Die Unternehmer und die schwarze Null – wie die Ideologie den Verstand vernebelt (Teil 2)

Heute die Fortsetzung meines Aufsatzes. Teil 1 ist am 18.11.2014 erschienen.

  1. Ein alternativer Ansatz zur Wirkung öffentlicher Defizite

Eine Wirtschaftspolitik, die auf falschen Denkmodellen aufsetzt (wie im ersten Teil erklärt), wird Schaden anrichten und keinen Nutzen bringen. Leidtragende einer schädlichen Wirtschaftspolitik sind aber (selbst wenn diese Politik kurzfristig die Unternehmensgewinne steigert) am Ende auch die Unternehmen. Würden die Unternehmen genau analysieren, welche Wirtschaftspolitik ihren Interessen, speziell ihrem immer noch wichtigsten Ziel der (langfristigen) Gewinnmaximierung, am besten entspricht, dann würden sie die Politik der Bundesregierung nicht mehr so laut loben. Es kommt aber die Schwierigkeit hinzu, dass diese Frage nach der „richtigen“ Politik aus Sicht des einzelnen Unternehmens scheinbar leicht zu beantworten ist: Am besten wäre es, wenn es ihm die Politik ermöglichte, die Löhne seiner Arbeitnehmer möglichst stark zu senken, da es dann seine Produkte zu niedrigeren Kosten anbieten könnte. Was aus einer einzelwirtschaftlichen Logik heraus vorteilhaft erscheint, erweist sich bei gesamtwirtschaftlicher Betrachtung jedoch als höchst problematisch: Eine generelle Lohnsenkung nämlich führt zu einem Ausfall an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage, der letztlich allen Unternehmen schadet. Dies kann also keine Lösung sein. („Der Postillon“ hat den Irrsinn der unablässigen Forderungen nach noch mehr Lohnsenkungen im August 2014 wunderbar karikiert.)

Die Frage nach einer Wirtschaftspolitik, die den Interessen aller Unternehmen dient, erfordert deshalb eine makroökonomische Perspektive. Orientiert man sich am Unternehmensziel der Gewinnmaximierung, so ist vor allem zu klären, wie die Gewinne in einer Volkswirtschaft bestimmt werden. Entsprechend müssten sich die Unternehmer, ihre Verbände und Institute (so etwa das IW) fragen, ob es eine Theorie gibt, die diese Frage schlüssig beantwortet. Sie würden dann auf die Theorie des polnischen Ökonomen Michal Kalecki stoßen, der bereits vor genau 60 Jahren (nämlich 1954) den makroökonomischen Ursprung der Gewinne erforscht hat (Nachdruck in: Kalecki 1971, S. 78-92)[1]. Warum geschieht dies nicht? Das ist sehr einfach: Kalecki gilt als „linker“ Ökonom, also beschäftigt man sich mit ihm erst gar nicht, sondern bleibt aus ideologischen Gründen lieber bei der neoklassischen Theorie, zumal diese alle bestehenden Vorurteile über die Schädlichkeit staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen so wunderbar bestätigt.

Im Folgenden soll die Analyse Kaleckis, die heute noch genauso aktuell ist wie zur Zeit ihrer Entstehung, kurz vorgestellt werden. Dabei weicht die Darstellungsweise etwas von derjenigen, die Kalecki verwendet, ab (sie folgt Mitchell 2010), was nichts an den Ergebnissen ändert. Es kommen einige sehr einfache Gleichungen zum Einsatz, die niemanden abschrecken sollten, da sie nur ein Minimum an Mathematikkenntnissen voraussetzen.

Kalecki betrachtet das Bruttonationaleinkommen (früher: Bruttosozialprodukt) von der Ausgaben- und von der Einkommenseite. Er geht dabei zunächst von der vereinfachenden Annahme einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne Staat aus und unterscheidet nach den jeweiligen Einkommensarten zwischen Arbeitnehmern (Lohneinkommen) und Kapitaleignern (Gewinneinkommen). Unter diesen Voraussetzungen setzt sich das Bruttonationaleinkommen (GNP) eines Landes von der Ausgabenseite betrachtet wie folgt zusammen:

GNP = C + I,

wobei C den privaten Konsum und I die privaten (Brutto-) Investitionen bezeichnen.

Von der Einkommenseite her gilt:

GNP = W + P,

wobei W für die Arbeitnehmerentgelte (Löhne und Gehälter) und P für die Gewinne steht. Die Gewinne (P) sind Bruttogewinne und enthalten Abschreibungen, einbehaltene Gewinne, Dividenden, Mieten, Zinsen etc.

Die zwei Formeln für das Bruttonationaleinkommen (GNP) lassen sich gleichsetzen:

W + P = C + I

Oder:

P = C + I – W

Nimmt man – wie Kalecki – aus Vereinfachungsgründen zusätzlich an, dass die Arbeitnehmer ihr gesamtes Einkommen ausgeben (d.h. ihr Konsum = W ist, sie also nicht sparen), so stellt (C – W) den Bestandteil des privaten Konsums dar, der den Kapitaleignern zukommt.

Die zuletzt genannte Gleichung lässt sich also so lesen, dass die Bruttogewinne (P) gleich dem Konsum der Kapitaleigner (C – W) plus den Bruttoinvestitionen (I) sind. Die interessante Frage ist nun die, wie die Wirkungsrichtung verläuft: Bestimmen die Gewinne in einem gegebenen Zeitraum den Konsum der Kapitaleigner und die Investitionen oder gilt das Umgekehrte?

Die Antwort auf diese Frage hängt nach Kalecki davon ab, worüber die Kapitaleigner die direkte Entscheidungsgewalt haben. So können sie sich entscheiden, in einer gegebenen Zeitperiode mehr zu konsumieren und/oder zu investieren als in der vorangegangenen Periode, aber sie können nicht entscheiden, mehr zu verdienen. Somit sind es ihre Investitions- und Konsumentscheidungen, die die Gewinne bestimmen, und nicht umgekehrt (wie man intuitiv vermuten könnte).

Kalecki erweitert sein Modell anschließend um den Auslands- und Staatssektor; gleichzeitig hebt er die Annahme auf, dass die Arbeitnehmer nicht sparen. Wiederum von der Ausgabenseite her betrachtet, setzt sich das Bruttoinlandsprodukt GDP (das wir hier statt des von Kalecki gewählten Bruttonationaleinkommens verwenden) nunmehr so zusammen:

GDP = C + I + G + NX,

mit C wiederum als privater Konsum und I als private Investitionen. Neu hinzu kommen G, das die Staatsausgaben (einschließlich der staatlichen Investitionen) bezeichnet, und NX, das für die Nettoexporte (Exporte minus Importe) steht. Die Nettoexporte entsprechen hier der Leistungsbilanz, d.h. sie schließen die Netto-Einkommensströme in jeder Zeitperiode ein.

C setzt sich aus dem Konsum der Kapitaleigner (Cp) und dem Konsum der Arbeitnehmer zusammen, wobei letzterer sich auch als Arbeitnehmereinkommen nach Steuern (Wn) minus Ersparnis der Arbeitnehmer (Sw) ausdrücken lässt. Die zuletzt erwähnte Gleichung lässt sich also auch folgendermaßen schreiben:

GDP = Cp + (Wn – Sw) + I + G + NX

Dem steht auf der Einkommenseite gegenüber:

GDP = Pn + Wn + T,

wobei Pn die Gewinne nach Steuern und Wn (wie bereits erwähnt) die Arbeitnehmerentgelte nach Steuern bezeichnen. T steht für die gesamten Steuern.

Die zwei angeführten Formeln für GDP, also für das Bruttoinlandsprodukt, lassen sich gleichsetzen:

Cp + (Wn – Sw) + I + G + NX = Pn + Wn + T

Löst man diese Gleichung nach Pn (Bruttogewinne nach Steuern) auf, ergibt sich:

Pn = I + (G – T) + NX + Cp + Wn – Sw – Wn

Das heißt:

Pn = I + (G – T) + NX + Cp – Sw

Das Ergebnis lautet somit, dass die Bruttogewinne nach Steuern (Pn) gleich den Bruttoinvestitionen (I) plus dem staatlichen Budgetdefizit (G – T) plus dem Exportüberschuss (NX) plus dem Konsum der Kapitaleigner (Cp) minus der Ersparnis der Arbeitnehmer (Sw) sind. Oder anders ausgedrückt: Die Bruttogewinne nach Steuern sind umso höher, je höher die Bruttoinvestitionen, je größer das staatliche Haushaltsdefizit, je höher die Exportüberschüsse, je höher der Konsum der Kapitaleigner und je geringer die Ersparnisse der Arbeitnehmer sind.

Es ist also nicht so, dass – wie von orthodoxer Seite behauptet – sowohl die Masse als auch die Verteilung der Gewinne durch den Wettbewerb und die technologischen Bedingungen der Produktion bestimmt werden. Zwar beeinflussen technologische Effizienz und Marktmacht die Verteilung der Gewinne unter den Unternehmen, nicht aber die Höhe der Gesamtgewinne, die (in der oben beschriebenen Weise) makroökonomisch bestimmt wird (Minsky 1989, S. 2f).[2]

Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass ein staatliches Budgetdefizit einen ähnlichen Effekt hat wie ein Exportüberschuss, weshalb Kalecki mit Recht feststellt:

„In gewissem Sinne kann das Haushaltsdefizit als ein künstlicher Exportüberschuss betrachtet werden. Im Fall des Exportüberschusses erhält ein Land mehr für seine Exporte, als es für seine Importe zahlt. Im Fall des Budgetdefizits erhält der Privatsektor der Volkswirtschaft mehr an Staatsausgaben, als er an Steuern zahlt. Das Pendant des Exportüberschusses ist ein Anstieg der Verschuldung des Auslands gegenüber dem betrachteten Land. Das Pendant des Budgetdefizits ist ein Anstieg der Verschuldung des Staates gegenüber dem Privatsektor. Beide dieser Überschüsse der Einnahmen über die Zahlungen erzeugen in der gleichen Weise Gewinne“ (Kalecki 1971, S. 85, Übersetzung G.G.).

Staatliche Ausgaben erhöhen die Einnahmen des Unternehmenssektors direkt durch staatliche Käufe von Waren und Dienstleistungen und indirekt durch die Steigerung der Einkommen der Haushalte (z.B. durch staatliche Löhne, Transferleistungen, Zinszahlungen etc.), die dann für den Kauf von Gütern der Unternehmen verwendet werden. Gibt der Staat in einer Periode weniger aus, als er (an Steuern) einnimmt, zieht er von den Gewinnen mehr ab, als er ihnen hinzufügt; gibt er mehr aus, als er einnimmt, fließt mehr Geld vom Staat zum Unternehmenssektor, als der Staat den Unternehmen nimmt.

Steigende Haushaltsdefizite erhöhen nur dann nicht die (realen) Gewinne, wenn die Kapazitäten voll ausgelastet sind und die wachsenden Defizite die nominale Gesamtnachfrage über die reale Fähigkeit der Volkswirtschaft hinaus, Produktion und Realeinkommen zu steigern, nach oben treiben. Von einer solchen Situation sind wir in Deutschland gegenwärtig weit entfernt.

Das Ergebnis ist klar: Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht müssten die Unternehmer hierzulande gerade vor dem Hintergrund der schlechten neuen Konjunkturdaten eine sofortige Abkehr von der Politik der schwarzen Null hin zu einer expansiven Fiskalpolitik fordern. Mit erhöhten staatlichen Budgetdefiziten könnte nicht nur die Gewinnsituation der Unternehmen verbessert, sondern gleichzeitig dem drohenden wirtschaftlichen Einbruch entgegengewirkt werden. Kreditfinanzierte öffentliche Investitionen zur Verbesserung der maroden Infrastruktur in Deutschland würden zudem helfen, markante Wachstumsverluste in der Zukunft zu verhindern. All dies müsste im Interesse der Unternehmen liegen und sie deshalb veranlassen, für eine stärkere staatliche Neuverschuldung einzutreten.

  1. Fazit

Es ist absurd: Statt endlich eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik zu vollziehen und die Binnennachfrage anzuregen, weigert sich die Politik hierzulande beharrlich, das Wachstum in Deutschland und Europa zu unterstützen. Schlimmer noch: Mit der Politik der schwarzen Null nimmt sie in Kauf, die deutliche konjunkturelle Abschwächung noch zu verstärken. Zu befürchten ist, dass die Bundesregierung bei krisenbedingt sinkenden Steuereinnahmen und steigenden Sozialausgaben auf die Idee kommen wird, ihre Gesamtausgaben noch stärker als geplant herunterzufahren und damit den Abschwung weiter zu verschärfen, nur um das Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts zu erreichen. (Oder es folgt wieder wie 2009 ein „keynesianischer Moment“: Wenn massive Entlassungen und ein erheblicher wirtschaftlicher Einbruch drohen, kommt wieder eine Abwrackprämie, eine Vergünstigung der Bedingungen beim Kurzarbeitergeld usw. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Konjunkturpaket_II)

Gegen eine solche Politik müssten die Unternehmer, ihre Verbände und Institute eigentlich Sturm laufen, da ihnen aus purem Eigeninteresse nicht an einem wirtschaftlichen Absturz gelegen sein kann. Doch nichts dergleichen geschieht: Stattdessen fordern und unterstützen sie lautstark einen Abbau der öffentlichen Defizite hin zur schwarzen Null, obwohl dies unmittelbar die Unternehmensgewinne verringert, wie im letzten Abschnitt gezeigt wurde.

Aber das Wichtigste scheint zu sein, den sich ausbreitenden Staat, der mit seiner Verschuldung angeblich nur Schaden anrichtet, endlich in die Schranken zu weisen. Da gibt es keine Alternative, da müssen halt Opfer gebracht werden, auch wenn dies bedeutet, dass die Gewinne sinken und die Wirtschaft auf Talfahrt geht.[3]

 

Literatur

Borio, C./ Disyatat, P. (2009): Unconventional monetary policies: an appraisal, in: BIS Working Pa­pers, No. 292, November

Disyatat, P. (2010): The bank lending channel revisited, in: BIS Working Papers, No. 297, Februar

Flassbeck, H./Spiecker, F. (2014): Unser Geldsystem XVII – Der Zins (2), http://www.flassbeck-economics.de/abo-artikel-unser-geldsystem-xvii-der-zins-2/; letzter Zugriff: 02.11.2014

Grass, R.-D./Stützel, W. (1983): Volkswirtschaftslehre, München 1983

Grunert, G. (2013): Die kläglichen Fundamente der Austeritätspolitik, http://www.nachdenkseiten.de/?p=18350; letzter Zugriff: 02.11.2014

Grunert, G. (2014): Schwaches Wachstum und Deflationsgefahr im Euroraum – letzte Hoffnung EZB?, http://www.nachdenkseiten.de/?p=21914; letzter Zugriff: 02.11.14

Kalecki, M. (1971): Selected Essays on the Dynamics of the Capitalist Economy, Cambridge

Lautenbach, W. (1952): Zins, Kredit und Produktion, Tübingen

McLeay, M./Radia, A./Thomas, R. (2014): Money creation in the modern economy, in: Quarterly Bulletin 2014 Q1, S.14-27, http://www.bankofengland.co.uk/publications/Documents/quarterlybulletin/2014/qb14q1prereleasemoneycreation.pdf; letzter Zugriff: 24.05.2014

Minsky, H. P. (1982): The financial-instability hypothesis: capitalist processes and the behavior of the economy, in: Kindleberger, C. P./Laffargue, J.-P. (eds.), Financial crises – Theory, history, and policy, Cambridge, S. 13-39

Minsky, H. P. (1984): The Financial Instability Hypothesis: A Restatement, in: Minsky, H. P., Can “It” Happen Again? – Essays on Instability and Finance, New York, S. 90-116

Minsky, H. P. (1986): Stabilizing an Unstable Economy, New Haven and London

Minsky, H. P. (1989): Profits, Deficits and Instability: A Policy Discussion, in: Hyman P. Minsky Archive, Paper 148, http://digitalcommons.bard.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1147&context=hm_archive; letzter Zugriff: 02.11.2014

Mitchell, B. (2010): Why budget deficits drive private profit, http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?p=12003; letzter Zugriff: 02.11.2014

Mitchell, B. (2014): Options for Europe – Part 70, http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?p=27644; letzter Zugriff: 02.11.2014

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Endnoten:

[1] Kalecki steht mit seinen Überlegungen nicht allein: Andere Ökonomen kommen unabhängig von ihm zu ähnlichen Ergebnissen, wenngleich ihre Analysen nicht ganz so präzise sind und die Gewinnkomponenten weniger genau aufschlüsseln. Vgl. z.B. Lautenbach 1952, S. 25f und Grass/Stützel 1983, S. 320f.

[2] Der US-amerikanische Ökonom Hyman Minsky integriert die Erkenntnisse Kaleckis zur Gewinnbildung als einen wesentlichen Bestandteil in seine „Hypothese der finanziellen Instabilität“, die lange Zeit wenig zur Kenntnis genommen wurde, nach Beginn der „Großen Rezession“ im Jahre 2008 aber plötzlich sehr große Beachtung fand. Vgl. Minsky 1982, 1984 und 1986.

[3] Die Aversion der Unternehmer gegen einen starken Staat zeigt, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt haben, weder aus der „Großen Depression“ der 1930er Jahre noch aus der „Großen Rezession“, die 2008 ihren Anfang nahm. Minsky stellt völlig zu Recht fest: „Der große Staatssektor (big government) ist der wichtigste Grund, warum der heutige Kapitalismus besser ist als der Kapitalismus, der uns die Große Depression brachte. Bei einem großen Staatssektor ist eine Entwicklung in Richtung einer tiefen Depression mit einem großen Staatsdefizit verbunden, das die Unternehmensgewinne aufrechterhält oder erhöht. Werden die Gewinne stabilisiert, werden auch Produktion und Beschäftigung aufrechterhalten oder erhöht“ (Minsky 1986, S. 296f; Übersetzung G.G.).

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