Für die einen Überraschung, für die anderen traurige Bestätigung – Auftragseingänge in der deutschen Industrie gehen stark zurück

Nun ist eingetreten, was viele angeblich überrascht (siehe dazu die FAZ oder das Handelsblatt), was wir aber vorausgesagt haben: Die Daten des Auftragseingangs in der deutschen Industrie für August, die gestern vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wurden, zeigen eine stark rückläufige Tendenz (-5,7 Prozent). Der ifo-Index für den August (wir haben das am 24. September 2014 kommentiert) hatte diese Entwicklung bereits vorweggenommen (vgl. Abbildung).

Abbildung

AE Aug ifo Sept 2014

Und auch unsere zweite Vermutung, dass das Bundeswirtschaftsministerium in seiner Pressemitteilung zu den Auftragseingängen dieses Mal die späte Lage der Sommerferien als (nämlich negativen) Einflussfaktor nennen würde im Gegensatz zu seiner Kommentierung der verblüffend guten Juli-Werte (dort hätte das den Jubel über die positive Entwicklung wohl gestört), hat sich bewahrheitet. Das Ministerium schreibt jetzt: „Die Auftragseingänge wurden im Juli positiv und im August negativ durch die späte Lage der Schulferien beeinflusst.“ Ein paar Zeilen später wird der im Juli unerwähnt gelassene Faktor gar ein zweites Mal bemüht, es ist von „der erheblichen Beeinträchtigung durch die Lage der Ferien“ die Rede. Wir interpretieren das als Anzeichen dafür, dass sich die Regierung schwer damit tut, ihr positives Bild von der konjunkturellen Lage in Deutschland mit der Realität in Einklang zu bringen, und daher händeringend nach Gründen sucht, die die negative Entwicklung erklären, ohne dass sie ihre eigene Einschätzung korrigieren müsste.

Immerhin gesteht das Ministerium gegen Ende der Pressemitteilung ein: „Auch bei Berücksichtigung der Sondereffekte … entwickeln sich die Bestellungen in der Industrie angesichts der zögerlichen Wirtschaftsentwicklung im Euroraum und der Verunsicherung der Wirtschaft durch die geopolitischen Ereignisse insgesamt schwach.“ Damit wird Bezug auf den starken Rückgang der Aufträge aus dem Ausland genommen (Euroraum -5,7 Prozent, restliches Ausland -9,9 Prozent). Die Bestellungen aus dem Inland gingen demgegenüber „nur“ um 2,0 Prozent zurück.

Doch wer nun Hoffnung zu schöpfen beginnt, in Berlin käme man allmählich zu der Einsicht, dass sich die deutsche Konjunktur nicht mehr von allein erholen werde und man sich nicht ununterbrochen auf positive Anstöße von außen verlassen könne und solle, wird mit dem Schlusssatz der Pressemitteilung eines Besseren belehrt: „Sobald sich die Verunsicherung etwas legt, werden sich aber die Auftriebskräfte wieder durchsetzen.“ Aha, es gibt also Auftriebskräfte, die einfach so da sind, nur gerade etwas unterdrückt durch die „zögerliche Wirtschaftsentwicklung im Euroraum“ (ein Euphemismus zur Umschreibung der stagnierenden bis rezessiven Situation in unseren Euro-Partnerländern) und die geopolitisch bedingte „Verunsicherung“. Ob die deutsche Regierung dafür teilweise mitverantwortlich ist, zumindest für die schlechte Entwicklung im Euroraum (Stichwort Fiskalpakt und Strukturreformen), kann man separat diskutieren. Klar scheint aber zu sein, dass es um das so oft beschworene, „solide“ binnenwirtschaftliche Standbein nicht sonderlich gut bestellt ist und die Regierung nichts dagegen in die Waagschale zu werfen gedenkt. Jedenfalls nicht rechtzeitig, um eine sich selbst verstärkende Abwärtsentwicklung zu verhindern. Wie lange müssen wir noch abwärts gerichtete Daten beim Auftragseingang registrieren, bis man in Berlin aufwacht und seiner Verantwortung für die Gesamtwirtschaft gerecht wird?

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