Archiv | 16.12.2014 (editiert am 25.05.2016)

Konjunktur in Europa: Kein Ende der Rezession, kein Ende der falschen Wirtschaftspolitik

Die wichtigsten konjunkturellen Indikatoren für Europa (die aktuell als letzten Monat zumeist den Oktober erfassen) bieten keinen Hoffnungsschimmer. Im Gegenteil, die Lage hat sich in einigen Ländern erheblich verschlechtert und ist insgesamt kurz vor Beginn des Jahres 2015 keinen Deut besser als zu Beginn des Jahres 2013. Die Industrieproduktion im gesamten Euroraum stagniert, in Italien und Frankreich geht es sogar weiter abwärts, und auch Deutschland hat keine Wachstumsperspektive (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abb 1 Indprod EWU

Seit Anfang 2011 – das ist der Zeitpunkt, zu dem die leichte konjunkturelle Erholung nach der tiefen Rezession von 2009 endete – geht es in Europa nur rückwärts. Das sind jetzt geschlagene vier Jahre. Das ist das verheerende Ergebnis einer Politik, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Länder der EWU nach dem Vorbild Deutschlands „strukturell“ zu reformieren, die Wettbewerbsfähigkeit aller Länder gleichzeitig zu verbessern und die Staatshaushalte ohne Rücksicht auf Verluste zu „sanieren“.

Wenn die Verantwortlichen wenigstens insgeheim das eigene Versagen zur Kenntnis nehmen und offener als zuvor für neue Konzepte wären, könnte man noch etwas Hoffnung haben. Doch die Partei, die mehr als jede andere für diese kontinentale Katastrophe verantwortlich ist, die Christlich Demokratische Union Deutschlands, feiert sich auf ihrem Parteitag selbst und hat kein wichtigeres Thema als die Abschaffung der „kalten Progression“ (wir haben das hier kommentiert). Man muss einmal den Beschluss der Partei zur Wirtschaftspolitik anschauen, um zu verstehen, welch verheerende Wirkungen hier die geistige Führung durch die ‚Schwäbische Hausfrau‘ hat und wie sehr sich die Partei Ludwig Erhards von jeder makroökonomischen Überlegung distanziert. Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern, so lautet das europäische Glaubensbekenntnis der CDU. Das ist ungefähr alles, was sie Europa auf den 19 Seiten widmet, die der Beschluss umfasst.

In Deutschland sind die Auftragseingänge noch nicht in dem zu erwartenden Ausmaß dem Rückgang des ifo-Index gefolgt (vgl. Abbildung 2). Ein überraschender Anstieg der Auftragseingänge aus dem Inland wurde von anhaltender Schwäche der Nachfrage aus dem Euroraum überdeckt. Derweil hat der ifo-Index im November eine kleine Zacke nach oben bekommen, die vermutlich von den Berufsoptimisten zum Anlass genommen wird, nun wieder einmal zuzuwarten, bis von alleine alles gut wird. Das aber ist absurd, weil im Nachhinein betrachtet der relativ lange Anstieg des ifo-Index von Mitte 2012 bis Mitte 2014 ohne jede Bedeutung war, weil sich am Gesamtbild der Quasi-Stagnation nichts geändert hat.

Abbildung 2

Abb 2 AE und ifo

In den am stärksten von der Krise betroffenen Ländern in Südeuropa deutet sich noch keine Wende an. Dank der von der Troika verordneten, falschen Wirtschaftspolitik sind sie in eine schwere Depression geführt worden: Ihre Industrieproduktion verharrt weiter auf der Talsohle (vgl. Abbildung 3). In Griechenland und Spanien ist das ein Niveau, das rund dreißig Prozent unter dem Niveau von vor der Krise liegt.

Abbildung 3

Abb 3 Indprod Südeuropa

Aber auch die Länder des Nordens kommen nicht von der Stelle. Österreich, Belgien und die Niederlande stagnieren bestenfalls, wobei es für die Niederlande zuletzt wieder deutlich abwärts ging (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4

Abb 4 Indprod NL Bel Austr

Selbst die skandinavischen Länder, die ja außer Finnland nicht vollständig in EU und EWU integriert sind (Norwegen ist weder Mitglied der EU noch der EWU), tun sich schwer, rezessive Entwicklungen abzuwehren (vgl. Abbildung 5). Schweden (wir haben das hier kommentiert) geht immer tiefer in die Rezession, und Finnland (das in Sachen Austeritätspolitik bis zuletzt immer treu an der deutschen Seite stand) ist in eine ähnliche Position wie Italien geraten: Die Industrieproduktion ist auf das Niveau zurückgefallen, das sie in der großen Rezession von 2009 hatte. Dänemark stagniert seit 2010.

Abbildung 5

Abb 5 Indprod Nordeuropa

Nicht viel besser ist es im Baltikum (Abbildung 6). Eine wirkliche Aufwärtstendenz lässt sich auch hier nicht ausmachen. Zwar ist das Produktionsniveau höher als 2011, eine wirkliche Dynamik ist das aber nicht, eher ein Zufallsergebnis aufgrund einer bestimmten Produktionsstruktur.

Abbildung 6

Abb 6 Indprod Baltikum

Ähnliches gilt für eine Gruppe osteuropäischer Länder mit Ungarn, Tschechien und Slowenien (vgl. Abbildung 7). Das einzige Land von den hier gezeigten, wo man von einer stetigen und stabilen Aufwärtsentwicklung reden kann, ist die Slowakei. Wir haben deren Lage vor kurzem ausführlich analysiert und sind zu folgendem Ergebnis gekommen: „Diese Länder weisen manchmal sehr untypische Grundbedingungen auf, die einen Vergleich mit normal strukturierten Ländern erschweren. In einem Land wie der Slowakei etwa, mit einem sehr großen Gewicht westlicher Direktinvestitionen, sind hohe Lohnstückkosten leichter zu verkraften, weil die westlichen Unternehmen ihre hohe Produktivität sozusagen mitgebracht haben, so dass sie auch einen kräftigen Lohnanstieg von einem niedrigen Niveau aus verkraften können. Für kleine heimische Betriebe gilt das allerdings nicht. Das ist für die Zukunft unabhängig von der aktuellen Lage eine schwere Hypothek, weil das Land dann, wenn die ausländischen Unternehmen abwandern, weil sie woanders wieder niedrigere Löhne finden, ohne wettbewerbsfähige Unternehmen dasteht.“

Abbildung 7

Abb 7 Indprod Osteuropa

Auch die Bauproduktion hat einen erneuten Rückschlag erlitten und vermag es trotz der extrem niedrigen Zinsen nicht, einen Beitrag zur Erholung in Europa zu leisten (vgl. Abbildung 8).

Abbildung 8

Abb 8 Bauprod EWU

In Italien ist die Bauproduktion ebenso wie in Portugal stetig abwärtsgerichtet, nur in Spanien hat auf extrem niedrigem Niveau eine leichte Korrektur begonnen (vgl. Abbildung 9).

Abbildung 9

Abb 9 Bauprod Südeuropa

Auch der (reale) Einzelhandelsumsatz, der maßgeblich von der Einkommensentwicklung der großen Masse der Haushalte abhängt, kommt kaum vom Fleck (vgl. Abbildung 10). Zwar ist er in Frankreich tendenziell noch aufwärtsgerichtet und hat sich in Deutschland leicht erholt. Aber auf diesem Gebiet bleibt die EWU insgesamt unter dem Niveau, das sie 2011 erreicht hatte, und damit sogar unterhalb dessen, worauf sie im Krisenjahr 2009 abgesunken war. Italiens Einzelhandel hat von 2011 bis 2013 einen stärkeren Einbruch erlebt (um ganze sieben Prozentpunkte) als zur Zeit des Ausbruchs der Finanzkrise und stagniert seither.

Abbildung 10

Abb 10 Einzelhandel EWU

In den Krisenländern Südeuropas verbessert sich die Lage ebenfalls trotz extrem niedrigen Niveaus der Umsätze nicht (vgl. Abbildung 11). Daran wird sich auch nichts ändern, so lange die Regierungen alles tun, um Einkommenssteigerungen und den damit assoziierten Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zu verhindern.

Abbildung 11

Abb 11 Einzelhandel Südeuropa

Angesichts dieser wirtschaftlichen Entwicklung ist es kein Wunder, dass sich die Arbeitslosigkeit insgesamt kaum bewegt und in einigen Ländern, darunter so bedeutende wie Italien und Frankreich, sogar ein neuer Schub an Arbeitslosigkeit zu verzeichnen ist (Abbildung 12). Dagegen ist in Deutschland die (offiziell gemessene saisonbereinigte) Zahl der Arbeitslosen in den letzten beiden Monaten stärker gesunken, als es von der wirtschaftlichen Entwicklung her zu erwarten war. Sind diese Zahlen in dem Sinne richtig, dass sie auch die Entwicklung der Arbeitsstunden widerspiegeln (also nicht nur mehr Köpfe bei unveränderten oder gar sinkenden Stundenzahlen gezählt werden), ist die Mehrzahl der deutschen Unternehmen offenbar immer noch bereit, eine kaum steigende oder sogar sinkende Produktivität hinzunehmen, ohne darauf mit Entlassungen zu reagieren. Das liegt, wie wir mehrfach gesagt haben, sicher an dem unglaublich hohen Gewinnniveau, das den Unternehmen für einige Zeit ein Polster gibt, mit dem sie die niedrige Produktivität abfedern. Wie lange sie das bei weiter andauernder Stagnation tun werden, ist eine vollkommen offene Frage. Auf jeden Fall gibt es keinen Anlass, über die Zahlen bei den Arbeitslosen in Euphorie auszubrechen.

Abbildung 12

Abb 12 ALQ

In internationalen Vergleich ist Europa erheblich zurückgefallen (vgl. Abbildung 13). In den USA ist die (ebenfalls offiziell gemessene) Arbeitslosenquote inzwischen auf unter sechs Prozent gesunken, was ein beeindruckender Erfolg pragmatischer Wirtschaftspolitik wäre, wenn es nicht einige wichtige Relativierungen gäbe (auf die Jörg Bibow in seinen Beiträgen über die USA regelmäßig hinweist). Aber selbst in Japan ist die Quote kontinuierlich rückläufig, während Europa sich selbst ein wahres Desaster beschert hat.

Abbildung 13

Abb 13 ALQ intnat

Das gilt auch für die Preisentwicklung (vgl. Abbildung 14). Die Verbraucherpreise nähern sich immer weiter der Nulllinie, und mit dem jüngsten Ölpreisrückgang dürfte diese Linie bald erreicht und unterschritten werden.

Abbildung 14

Abb 14 Preise EWU

Bei den Erzeugerpreisen liegen Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien sowie die gesamte EWU inzwischen unter Null (vgl. Abbildung 15).

Abbildung 15

Abb 15 ErzPreise EWU

Bei den Verbraucherpreisen sind es vor allem Griechenland, Spanien und Italien, die die Null schon unterschritten oder sie praktisch erreicht haben (vgl. Abbildung 16).

Abbildung 16

Abb 16 VerbrPreise EWU

Der jüngste Versuch der Europäischen Zentralbank, mit dem Ankauf von privaten Schuldpapieren die Wirtschaft zu stimulieren (genannt TLTRO) und die Preisentwicklung umzukehren, darf als gescheitert angesehen werden. Die Banken waren nicht wild darauf aus, Papiere zu verkaufen, und der Versuch der EZB, ihre Bilanz auszuweiten (also selbst mehr Anleihen und andere Schuldpapiere zu halten), um den Banken mit der dafür von der EZB erhaltenen Liquidität die Kreditvergabe zu erleichtern, ist nicht gelungen. Es ist jetzt sicher, dass die EZB nur mit dem Ankauf von Staatsanleihen ein Volumen zustande bringen könnte, wie sie das selbst für richtig hält (etwa 1000 Mrd. Euro oder die Ausweitung der Bilanz in dem Ausmaß, das sie selbst schon durch ihr erstes LTRO erreicht hatte). Dagegen aber gibt es heftigen deutschen Widerstand, weil das als Staatsfinanzierung gilt.

Es ist wieder offensichtlich: Wer der falschen Theorie anhängt, kann nicht die richtigen Lösungen finden. Wenn die EZB nicht bald offen sagt, dass die Löhne entscheidend für die Inflation sind und sie selbst nicht mehr erreichen kann, wird ihre Politik gerade in konservativen Kreisen als gescheitert gelten.

 

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