Ist das alles nur graue Theorie? – Eine politische Anmerkung zur Lohn- und Arbeitszeitdiskussion

In Goethes „Faust I“ sagt Mephisto: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“ So ähnlich klingt, was Wolfgang Lieb von den Nachdenkseiten zu unserer Arbeitszeitkontroverse schrieb: „Ich bin jedoch wie die Beteiligten der Meinung, dass wir diese Kontroverse jedenfalls auf den NachDenkSeiten nicht weiter verfolgen sollten, sondern dass diese theoretische Debatte im persönlichen Gespräch oder in einem wissenschaftlichen Seminar fortgesetzt werden sollten.“ Auch Professor Bontrup will auf diesem Wege nicht weiter diskutieren, weswegen wir in den letzten Stücken auch auf einen expliziten Verweis auf seine Arbeiten verzichtet haben.

Gegen die Auffassung, es handle sich hierbei um „graue Theorie“ oder eine „theoretische Debatte“ spricht schon der schöne Satz (der sich nicht so genau einem bestimmten Autor zuordnen lässt), dass es nichts Praktischeres gibt als eine gute Theorie. Das gilt auch hier. Was Friederike Spiecker in den letzten drei Teilen vorgeführt hat, ist das Praktischste, was man sich vorstellen kann. Wenn zum Beispiel die Gewerkschaften (die Funktionäre und die Mitglieder) dazu keine klare Meinung haben – und die haben sie tatsächlich nach meiner Erfahrung in vielen Fällen nicht –, können sie auch keine erfolgversprechenden Verhandlungsstrategien entwickeln. Folglich müsste das, was wir hier diskutieren, in allen Schulungen der Gewerkschaften oberste Priorität haben, und zumindest jeder führende Funktionär müsste alle die in diesen Stücken enthaltenen Feinheiten Tag und Nacht ohne zu stottern aufsagen können.

Das gilt aber auch für die Politik. Wie kann sich ein Wirtschafts- oder Finanzminister kompetent zur Lohnentwicklung äußern oder gar selbst Lohnverhandlungen führen, wenn er und seine Berater kein klares Bild von den grundlegenden Zusammenhängen haben? Auch Journalisten und andere Kommentatoren reden von Wolkenkuckucksheimen, wenn sie sich nicht im Klaren darüber sind, wie sich Arbeitszeitverkürzung und/oder Lohnerhöhungen auf die Beschäftigung und die anderen wirtschaftspolitischen Ziele auswirken. Schließlich müssten die Wissenschaftler, die sich in die wirtschaftspolitische Debatte einmischen und/oder die Tarifpartner beraten, nichts Wichtigeres im Sinn haben, als für vollständige Klarheit in diesen Fragen zu sorgen.

Es besteht allgemein eine Tendenz, Fragen, die eine gewisse Komplexität aufweisen und deren Lösung nicht unmittelbar offensichtlich ist, in die wissenschaftlichen Seminare zu verweisen. Das wäre im Prinzip auch angemessen, wenn man erwarten könnte, dass in diesen Seminaren vorurteilslos und ergebnisoffen diskutiert würde. Wir alle wissen aber, dass das in den Wirtschaftswissenschaften nicht oder höchst selten der Fall ist. Deswegen fordere ich immer alle denkenden Menschen auf, die Ökonomik nicht den Ökonomen zu überlassen. Nur wenn wir eine breite gesellschaftliche Debatte zu solchen Fragen initiieren können, gibt es eine Chance, die herrschenden Vorurteile aufzubrechen und die Politik in einer Weise zu beraten, die es zumindest weit schwerer als heute macht, immer den gleichen Interessen nachzugeben.

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