Welche Lohnpolitik hilft gegen Arbeitslosigkeit? (Teil II)

In Fortsetzung unseres Vergleichs verschiedener Varianten der Lohnpolitik diskutieren wir heute die Art von Lohnabschlüssen, die mit „Lohnzurückhaltung“, „Lohnmoderation“ oder auch mit dem Slogan „Produktivität für Beschäftigung reservieren“ bezeichnet werden und die seit Mitte der 1990er Jahre häufig abgeschlossen wurden. Die Anhänger der Lohnmoderation plädieren dafür, den nominalen Stundenlohn um weniger als die Summe aus Zielinflationsrate und Produktivitätszuwachs anzuheben. Davon, welche Preisentwicklung kurzfristig und auf mittlere Sicht zustande kommt, hängt die Entwicklung des realen Stundenlohns ab. Wir haben (ganz parallel zu der Tabelle für die AZV-Varianten) in der weiter unten stehenden Tabelle zwei Varianten für die Lohnmoderation aufgeführt, nämlich eine, in der die Preisentwicklung der Zielinflationsrate entspricht (Variante I), und eine zweite, in der die Preise konstant bleiben.

Wird bei einer vorausgesetzten Produktivitätszunahme von 2 Prozent in Anlehnung an die Zielinflationsrate von 2 Prozent ein Nominallohnzuwachs von ebenfalls 2 Prozent vereinbart und keine Arbeitszeitverkürzung (AZV), steigt das Nominaleinkommen der Beschäftigten und damit ihre nominale Nachfrage (konstante Sparquote vorausgesetzt) um zwei Prozent. Legen die Preise tatsächlich um 2 Prozent und damit in Höhe der Zielinflationsrate zu, bleiben die Reallöhne konstant. Entsprechend kann auch die reale Nachfrage der Arbeitsnehmerhaushalte nicht wachsen. Die Lohnstückkosten verändern sich nicht, da die nominale Stundenlohnsteigerung vollständig von der Produktivitätssteigerung aufgewogen wird.

In Verbindung mit der angenommenen Preissteigerung führt das dazu, dass die nominalen Stückgewinne erheblich zulegen, und zwar um mehr als 2 Prozent. Der genaue Wert hängt von der ursprünglichen Höhe des Mark-up ab, also des Anteils am Preis, den der Unternehmer auf seine Stückkosten als Gewinnkomponente aufgeschlagen hat. Je knapper dieser Mark-up kalkuliert war, desto kräftiger schlägt jetzt die Preiserhöhung, der keine Stückkostensteigerung gegenübersteht, bei der prozentualen Steigerung des Stückgewinns zu Buche. Für die nominalen Gewinne insgesamt bedeutet das wegen der konstant bleibenden realen Nachfrage eine über die 2 Prozent Preissteigerung hinausgehende Zunahme. Mit anderen Worten: Auch die realen Gewinne legen – anders als die realen Arbeitseinkommen – zu, und damit steigt die Gewinnquote bzw. sinkt die Lohnquote. Die Produktivitätssteigerung ist also in diesem Beispiel der Lohnmoderation vollständig den Unternehmern zugutegekommen.

Interessant ist nun die Frage, ob diese aus Sicht der Unternehmer erfreuliche Entwicklung zu mehr Beschäftigung führt, wie das die Befürworter der Lohnmoderation regelmäßig behaupten. Hier lautet die Antwort ganz klar: nein. Denn die reale Nachfrage (zumindest der Masse der Einkommensbezieher) hat nicht zugenommen, und insofern hat sich auch die Auslastung der Kapazitäten nicht verbessert. Vielmehr dürfte sie sich sogar verschlechtert haben, wenn man bedenkt, dass die vorausgesetzte Produktivitätssteigerung nicht vom Himmel gefallen sein kann, sondern an Sachinvestitionen, also an eine Ausdehnung der Kapazitäten gebunden gewesen sein dürfte.

Zwar sind die Sachinvestoren angesichts der Gewinnentwicklung nicht enttäuscht worden, aber eine weitere Erhöhung der Sachinvestitionen dürfte ihnen nicht rational erscheinen. Sie haben ja gerade erfahren, dass man die Gewinne sprudeln lassen kann, wenn man in der Lohnpolitik dem Schema Lohnmoderation folgt und am Markt trotzdem die „normalen“ Preissteigerungen durchsetzt. Und daher liegt es erst recht nicht nahe, neue Arbeitskräfte einzustellen: nicht in der Investitionsgüterindustrie, die auf Anschlussaufträge über das bisherige Maß hinaus vergeblich wartet, und auch nicht in der übrigen Wirtschaft, die die konstante Nachfrage bequem mit dem bisherigen Personal bedienen kann.

Das Argument, die hohen Gewinne steigerten die Konsumausgaben der Unternehmerhaushalte und lieferten auf diesem Wege eine Auslastungsverbesserung, die die erhoffte Beschäftigungsausweitung in Gang setzte, trägt nicht weit. Denn die Sparquote und die Konsumbedürfnisse der Reichen, die wir hier einmal pauschal und etwas scherenschnittartig mit den Unternehmerhaushalten gleichsetzen, sprechen eindeutig dagegen. Viel wahrscheinlicher ist, dass zusätzliche Gewinne hauptsächlich für Aktivitäten auf den Kapitalmärkten eingesetzt werden und der Preisblasenbildung auf spekulativen Feldern Vorschub leisten, sei es im Immobilienbereich, bei Aktien oder Währungen. Die Ausweitung des privaten Verbrauchs wird über die Verbesserung der Einkommenssituation der Unternehmerhaushalte jedenfalls nicht in einer Größenordnung stattfinden, die der Produktivitätssteigerung entspricht. Demzufolge wächst die Wirtschaft kaum, zumindest deutlich weniger als die Produktivität.

Tabelle

Tabelle Lohnmoderation

Schaut man in die Empirie der letzten 15 Jahre, dann findet man eine gewisse Übereinstimmung der dort zu beobachtenden Entwicklungen mit den hier theoretisch beschriebenen Zusammenhängen: Die Gewinne der Unternehmer sind im Zuge der Lohnmoderation enorm gestiegen und die Investitionstätigkeit ist weit hinter den damit verbundenen Erwartungen zurückgeblieben, das Wachstum war gering. Nur die Beschäftigung ist besser gelaufen, als es die bisherige theoretische Ableitung nahelegt, und die Preisentwicklung ist nicht auf Höhe der Zielinflationsrate geblieben. Es lohnt sich also, diese Variante der Lohnpolitik bzw. ihre makroökonomischen Folgen noch einmal von der theoretischen Seite her zu überdenken und nach einer Erklärung der Abläufe zu suchen, die eine bessere Übereinstimmung mit der Empirie liefert.

Der Haken bei den bisherigen Überlegungen zur Lohnmoderation lautet ‚einzelwirtschaftliche Rationalität‘. Wenn nämlich der einzelne Unternehmer feststellt, dass die Kapazitätsauslastung seines Sachkapitals gleich geblieben oder gar gesunken ist (s.o.), und er gleichzeitig seine Stückgewinnmarge via Preiserhöhung erheblich ausdehnen konnte, dann kommt er vielleicht auf die Idee, lieber auf die Preissteigerung zu verzichten, die er ja dank konstanter Lohnstückkosten auch gar nicht zum Überleben seines Unternehmens bräuchte, und dafür seine Marktanteile auszudehnen. Denn bedienen könnte er eine erhöhte reale Nachfrage leicht angesichts der mageren Auslastung seines Unternehmens. Warum also nicht versuchen, eine womöglich im Vergleich zu Variante I noch größere Gewinnzunahme über Marktanteilssteigerung zu erreichen statt über Preiserhöhungen?

Je härter der Wettbewerb auf einem Markt, desto mehr Unternehmer stellen sich diese Frage. Für jeden einzelnen ist es nämlich rational, die Konkurrenz durch günstigere Preise unter Druck zu setzen, solange diese Preise kostendeckend sind. Also wird am Ende eines wie schnell auch immer einsetzenden Anpassungsprozesses des Preissetzungsverhaltens der Unternehmen an die Politik der Lohnmoderation herauskommen, dass die Preisentwicklung der Lohnstückkostenentwicklung folgt: Die Preise bleiben konstant. In Variante II der Lohnmoderation (zweite Spalte in der Tabelle oben) haben wir zusammengefasst, wie sich das auf die wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Größen auswirkt:

Der Reallohn steigt unter diesen Umständen genau wie der Nominallohn um 2 Prozent und mit ihm die nominale und die reale Nachfrage ebenfalls um je 2 Prozent. Die Lohnstückkosten nehmen nach wie vor nicht zu (2 Prozent Nominallohn minus zwei Prozent Produktivität). Nominale und reale Gewinne steigen wegen konstanter Preise identisch, und zwar dank der Nachfrageausweitung von 2 Prozent ebenfalls in Höhe von 2 Prozent. Die Sachinvestoren dürften insoweit zufrieden sein, obwohl die Gewinne weniger stark sprudeln. Die Gewinnquote bleibt, anders als in Variante I, gleich, und die Wirtschaft wächst real um 2 Prozent, also deutlich mehr als in Variante I.

Und was ist mit der Beschäftigung? Eigentlich haben die Unternehmer keinen Grund, mehr Arbeitskräfte einzustellen, da die Produktivitätssteigerung genau ausreicht, mit den bereits Beschäftigten so viel mehr zu produzieren, wie es der (lohnbedingten) Erhöhung der realen Nachfrage entspricht. Der einzige Grund, doch mehr Leute zu beschäftigen, liegt in der Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Wenn nämlich die Handelspartner des betrachteten Landes, das sich bei der Lohnpolitik auf Lohnmoderation verlegt hat, nicht ebenfalls eine Preisentwicklung von null aufweisen, sondern eine positive Inflationsrate (z.B. in Höhe eines innerhalb einer Währungsunion vereinbarten Inflationsziels), dann bleibt das Preisniveau des auf Lohnmoderation bedachten Landes hinter dem der Handelspartner zurück. Über mehrere Jahre hinweg ergibt sich daraus ein immer spürbarerer Preisvorteil auf den internationalen Märkten, was auf Dauer die nicht auf die inländischen Masseneinkommen zurückgreifende Nachfrage aus dem Ausland steigert. Das führt zu Handelsüberschüssen des Lohnmoderationslandes und irgendwann auch zu mehr Arbeitsplätzen im Lohnmoderationsland. Aber zwangsläufig, da spiegelbildlich, auch zu entsprechender Verschuldung des Auslands beim Lohnmoderationsland.

Dieser Zusammenhang dürfte den Lesern von flassbeck-economics bekannt vorkommen. Es handelt sich um den von uns schon viele Male am Beispiel Deutschlands beschriebenen Exportkanal, der die einzige Möglichkeit für die Strategie der Lohnmoderation darstellt, Beschäftigung zu generieren. Dass diese Möglichkeit keinesfalls unbegrenzt besteht, weil die sich im Gegenzug verschuldenden Länder irgendwann an die Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit geraten, lehrt die Eurokrise. Und dass Lohnmoderation keinesfalls von allen Ländern gleichzeitig „erfolgreich“ betrieben werden kann, ist auf der theoretischen Ebene völlig logisch und auf der praktischen leider bittere Realität in Europa.

Übrigens besteht diese ohnehin nur temporäre Möglichkeit zur Schaffung von Beschäftigung für Länder mit eigenständiger Währung wesentlich kürzer als im Fall einer Währungsunion. Denn abhängig von der Größe bzw. dem ökonomischen Gewicht des Lohnmoderationslandes mit eigener Währung ruft die relativ zu den Handelspartnern zurückbleibende Inflation über kurz oder lang eine Reaktion auf den Devisenmärkten hervor: Die Währung des Lohnmoderationslandes wertet auf. Und dann ist es mit dem Exportkanal vorbei, weil der internationale Preisvorteil durch die Wechselkursanpassung absorbiert, möglicherweise sogar wegen überschießender Reaktionen auf den Devisenmärkten in sein Gegenteil verkehrt wird.

Natürlich kann ein Land (oder eine ganze Währungsunion) versuchen, durch Wechselkurspolitik die reale Unterbewertung seiner (ihrer) Währung zu verteidigen. Auf Dauer führt das aber zu internationalen Spannungen und schlimmstenfalls zu einem Abwertungswettlauf zwischen den sich gegenseitig Handelsüberschüsse aufhalsen wollenden Ländern. Oder aber das vom Lohnmoderationsland im Ausland aufgehäufte Vermögen wird durch dort stattfindende Firmenbankerotte, Bankenpleiten und Kursverlusten bei ausländischen Staatsanleihen (teilweise) vernichtet.

Die Übereinstimmung der theoretischen Überlegungen zur Variante II der Lohnmoderation mit den empirisch in Deutschland und der EWU zu beobachtenden Fakten ist enorm. Trotzdem fehlt noch ein letzter, wichtiger Baustein. Und zwar geht es um die Wirkung der konstanten Preise auf die Investitionsneigung. Bei unveränderter Geldpolitik bedeutet nämlich in unserem Beispiel ein Absinken der Preissteigerungsrate auf null, dass der Realzins gegenüber der Situation in Variante I um 2 Prozentpunkte höher liegt. Das für sich betrachtet belastet die Investitionsbereitschaft. In Variante I war trotz sprudelnder Gewinne kein Investitionsanreiz gegeben, weil die Kapazitätsauslastung stagnierte oder sogar tendenziell fiel. In Variante II läuft es mit der Auslastung dank realen Wachstums vernünftig, nicht aber mit den Zinsen (gleiche Geldpolitik vorausgesetzt). Investoren, die feststellen, keine Preissteigerungen mehr auf dem Gütermarkt durchsetzen zu können, sehen sich bei gleich bleibenden Nominalzinsen einer ungünstigeren Finanzierungssituation gegenüber im Vergleich zu der Zeit, in der die Preissteigerungsrate noch 2 Prozent betrug. Die Tilgung der Schulden, die zur Finanzierung von bereits getätigten Investitionen aufgenommen wurden oder für neue Investitionen aufgenommen werden müssten, ist real teurer geworden.

Dieses Phänomen nennen wir den Realzinseffekt, der sich bei der Lohnmoderationsvariante II einstellt und wie Mehltau über die Investitionsbereitschaft der Unternehmer ausbreitet. Er wirkt dem Exportkanal bei Wachstum und Beschäftigung entgegen, so dass bereits in der kurzen Frist offen bleibt, ob das Wachstum tatsächlich kurzfristig über die produktivitätsbedingten 2 Prozent hinausgeht. Obendrein erhöht sich während der Anpassung des Preissetzungsverhaltens der Unternehmen an die stagnierenden Lohnstückkosten (sozusagen der Übergang von Variante I zu Variante II) das Risiko einer Abwärtsspirale: Für jeden einzelnen Unternehmer wird es nämlich laufend sinnvoller, bei Sachinvestitionsvorhaben abzuwarten, weil sich die Kalkulationsgrundlagen laufend ändern und tendenziell verschlechtern. Das aber erhöht die Wahrscheinlichkeit des befürchteten Szenarios einer Deflation.

Selbst wenn die Geldpolitik darauf mit Zinssenkungen reagiert, ist das Problem noch nicht aus der Welt. Zum einen befeuert das nämlich den oben bereits angesprochenen potenziellen Abwertungswettlauf mit anderen Währungsräumen. Zum anderen kann die Zentralbank mit den Nominalzinsen an die absolute Grenze von Null stoßen, so dass ihre Möglichkeiten, einem steigenden Realzins entgegen zu wirken, schnell zur Neige gehen können (wie das ja derzeit in Europa der Fall ist).

Nimmt man die auf Dauer unweigerlich einsetzende Aufwertung und/oder das Chaos mit ins Bild, das sich aus der Lohnmoderation innerhalb einer Währungsunion ergibt, ist das Abwürgen der Investitionstätigkeit vorprogrammiert. Das aber bedeutet unweigerlich eine langfristige Verschlechterung der Beschäftigungslage – ein hier theoretisch abgeleitetes Ergebnis, dessen empirische Entsprechung heute in Europa lautstark beklagt wird.

Fazit: Das Urteil in Sachen Lohnmoderation ist vernichtend. Wird bei der AZV mit vollem Lohnausgleich wenigstens kein internationales Desaster angerichtet, sondern werden in erster Linie „nur“ nationale Hoffnungen auf eine Verbesserung der Arbeitsmarktlage enttäuscht, ist das Ergebnis der Lohnmoderation – insbesondere in einer Währungsunion – verheerend, weil andere Länder direkt die negativen Folgen dieser Lohnstrategie zu spüren bekommen, auch wenn sie sich selbst so vernünftig wie möglich verhalten – der Fall Frankreich lässt grüßen.

Im nächsten Beitrag dieser Serie befassen wir uns mit der goldenen Lohnregel und ihren gesamtwirtschaftlichen Folgen.

Anmelden