Welche Lohnpolitik hilft gegen Arbeitslosigkeit? (Teil I)

In den letzten Wochen haben wir uns vier Mal mit dem Thema Arbeitszeitverkürzung (AZV) befasst: Nach einem ersten Überblick haben wir eine grundsätzliche Frage der Logik der AZV behandelt, sind dann auf die Wirkung einer AZV mit vollem Lohnausgleich eingegangen und haben schließlich das Angebots-Nachfrage-Modell am Arbeitsmarkt, das der AZV-Argumentation zugrunde liegt, kritisch beleuchtet. Allerdings haben wir unser Versprechen noch nicht fertig eingelöst, die am meisten diskutierten Lohnpolitik-Varianten vollständig miteinander zu vergleichen, die zur Verringerung der Arbeitslosigkeit von unterschiedlichen Seiten empfohlen werden. Der sich progressiv verstehenden Gruppe der Befürworter von Arbeitszeitverkürzung stehen die für Lohnmoderation eintretenden, neoklassisch bzw. neoliberal orientierten Zeitgenossen gegenüber und beiden Gruppen schließlich noch diejenigen, die die goldene Lohnregel für sinnvoll halten.

Bisheriger Ausgangspunkt der Diskussion um die „richtige“ Lohnpolitik ist die Annahme, dass die Arbeitsproduktivität steigt. Diese Annahme ist einerseits naheliegend, weil die Arbeitsproduktivität in der überwältigenden Zahl der Jahre seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich zugenommen hat. Andererseits wird diese Zunahme meist als Problem angesehen, ja sogar für die Massenarbeitslosigkeit verantwortlich gemacht, vor allem von Seiten der AZV-Befürworter. Darin sind sie sich mit neoklassisch argumentierenden Ökonomen übrigens in gewisser Weise einig. Neoklassiker weisen nämlich regelmäßig darauf hin, dass „zu hohe“ Lohnabschlüsse die Unternehmer weg vom Produktionsfaktor Arbeit und hin zum Produktionsfaktor Kapital trieben. Anders ausgedrückt: Die Unternehmer würden dann versuchen, so wird behauptet, zu teure Arbeitnehmer durch neue und bessere Maschinen zu ersetzen. Folge davon sei steigende Arbeitslosigkeit. Das ist aus unserer Sicht eine bemerkenswerte Parallele in der Argumentation beider Lager und unterscheidet sie klar von der dritten Gruppe, die die goldene Lohnregel vertritt.

Gäbe es regelmäßig keine Produktivitätssteigerungen, müsste man sich trotzdem die Frage stellen, wie eine Lohnpolitik aussehen soll, die dem Problem der Arbeitslosigkeit gerecht wird. Da wir aber der Auffassung sind, dass eine fortschreitende Entwicklung zum Grundmuster jeder Marktwirtschaft gehört (vgl. dazu den aktuellen Beitrag aus unserer Geldserie), gehen wir bei der Analyse der verschiedenen Möglichkeiten der Lohnpolitik von einer Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität aus.

Allerdings darf man, wenn man diese Annahme trifft, nicht vergessen, dass sie selbst zu hinterfragen ist. Sind Produktivitätssteigerungen eine quasi automatische Begleiterscheinung jeder Marktwirtschaft in einer irgendwie gegebenen Größenordnung, unabhängig von der Lohnpolitik? Oder wirken Tarifabschlüsse ihrerseits auf die Produktivitätsentwicklung zurück? Wenn dem so ist, dann muss dem ersten Diskussionsschritt, wie die Lohnpolitik mit Produktivitätssteigerungen umgehen soll, ein zweiter folgen: Wie reagiert die Produktivität auf die verschiedenen Varianten der Lohnpolitik und welche Folgen hat das wiederum für die Beschäftigung bzw. die Arbeitslosigkeit?

Wie oben bereits kurz erwähnt, haben wir in einem der bisherigen Beiträge beschrieben, warum bei gegebener Produktivitätszunahme eine Lohnpolitik der Arbeitszeitverkürzung „mit vollem Lohnausgleich“ keinerlei positive Veränderung der Beschäftigung mit sich bringt. Alle erwünschten Neueinstellungen würden sich nicht „von allein“, also durch die Anpassung der Unternehmer an die ausgehandelten Löhne und die beschlossene AZV ergeben, sondern wären nur Ergebnis zusätzlicher Vereinbarungen. Solche Beschäftigungsvereinbarungen in einer Marktwirtschaft sind vollkommen unrealistisch, weil kein noch so williger, die Tarifverhandlungen führender Arbeitgeberverband seine Mitgliedsunternehmen dazu verpflichten kann, eine bestimmte Menge an Arbeitsstunden zu einem bestimmten Preis abzunehmen. Das liegt auf der Hand. (Wir hatten solche Ideen übrigens bereits beim IWF angetroffen und kritisiert.) Wir halten also fest, dass man zwar theoretisch zwischen Unternehmern und Gewerkschaften vertraglich beschließen kann, die Arbeitslosigkeit zu verringern, indem die Unternehmer einfach mehr Leute einstellen, dass solche Verträge aber praktisch nie zustande kommen werden, solange man sich nicht in einer Planwirtschaft befindet.

Darüber hinaus steht zu befürchten, dass die Sachinvestoren, die die eingangs vorausgesetzte Produktivitätssteigerung ermöglicht haben, vom Ergebnis ihrer Bemühungen enttäuscht sind: Das Null-Wachstum, die sinkende Auslastung und die konstanten Realgewinne entschädigen sie nicht für das eingegangene Risiko, vielmehr bleiben sie auf den für die Investitionsfinanzierung aufgenommenen Schulden sitzen. Das dürfte ihre Investitionsbereitschaft senken, was an der Investitionsgüterindustrie nicht spurlos vorübergehen wird. Am Ende muss deshalb mit Beschäftigungsverlusten in diesem Sektor gerechnet werden, die den Rest der Wirtschaft mit nach unten ziehen können. Zwischenfazit: Wenn die Lohnpolitik „AZV mit vollem Lohnausgleich“ in Zeiten der Arbeitslosigkeit einen Beschäftigungseffekt haben sollte, dann tendenziell einen negativen und ganz sicher keinen positiven.

Eine andere Variante der Lohnpolitik mit AZV ist eine, in der die Produktivitätszuwächse sozusagen aufgeteilt werden zwischen Stundenlohnsteigerung und AZV; dann handelt es sich um eine Art Mischung aus Lohnmoderation (die Produktivitätssteigerung geht nur teilweise in die Stundenlöhne ein) und AZV. Aus unserer Sicht ist das – leider – eine realistische Option der Lohnpolitik, weil sie irgendwie plausibel klingt: Die Beschäftigten werden – nach Lesart der Befürworter dieser Kombination – an der Produktivitätszunahme auf zweierlei Weise beteiligt, sie erhalten etwas mehr Lohn und etwas mehr Freizeit. Das ist scheinbar gerecht und nützt aus Sicht vieler, die die AZV für ein sinnvolles Instrument zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit halten, den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten wenigstens etwas. Denn, so die Hoffnung, im Umfang der AZV wird sozusagen Platz geschaffen für Neueinstellungen. Aber verhält es sich wirklich so?

Wir nehmen in unserem Beispiel an, dass die 2 Prozent vorausgesetzter Zunahme der Produktivität für ein Prozent AZV der Beschäftigten und ein Prozent Reallohnsteigerung verwendet werden. Bei einer in den Lohnverhandlungen unterstellten Zielinflationsrate von 2 Prozent erfordert das eine Nominallohnsteigerung von 3 Prozent (2 Prozent Inflation + 1 Prozent Produktivität). Man muss nun für die Herleitung der „rechentechnischen“ Wirkungen dieser Lohnpolitik auf die wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Größen zwei Fälle unterscheiden: einmal den, dass die Preisentwicklung tatsächlich der Zielinflationsrate entspricht, also in unserem Beispiel zwei Prozent beträgt, und zum anderen den, dass die Preise nur so viel steigen wie die Lohnstückkosten. Letztere nehmen – Nominallohnzuwachs von 3 Prozent minus Produktivitätswachstum von 2 Prozent – nur um 1 Prozent zu. In der weiter unten stehenden Tabelle haben wir den ersten Fall (tatsächliche Inflation von 2 Prozent) rechts neben die bereits bekannte Variante „AZV mit vollem Lohnausgleich“ unter der Bezeichnung „Lohnmoderation mit AZV Variante I“ aufgeschrieben, den zweiten wiederum rechts davon unter der Bezeichnung „Lohnmoderation mit AZV Variante II“.

Das nominale Arbeitseinkommen aller bisher Beschäftigten zusammen nimmt in beiden Varianten nur um 2 Prozent zu, weil zwar die nominalen Stundenlöhne um 3 Prozent wachsen, jedoch die Arbeitszeit vereinbarungsgemäß um 1 Prozent sinkt. Bei konstanter Sparquote wächst die nominale Nachfrage der Beschäftigten daher ebenso um 2 Prozent. Das reale Arbeitseinkommen bleibt in Variante I wegen der angenommenen Preissteigerung von 2 Prozent konstant. Daher ändert sich auch an der realen Nachfrage der Beschäftigten in Variante I nichts. Da die Lohnstückkosten nur um 1 Prozent zulegen, die Preise aber annahmegemäß um zwei, steigt dank konstanter realer Nachfrage der nominale Gewinn der Unternehmer stärker als 2 Prozent und damit wächst auch der reale Gewinn. Das führt zu einer Steigerung der Gewinnquote bzw. umgekehrt zu einem Absinken der Lohnquote. Für das Wachstum insgesamt bedeutet das eine geringe Zunahme (unter 1 Prozent), nämlich in Höhe der Veränderung der realen Gewinne multipliziert mit der Konsumquote der Gewinnbezieher (also der Unternehmerhaushalte) bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung.

Wirkt sich die Veränderung der Verteilung zugunsten der Unternehmer in Hinblick auf die Zahl der Beschäftigten positiv aus? Denn das war ja das Ziel dieser Variante der Lohnpolitik – Zurückhaltung bei den Stundenlohnerhöhungen und Verkürzung der Arbeitszeit zugunsten der Arbeitslosen. Da die reale Nachfrage der Beschäftigten konstant geblieben ist, fehlt es an einem positiven Nachfragesignal für Investoren, den Kapitalstock auszuweiten. Zwar sind die nominalen und realen Gewinne gestiegen – noch dazu im Vergleich zu den Arbeitseinkommen überdurchschnittlich. Doch dürfte diese Verbesserung der Einkommenssituation der Unternehmerhaushalte zu keiner so stark steigenden Nachfrage dieser Schicht führen (von der unterschiedlichen Konsumstruktur der Schichten einmal ganz abgesehen), dass dies den fehlenden Nachfrageschub bei den Masseneinkommen ersetzen könnte. Also steigt die Kapazitätsauslastung nicht oder zumindest nicht ausreichend im Vergleich zu den Investitionen, die hinter der Produktivitätssteigerung stehen. Das spricht eindeutig dafür, dass es zu keiner Beschäftigungsausweitung kommt. Wir haben das in der Tabelle in der entsprechenden Zeile mit einer 0 beschrieben.

Doch dürfte das – ähnlich wie bei der „AZV mit vollem Lohnausgleich“ – ein zu optimistischer Blick auf den Arbeitsmarkt unter diesem Lohnregime sein. Man muss nämlich auch hier wieder zusätzlich mit ins Bild nehmen, dass die ursprünglich exogen vorausgesetzte Produktivitätssteigerung in der Realität an Investitionen gebunden ist, also an eine Ausweitung des Kapitalstocks. Daher dürfte die Auslastung sogar gefallen sein, weil ja auf den vergrößerten Kapitalstock eine gleichbleibende reale Nachfrage der Beschäftigten trifft. Das stellt nicht nur keinen positiven Investitionsanreiz dar, es dämpft vielmehr die Investitionsneigung. Das aber bedeutet, dass die Beschäftigung in der Investitionsgüterindustrie reduziert zu werden droht – mit allen negativen Folgewirkungen für die Gesamtwirtschaft, die dieser Abwärtstendenz nichts entgegen zu setzen hat, sondern sich von ihr anstecken lassen wird. Der gesamtwirtschaftliche Beschäftigungseffekt dieser Art von Lohnpolitik wird deshalb auf Dauer negativ sein.

Tabelle

 

Tabelle Lohnmoderation und AZV

Was ändert sich, wenn wir uns Variante II der Lohnmoderation mit AZV ansehen? Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Unternehmer auf Dauer ihre Preise nicht um 2 Prozent anheben werden, während die Lohnstückkosten nur um 1 Prozent zunehmen. Der Wettbewerb dürfte über kurz oder lang dafür sorgen, dass sich die Preissteigerung der Kostensteigerung anpasst, also auch nur noch 1 Prozent beträgt. Dadurch sieht es bei den realen Stundenlöhnen besser aus als in Variante I, sie nehmen immerhin um 2 Prozent zu. Und die realen Arbeitseinkommen der Beschäftigten steigen auf diese Weise wenigstens um 1 Prozent (2 Prozent Stundenlöhne minus 1 Prozent AZV) statt konstant zu bleiben wie in Variante I. Bei gleich bleibender Sparquote führt das zu einer realen Nachfragesteigerung der Beschäftigten von 1 Prozent.

Da Lohnstückkosten und Preise gleich schnell zunehmen (+1%), wächst auch der Stückgewinn (bei gleichem prozentualen Mark-up nämlich) um 1 Prozent. Zusammen mit der um 1 Prozent gestiegenen realen Nachfrage der Beschäftigten ergibt das eine nominale Gewinnsteigerung von 2 Prozent und entsprechend eine reale von 1 Prozent. Die Verteilung bleibt also gleich und das Wachstum beträgt 1 Prozent. Für die Beschäftigung kommt dennoch nichts Positives dabei heraus: Die um 1 Prozent gestiegene Nachfrage kann nämlich trotz der Reduktion der Arbeitszeit der Beschäftigten um 1 Prozent vollständig bedient werden, weil ja die Produktivität um 2 Prozent steigt. Der Anreiz für Investoren, die Kapazitäten weiter auszudehnen, ist zwar nicht ganz so schlecht wie in Variante I, weil wenigstens etwas mehr reale Nachfrage zustande gekommen ist. Die Auslastung dürfte aber dennoch schwächer sein als von den Investoren erhofft: Wer bemüht sich schon um Investitionen, die die Produktivität um 2 Prozent steigen lassen, wenn am Ende davon nur ein Prozentpunkt (also die Hälfte der möglichen Steigerung) realisiert wird? So dürfte sich auch hier wieder wegen der Enttäuschung der Investoren eine negative Beschäftigungstendenz ergeben.

Allerdings treten durch diese Art der Lohnpolitik und der sich aus ihr ergebenden „Preismoderation“ zwei weitere, gegenläufige Effekte in der Gesamtwirtschaft auf, deren Ergebnis für die Beschäftigung in der kurzen Frist nicht eindeutig ist und erst in der langen Frist sicher zu negativen Resultaten führt. Dabei handelt es sich um den Exportkanal und den Realzinseffekt. Beide Phänomene treten auch bei einer Lohnpolitik der reinen Lohnmoderation (also ohne AZV) auf, wo wir sie im nächsten Beitrag der Serie ausführlich diskutieren werden. Zum Abschluss der Serie werden wir uns mit der goldenen Lohnregel und ihren Folgen auseinandersetzen.

 

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