Über Wachhunde und Spürhunde – Aufgelesen bei … Hans-Werner Sinn

Ein Leser weist uns auf einen Artikel von Hans-Werner Sinn hin, der in der SZ vom 1.11.2014 erschienen ist. Unter dem Obertitel „Ignorante Kritik an Ökonomen“ steht als Haupttitel „Sie sind wie Spürhunde“. Im Untertitel schreibt Hans-Werner Sinn: „All jene, die Ökonomen kritisieren, haben sie in Wahrheit nicht verstanden. Denn Volkswirte glauben nicht an den perfekten Markt. Im Gegenteil: Sie suchen ständig nach dessen Fehlern.“

Und im Text heißt es: „Wie Spürhunde suchen Volkswirte die Wirtschaft nach Marktfehlern ab und überlegen, wie man diese Fehler durch kluge Staatseingriffe korrigieren kann. Dies zu übersehen ist das große Versäumnis der Kritiker. … Der Volkswirt ähnelt insofern einem Arzt. Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen. Ein guter Arzt greift nicht willkürlich in die Prozesse des Körpers ein, sondern nur, wenn er eine Krankheit im Sinne einer Abweichung von der Norm objektiv nachweisen kann und über eine wirksame Therapie verfügt.“

Da haben wir wohl tatsächlich etwas übersehen. Uns jedenfalls sind die Spürhund-Ökonomen in den letzten Jahrzehnten nicht besonders aufgefallen. Mit der Auffassung, die Ökonomen sollten wie Ärzte sein, stimmen wir vollkommen überein. Aber wie ist das mit dem Aufspüren von Krankheiten? Schauen wir uns mal einige wichtige Krankheiten an und fragen, wo die Ökonomen sind, die versuchen, sie aufzuspüren und zu heilen.

Beispiel Carry trade

Ich nahm am Montag vor einer Woche an einer Konferenz in Berlin teil, wo es um Währungsfragen ging, genauer um die Frage, warum Schwellenländer solche Schwierigkeiten haben, sich mit einem System flexibler Wechselkurse zurechtzufinden (Wir haben das hier und hier am Beispiel Brasilien schon im Detail behandelt). Brasilien hat in diesem Zusammenhang ein großes Buhei in den G 20 und in der Öffentlichkeit veranstaltet, um darauf aufmerksam zu machen, dass seine Währung dauernd aufwertete, obwohl das Land wegen relativ hoher Inflationsraten eigentlich eine Abwertung gebraucht hätte. Diese Diskussion konnte man als Ökonom eigentlich nicht übersehen und es hätte nur eines Blicks in die Statistik bedurft, um festzustellen, dass Brasilien mit seiner Kritik vollkommen richtig lag, weil der brasilianische Real über viele Jahre gegen die Fundamentaldaten aufgewertet wurde und Brasilien ungerechtfertigt an Wettbewerbsfähigkeit verlor.

Als Brasilien in der G 20 und dann im Rahmen der WTO versuchte, seine berechtigten Klagen über diese Spekulation einer breiteren Öffentlichkeit und in der Politik zu Gehör zu bringen, sprang ihm – außer dem ehemaligen Chefvolkswirt der UNCTAD – kein einziger Mainstream-Ökonom bei – auch Hans-Werner Sinn nicht. Alle wichtigen internationalen Organisationen mit ihren hunderten von Mainstream-Ökonomen wiegelten mit fadenscheinigen Argumenten ab. Bei einem eigens zur Diskussion dieser Frage organisierten Seminar in der WTO im Frühjahr 2012 sagten sie (IWF, Weltbank und OECD) unisono, man könne das nicht beurteilen, das Problem sei zu „komplex“, als dass man sich schon ein Urteil darüber gebildet hätte.

Was aber seitdem in der sogenannten ökonomischen Theorie geschehen ist, zeigt die besagte Berliner Konferenz. Wie immer in solchen Fällen hat man eine nur absurd zu nennende These (eine typische ad-hoc-These) ersonnen (currency hierarchies genannt), die erklären soll, warum in einem perfekten Markt Schwellenländer höhere Zinsen brauchen als etwa die USA. Das hat zwar mit dem eigentlichen Problem der massiven Überbewertung des Schwellenlandes nichts zu tun, bindet aber die wissenschaftlichen Ressourcen so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Die bis dahin geschädigte, wenn nicht sogar zerstörte Industrie Brasiliens (und anderer Schwellenländer) kümmert die Mainstream-Ökonomen nicht.

Beispiel Rohstoffspekulation

Auch in Sachen Rohstoffspekulation war ich weltweit mit meinen Kollegen in UNCTAD ganz allein, obwohl wir neue und nahezu eindeutige Evidenz dafür hatten, dass auch hier die finanzialisierten Märkte wegen Herdenverhalten zu gewaltigen Preisverzerrungen führten. Aufgefallen sind dagegen deutsche Wirtschaftsethiker, die in „Meta-Studien“ die These von den effizienten Märkte verteidigten (hier dazu ein Beitrag).

Beispiel Destabilisierende Lohnsenkung

2008/2009 gab es eine globale Rezession, bei der die Arbeitslosigkeit stieg, obwohl die Löhne sehr niedrig waren und weltweit schon vor der Krise die Einkommensungleichheit beklagt wurde. Entstand da neoklassische Arbeitslosigkeit? Können die Spürhunde dieses Phänomen erklären? Warum ist kein Mainstream-Ökonom aufgestanden und hat sich für Staatseingriffe eingesetzt, um zu verhindern, dass die sich aus dem einzelwirtschaftlich rationalen, gesamtwirtschaftlich aber fatalen Druck auf die Löhne ergebende Destabilisierung der Nachfrage zu Deflation führt, wie das nun der Fall ist? „So viel Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig“, schreibt Hans-Werner Sinn als Motto für die Grundhaltung der Spürhund-Ökonomen. Das bleibt eine hohle Phrase, wenn man das Marktversagen einfach nicht wahrnehmen will. Und warum wollen das die Mainstream-Ökonomen nicht? Weil sie dann zwei ihrer grundlegendsten Überzeugungen in Frage stellen müssten: den Monetarismus und den neoklassisch funktionierenden Arbeitsmarkt. Von dem engen Zusammenhang von Inflationsraten und Lohnstückkosten wollen sie nichts wissen (hier unser letzter Beitrag dazu). Lieber halten sie weiter am Monetarismus fest, obwohl es für den keinerlei wissenschaftliche Begründung gibt, wie wir beispielsweise hier gezeigt haben.

Beispiel Flächentarifvertrag

Und das Versagen der Ökonomen beim Aufspüren von Marktunvollkommenheiten setzt sich in Sachen Arbeitsmarkt noch fort. Der Flächentarifvertrag ist die einzige Möglichkeit, die in der Realität mangelnde Mobilität der Arbeitskräfte so zu simulieren, dass auch ohne sie ein sinnvoller, ausgewogener Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt und auf den Gütermärkten möglich ist. Natürlich kann man sich als weltfremder Ökonom hinstellen und behaupten, wenn die Arbeitskräfte samt ihren Familien nicht bereit seien jederzeit umzuziehen, sobald sich regionale Lohndifferenzen auftäten, seien sie selbst Schuld daran, wenn sie in Hintertucks weniger verdienten als in der Großstadt xy. Und die sich ergebenden Ballungsphänomene wie Verkehrschaos und überdurchschnittliche Lebenshaltungskosten würden auf Dauer schon von selbst dafür sorgen, dass bis zu einem gewissen Grad ein Ausgleich stattfände.

Doch Ökonomen, die so argumentieren, müssen sich nicht wundern, wenn sie kritisiert oder nicht mehr ernst genommen werden, worüber Hans-Werner Sinn sich ja beklagt. Wirtschaften ist kein Selbstzweck, sondern eine Aktivität, die Leben ermöglichen soll und nicht umgekehrt. Das heißt, weil es enorm viele gute Gründe gibt, den Menschen keine totale Mobilität abzuverlangen, ist es sinnvoll, stattdessen die Unternehmen durch Flächentarifverträge dazu zu zwingen, für gleiche Arbeit den gleichen Lohn in jeder Region zu zahlen. Durch die von den Mainstream-Ökonomen betriebene systematische Zerstörung des Flächentarifvertrages ist aber die Marktunvollkommenheit bei der Mobilität wieder voll zum Tragen gekommen. Um im gewählten Bild zu bleiben: Der Arzt hat der Krankheit selbst zum Ausbruch verholfen, indem er die notwendige Dauermedikation abgesetzt hat.

Doch es kommt noch besser. Hans-Werner Sinn schreibt zur aktuellen Tarifauseinandersetzung zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft der Lokomotivführer im gleichen Beitrag: „Freilich ist nur der Wettbewerb zwischen Anbietern ähnlicher Leistungen gut. Wenn Anbieter komplementäre Leistungen anbieten, ist er schlecht, sogar noch schlechter als ein Monopol. Ein Beispiel bietet der Wettbewerb zwischen Gewerkschaften, die denselben Berufsstand innerhalb eines Unternehmens vertreten. Solche Gewerkschaften schädigen nicht nur das Unternehmen und dessen Kunden, sondern auch die Arbeitnehmer, weil sie den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Deshalb hat Andrea Nahles recht, wenn sie die Lokführer und Piloten mit allen anderen Arbeitnehmern der Betriebe in eine Monopolgewerkschaft zwingen will.“

Da reibt man sich die Augen: Inwiefern bieten zwei Gewerkschaften, die beide etwa Zugbegleiter vertreten, komplementäre Leistungen an? Die Arbeitsstunden von Zugbegleitern, die in Gewerkschaft A organisiert sind, sind austauschbar-identisch mit denen von Zugbegleitern, die in Gewerkschaft B organisiert sind, und keinesfalls komplementär. Dass das bei funktionierendem Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften auf ein und denselben Lohn für die gleiche Berufsgruppe hinauslaufen muss, versteht sich von selbst – und zwar, anders als Hans-Werner Sinn behauptet, ganz ohne gesetzlichen Zwang zu einer Einheitsgewerkschaft. Das macht der Markt, wie wir vor zwei Tagen hier erklärt haben, ganz von allein.

Wenn Hans-Werner Sinn mit „komplementär“ die Arbeitsleistung der Lokführer im Gegensatz zu der Arbeitsleistung etwa der Zugbegleiter meint, also kritisieren will, dass sich die eine Berufsgruppe solidarisch mit der anderen erklärt und deren Lohnforderungen per Streik Nachdruck verleiht, dann sind wir wieder beim Thema „Druck auf die Löhne“, siehe oben.

Beispiel Logik der Saldenmechanik und der Wettbewerbsfähigkeit

Phantastisch an der Spürhund-These ist auch, dass einfache gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge im Mainstream vielfach vollkommen ausgeblendet bleiben (auch in der Lehre), obwohl man ohne ihre Kenntnis bei vielen Fragen keinen Schritt weiter kommt oder sich dauernd im Kreise dreht. Da liegt nicht Marktunvollkommenheit in der Wirtschaft sondern mangelnde Logik bei den Ökonomen vor. Dazu gehören die Finanzierungssalden der Nationalstaaten und die der Sektoren dieser Staaten, wie sie etwa die Deutsche Bundesbank ermittelt. Wer erklärt dem deutschen Publikum und der deutschen Politik, dass nicht alle Länder zugleich Überschüsse in der Leistungsbilanz haben können und dass daraus folgt, dass nicht alle in gleicher Weise und zugleich die Staatschulden reduzieren können, wenn die Privaten (einschließlich der Unternehmen) nicht aufhören per Saldo zu sparen? Warum schreibt kein deutscher Mainstream-Ökonom mal einen Artikel wie Martin Wolf am Mittwoch in der Financial Times oder ein Buch wie Richard Koo, wo die Logik dieser Saldenbeziehungen zu einer Kategorisierung der Politikmöglichkeiten führt, denen auch Politiker nur schwer ausweichen können?

Welcher deutsche Mainstream-Ökonom schließlich steht auf und sagt Frau Merkel, dass nicht alle Länder zugleich wettbewerbsfähiger werden können, nicht einmal Europa insgesamt, jedenfalls so lange es einen flexiblen Wechselkurs mit den anderen Währungen der Welt hat? Wer erklärt ihr den Unterschied zwischen einem absoluten Konzept (Produktivität) und einem relativen (Wettbewerbsfähigkeit)?

Verteidigungsschrift als Anklagedokument

Nein, keine Ärzte und keine Heilungsversuche, soweit das Auge bei makroökonomischen Fragen reicht. Die deutschen Mainstream-Ökonomen, noch mehr als ihre Kollegen im Ausland, sind keine Spürhunde. Sie sind scharfe Wachhunde, die das von ihnen einmal eingenommene Terrain ideologischer Bastionen mit allen Mitteln verteidigen.

Es ist genau umgekehrt, wie Hans-Werner Sinn glaubt. Die Ökonomen, wie übrigens die meisten anderen Wissenschaftler auch (wie wir seit Thomas S. Kuhns bahnbrechender Arbeit über die „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ wissen), sind ganz überwiegend damit beschäftigt, ihr Paradigma mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, und zwar so lange, bis es wirklich nicht mehr zu halten ist, weil – wie Kuhn es ausdrückte – die Anomalien einfach zu groß werden. Und so gerät Hans-Werner Sinns Versuch der Verteidigung der Ökonomen als aufmerksam nach Marktunvollkommenheiten suchenden und sie heilenden Wissenschaftlern – sicher ungewollt – zur Anklageschrift gegen die meisten von ihnen.

Die Ökonomen sind leider auch keine Ärzte, weil ihnen im Kampf um die Deutungshoheit das Ethos des normalen ehrlichen Hausarztes fehlt. Und es gibt zu viele Ökonomen, die sich ganz offen Lobbygruppen wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft verschrieben haben. Warum distanzieren sich ernsthafte Wissenschaftler nicht von solchen Kollegen? John Maynard Keynes hat einmal bemerkt: „If economists could manage to get themselves thought of as humble, competent people, on a level with dentists, that would be splendid!” („Wenn die Ökonomen es schaffen würden, dass man sie als bescheidene, kompetente Leute ansehen würde, auf einem Niveau mit den Zahnärzten, das wäre wunderbar!“)

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