Zum Zusammenhang von Einzelhandelsumsatz und Löhnen

Wir hatten vergangenen Freitag versprochen, noch einmal auf den Zusammenhang von Lohnentwicklung und Konsum einzugehen. Es scheint, als habe die leichte Belebung des Einzelhandels seit Beginn dieses Jahres mit der ebenso leichten Erholung bei der Reallohnentwicklung zu tun. Wir haben dazu hier einmal den Reallohn- und den Nominallohnindex verwendet, wie das Statistische Bundesamt sie ausweist. Dabei handelt es sich allerdings um Daten zu Monatsverdiensten (einschließlich Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld), und zwar von Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten. Diese beiden Indizes bilden das, worauf es uns ankommt, nämlich die Nominal- und Reallohnentwicklung auf Stundenbasis, also den Verdienst, wie der einzelne Arbeitnehmer ihn wahrnimmt, nicht optimal ab. (Wir werden daher nach diesem ersten Versuch den Zusammenhang in einem späteren Beitrag datentechnisch ausgefeilter klären.)

Schaut man die Veränderungsraten der beiden Zeitreihen Nominallohnindex und nominaler Einzelhandelsumsatz über einen längeren Zeitraum an (vgl. Abbildung 1), zeigt sich ein gewisser Zusammenhang, auch wenn der nicht in jedem Zeitabschnitt stringent ist.

Abbildung 1

Abb 1 Einzelhandel Lohn nominal

In der jüngsten Periode seit 2008 stimmen Lohn- und Umsatzentwicklung recht gut überein: Jeder Anstieg und jeder Abschwung bei den Arbeitseinkommen pro Kopf geht einher mit einer entsprechenden Reaktion des Einzelhandelsumsatzes. Das bestätigt soweit unsere These, dass nur nominale und reale Einkommenssteigerungen beim einzelnen Beschäftigten eine durchgreifende Veränderung bei der Nachfrage im Inland bringen können.

Es fällt bei einem Blick in die Vergangenheit aber sofort auch die lange Periode von 2001 bis 2007 ins Auge, in der scheinbar nichts zusammenpasst. Was war damals geschehen? Es ist durchaus möglich, dass die Jahre nach der Jahrtausendwende wegen der berühmten „Reformen“ der damaligen Rot-Grünen Regierung eine tiefe Verunsicherung der Verbraucher mit sich brachten, die sich fragten, wie es mit ihrer individuellen Einkommensentwicklung weitergehen werde.

Die Reallöhne (vgl. Abbildung 2) stagnierten 2001 bereits, und es wurden ja zum Teil Horrorgemälde gezeichnet, bei denen mindestens sieben magere Jahre und tiefe Einschnitte in die Lebensverhältnisse heraufbeschworen wurden. Das dürfte unmittelbar zu einer Kaufzurückhaltung geführt haben, die 2002 ihren Höhepunkt erlebte, 2003 aber weiter anhielt, wenn man den Umsatz des deutschen Einzelhandels zum Maßstab nimmt: Nominal wie real gingen die Umsätze bis Ende 2003 weiter zurück, wenn auch nicht mehr so rasant wie 2002. Erst als die Masse der Einkommensbezieher merkte, dass die Einschnitte zwar gravierend waren – die Reallöhne sanken bis Anfang 2008 in der Größenordnung von 1 bis 2 Prozent jährlich –, aber gleichwohl nicht so groß, dass sie dauerhaft ein weit geringeres Konsumniveau verlangten, wurden aufgeschobene Käufe nachgeholt.

Abbildung 2

Abb 2 Einzelhandel Lohn real

Hinzu kam, dass in den Jahren 2004 folgende die durch die Lohnzurückhaltung möglich gemachten Exporterfolge der deutschen Wirtschaft begannen, sich in konkreten Umsatz- und Gewinnzuwächsen der Unternehmen sowie im Beschäftigungsaufbau innerhalb des Niedriglohnsektors niederzuschlagen, was allgemein die Stimmung und die Zuversicht vergrößerte. Wir müssen nicht betonen, dass diese Erfolge nur Scheinerfolge waren, die vor allem auf dem Rücken der anderen Partner in der Europäischen Währungsunion, nicht zuletzt aber auch auf dem Rücken der in schlecht bezahlten Jobs tätigen Arbeitskräfte erzielt wurden.

Nachdem der Rückgang der Lohnsumme im Jahr 2003 in den folgenden beiden Jahren dank Beschäftigungsausweitung zum Stillstand kam, konnten die Auswirkungen des stagnierenden Nominallohns und des fallenden Reallohns auf den Einzelhandel offenbar kompensiert werden. Doch je länger sich die Einkommensentwicklung für den einzelnen als perspektivlos herausstellte, desto weniger setzte der Einzelhandel seine positive Entwicklung fort – der Trend der Wachstumsraten zeigte spätestens ab 2005 nach unten, 2006 erreichte der Einzelhandel die reale Stagnation, um dann noch deutlich vor der Finanzkrise, nämlich ab dem Frühjahr 2007 regelrecht einzubrechen. Aufgrund der kräftigen Verbraucherpreissteigerungen vor der Finanzkrise blieb von der 2008 einsetzenden, spürbaren Verbesserung der Nominallohnentwicklung nicht viel übrig, so dass sich der Einzelhandelsumsatz real nicht mehr wirklich erholte, bis er durch die Finanzkrise in ein noch tieferes Tal gerissen wurde.

Der hier zu erkennende Zusammenhang zwischen Löhnen und Umsätzen im Binnenmarkt zeigt sehr klar, wie problematisch Lohnkürzungen generell sind, weil sie unmittelbar die Nachfrage der großen Masse der privaten Haushalte vermindern. Eine genauere Analyse auf Basis der Arbeitsstunden bzw. des Arbeitsvolumens und damit der Stundenverdienste dürfte diese These, so vermuten wir, noch untermauern. Doch schon an dieser Stelle lässt sich eindeutig sagen bzw. wiederholen, was schon lange unser Credo ist: Da nicht alle Länder real abwerten können, wie das Deutschland zu Beginn der 2000er Jahre getan hat, ist für Europa insgesamt eine Strategie der Lohnkürzung kontraproduktiv, egal ob sie in „Strukturreformen“ verpackt oder ganz offen betrieben wird. Denn der Exportkanal, der Deutschland aus dem Teufelskreis mangelnder Binnennachfrage befreit hat und das bekanntlich auch nur vorübergehend, steht Europa insgesamt nicht in der gleichen Größenordnung zur Verfügung.

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