Warum Nullzinsen und Deflation in Schweden? Die sind doch solide?!

Die Financial Times berichtete vergangene Woche, dass nun auch Schweden zu den Ländern gehöre, in denen die Zentralbank die Zinsen auf null gesetzt hat, weil sie eine Deflation fürchtet. Da müsste sich manch einer wundern. In Schweden hatte die Zentralbank nämlich als so ziemlich einzige der Welt die Zinsen in den Jahren 2010 und 2011 erhöht, weil sie eine Hauspreisblase fürchtete. Außerdem ist Schweden wie Deutschland eines der Länder, die noch immer leicht wachsen und seit vielen Jahren extrem hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen (mit über sechs Prozent im Jahr 2013 fast so hoch wie in Deutschland), es ist also keineswegs so ein Schuldenmacher wie zum Beispiel die Südeuropäer.

Sind es nicht solche Länder wie Schweden, die eigentlich höhere Zinsen bräuchten, wie in Deutschland immer behauptet wird? Man sagt doch, die EZB könne nur deshalb nicht die richtige Geldpolitik für Deutschland machen, weil das von den Problemländern in Südeuropa verhindert werde. Deutschland bzw. die deutschen Sparer bräuchten nämlich eigentlich dringend höhere Nominalzinsen, weil sich das Sparen sonst gar nicht mehr lohne. Da Sparen aber wichtige Voraussetzung für’s Investieren sei, müssten die Sparer mit vernünftigen Zinsen bei der Stange gehalten werden. Denn dass Investitionen gebraucht werden, pfeifen ja mittlerweile die Spatzen von den Dächern. Stattdessen komme man den hoch verschuldeten EWU-Krisenländern mit einer ultra lockeren Geldpolitik entgegen, damit sie die Zinslast ihrer Schulden nicht so drücke. Außerdem behaupten viele inzwischen, die Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) sei sogar schädlich für die „Sünder“ in Südeuropa, weil dadurch der Druck fehle, um die richtigen „Reformen“ durchzuführen. Wer Nullzinsen bekomme, dem mache man das Leben bei hohen Staatsschulden zu leicht.

Wieso also senkt jetzt die schwedische Notenbank die Zinsen? Schweden steckt in keiner Währungsunion, in der es auf andere Rücksicht zu nehmen hätte. Schweden hat kein Staatsschuldenproblem, denn kaum ein westliches Industrieland hat geringere Staatschulden als Schweden (gemessen am BIP um die vierzig Prozent). Auch die Neuverschuldung des schwedischen Staatshaushalts liegt nahe Null. Das heißt, die Anti-Deflationspolitik der schwedischen Zentralbank kann nichts mit Staatsschulden zu tun haben. Warum folgt die Schwedische Zentralbank dennoch der EZB in der Politik extrem niedriger Zinsen?

Nun ja, sie will offenbar einer drohenden Deflation vorbeugen. Doch warum gibt es in einem Land wie Schweden, das scheinbar blendend dasteht, überhaupt eine Deflationsgefahr? Offenbar haben die Zentralbanken in kleinen wie in großen Ländern gleichermaßen in den vergangenen Jahren fest geschlafen, so dass sie nirgendwo den Weg in die Deflation rechtzeitig, d.h. so früh erkennen konnten, dass es erst gar nicht zu einer Nullzinspolitik kommen musste. Das kann nur daran liegen, dass praktisch alle Zentralbanken ähnliche Modelle benutzen, um Inflation oder Deflation vorherzusagen, und dass diese Modelle nicht viel taugen, jedenfalls nicht im Fall zu schwacher Preisentwicklung.

Das ist in der Tat die Erklärung. Natürlich hat auch die schwedische Zentralbank wie alle anderen an den direkten Zusammenhang von Geldmengen und Geldpolitik und Inflationsentwicklung geglaubt und den eigentlich relevanten und klaren Zusammenhang von Löhnen bzw. Lohnstückkosten und Preisen ignoriert (vgl. die nachstehende Abbildung).

Abb LStK Preise

Schweden weist seit seiner großen Währungs- und Finanzkrise Anfang der 90er Jahre niedrige Inflationsraten auf und ist seitdem schon einige Male mit der Inflationsrate nahe an die Nulllinie geraten. Diesmal hält das niedrige Niveau der Preissteigerungsrate auch noch länger an als in früheren Phasen. Nun zeigt die Grafik, dass Inflationsraten und die Entwicklung der Lohnstückkosten über die gesamte hier abgebildete Zeit (immerhin fast 55 Jahre) Hand in Hand gehen. Lohnstückkosten haben aber direkt weder mit einer wie auch immer definierten Geldmenge noch mit der Höhe der Zinsen etwas zu tun. Modelle, die „Geldmengen“ oder Zinsen für die wesentlichen Steuerungsfaktoren der Preisentwicklung halten, können daher den hier illustrierten Zusammenhang gar nicht erfassen und aus ihm weder frühzeitige Warnhinweise noch Erfolg versprechende Lösungsansätze bei Schieflagen der Preisentwicklung gewinnen.

Dass der Druck auf die Preise von den Löhnen kommt, kann man leicht erklären: Als die globale Finanzkrise von 2008/2009 die Arbeitslosigkeit weltweit steigen ließ, entstand neuer Druck auf die Löhne, obwohl das Auftreten dieser Arbeitslosigkeit nichts, aber auch gar nichts mit „zu hohen“ Löhnen zu tun hatte. Im Gegenteil, die Lohnquote war bereits überall sehr niedrig. Wir haben das schon einige Male dargelegt (zum Beispiel hier). Seit die hohe Arbeitslosigkeit die ohnehin schon niedrigen Löhne weiter schwächt, sich dadurch aber keineswegs verringert, ist zum einen das neoklassische Modell des Arbeitsmarktes, nach dem der wie ein Kartoffelmarkt funktioniert, auf der ganzen Welt tot. Zum anderen ist globale Deflation angesagt, weil Druck auf die Löhne Druck auf die Kosten bedeutet und das im Wettbewerb über Kurz oder Lang zu Druck auf die Preise führt.

Viele haben diesen Zusammenhang aber bis heute noch nicht gemerkt oder können und wollen ihn wegen ihrer ideologischen Scheuklappen nicht wahrhaben. Wer gibt schon gern den Monetarismus und all die aus ihm abgeleiteten Modelle auf, an denen er sich jahrzehntelang orientiert hat? Und wer nimmt schon freiwillig das Wort Lohnpolitik in den Mund, wo doch Löhne angeblich auf Märkten ohne jede politische Einflussnahme zustande kommen oder wenigstens Sache der Tarifparteien sind, nicht aber Gegenstand der Wirtschaftspolitik im engeren Sinne? Würden die Geldpolitiker den Nexus zwischen der Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten und der Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus ernst nehmen, wäre der Ausweg aus den deflationären Tendenzen in Europa klar vorgezeichnet: Die Zentralbanken müssten sich für höhere Löhne aussprechen und die Gewerkschaften ermutigen, einer weiteren Erosion des Lohnniveaus entschieden entgegen zu treten. Sie müssten den Regierungen in den Arm fallen, wenn deren Reformvorhaben auf das Lohnniveau drücken und damit deflationär wirken. Ja, die Geldpolitiker müssten anerkennen, ihr geldpolitisches Ziel Nummer eins, die Preisstabilität, nicht aus eigener Kraft erreichen zu können, zumindest dann nicht, wenn es mit der Inflationsrate gegen null oder sogar darunter geht.

Ein solches Eingeständnis käme aber einem wirtschaftspolitischen Erdbeben gleich, denn wo bliebe da die so viel beschworene Unabhängigkeit der Zentralbanken? Also unterbleibt das Eingeständnis lieber und kämpft man innerhalb wie außerhalb der EWU weiter mit geldpolitischen Mitteln gegen eine unverstandene Lohn-Deflation statt sich mit den anderen Politikbereichen ernsthaft zu koordinieren. Wer die Nullzins-Politik kritisiert, der sollte sie wenigstens nicht denen in die Schuhe schieben, die nichts dafür können, nämlich nicht den Krisenländern – das legt das Beispiel Schweden ganz eindeutig nahe. Sondern der sollte diejenigen dafür verantwortlich machen, die nicht bereit sind, ihre Vorstellungen von der Funktionsweise einer Marktwirtschaft und insbesondere ihre Inflationstheorie der Realität anzupassen, aber dennoch an den Schalthebeln der Wirtschaftspolitik sitzen.

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