwei der führenden Mainstream-Ökonomen zusammen. Es ging, wie nicht anders zu erwarten, um den europäischen Abschwung und die konjunkturelle Schwäche in Deutschland. Nachdem beide vehement dagegen waren, die Konjunktur anzuregen (nach dem Motto: Konjunkturprogramme sind Strohfeuer) und sich sogar dafür aussprachen, Schulden generell zurückzuführen und große Schuldenschnitte bei den Schuldenständen vorzunehmen, fragte ich sie direkt, wer sich denn verschulden solle.

Schon meine Frage traf auf großes Erstaunen. Offenbar hatten beide über dieses Problem noch nie nachgedacht. Als ich konkretisierte und fragte, wer denn die fast 200 Milliarden Euro an deutschen Ersparnissen, die jedes Jahr von den deutschen Sektoren geplant werden, aufnehmen solle, bekam ich zur Antwort, die könne man den deutschen Unternehmen doch als Eigenkapital zuführen, dafür brauche man keine Verschuldung.

In diesem Augenblick verstand ich, was da los war. Diese Leute sind so in ihrem neoklassischen Denken gefangen (beide von der Kieler Schule), dass sie das zentrale Problem aller realen Volkswirtschaften und seine unbestreitbare logische Basis (die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die in Kiel immer als keynesianisches Teufelszeug galt) gar nicht kennen bzw. nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Es geht nämlich bei den sogenannten Ersparnissen in erster Linie um die Frage, wie die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung einer Volkswirtschaft aussieht und wie für die Volkswirtschaft eine nachfrageseitige Rezession verhindert werden kann. Wenn allein die privaten Haushalte in Deutschland jedes Jahr planen, 150 Milliarden Euro weniger auszugeben, als sie einnehmen, dann ist das für die Volkswirtschaft eine Nachfragelücke, die gefüllt werden muss, wenn man einen tiefen Einbruch verhindern will.

Die Unternehmen füllen diese Nachfragelücke – vollkommen unabhängig von ihrer Eigenkapitalausstattung – niemals automatisch durch Investitionsnachfrage (das war ein Punkt, den ich vor einigen Monaten in einer Kontroverse mit Thomas Mayer hervorgehoben habe), so dass entweder der Staat in diese Lücke einspringen muss, indem er mehr ausgibt, als er einnimmt, oder das Ausland, wie das in den letzten zehn Jahren laufend der Fall war. Wir werden in den nächsten Wochen noch einmal konkret und mit Zahlen diese Problematik und die damit auf Gedeih und Verderb verbundene Schuldenproblematik darlegen.

Vielleicht sollte Sigmar Gabriel, bevor er sich von einer Kommission in Sachen Investitionsbelebung beraten lässt, die vorwiegend aus neoklassisch ausgebildeten Ökonomen besteht, jemanden von der Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes einladen (keynesianisch ausgebildete Ökonomen sind ja tabu, weil das die bösen linken Schuldenmacher sind), der ihm das kleine Einspluseins der volkswirtschaftlichen Logik erläutert.

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