Archiv | 05.12.2014 (editiert am 25.05.2016)

Tschechien, Ungarn und die Slowakei: Drei Länder in großen Schwierigkeiten – innerhalb und außerhalb der EWU, Teil II

Im ersten Teil dieses Berichts haben wir gezeigt, dass die drei Länder durchaus einen realen Aufholprozess zu verzeichnen hatten, nachdem sie sich am Anfang der neunziger Jahre gegenüber dem Westen öffneten. Gleichwohl ist der Abstand zu den westlichen Partnern – wie das Abbildung 1 durch den Vergleich mit Österreich zeigt – immer noch groß. Die Nominallöhne in Euro gerechnet liegen etwa bei einem Drittel des österreichischen Wertes. Da die Preisniveaus nicht so unterschiedlich sind, bleibt auch real eine große Differenz. Gleichwohl zeigt schon dieses Bild, dass sich seit der globalen Finanzkrise von 2008 die Verhältnisse auch in diesen Ländern erheblich verändert haben.

Abbildung 1

Abb1 Löhne in Euro

Deutlich wird der Knick in der Entwicklung, wenn man die Löhne als Index (z.B. auf der Basis von 1999) darstellt (vgl. Abbildung). Nach einem stürmischen Anstieg im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, kam es zu einem Bruch, der in Tschechien und Ungarn mittlerweile zu einem absoluten Rückgang bzw. zu Stagnation geführt hat und in der Slowakei im Vergleich zu den Vorkrisenjahren zu einer deutlich schwächeren Zunahme der Einkommen aus unselbständiger Arbeit.

Abbildung 2

Abb2 Löhne Index

Im Vergleich zu den Löhnen ist die Produktivität in diesen Ländern nur mäßig gestiegen und hat sich zuletzt kaum noch verbessert (vgl. Abbildung 3, deren anderer Maßstab im Vergleich zu Abbildung 2 zu beachten ist).

Abbildung 3

Abb3 Produktivität Index

In Ungarn und Tschechien ist der Produktivitätsfortschritt seit 2008 quasi zum Erliegen gekommen und in der Slowakei hat er sich gegenüber der Vorkrisenzeit abgeschwächt. Dadurch steigt der Druck auf die Arbeitnehmer, auf weitere Lohnerhöhungen zu verzichten. Das scheint aus der Kostenperspektive der Unternehmen durchaus angemessen zu sein, aber die Konsequenzen für die Konsumnachfrage, auf die die Unternehmen letzten Endes angewiesen sind, sind dramatisch. Der Aufholprozess der Osteuropäer gegenüber den westlichen Industrieländern in Sachen Lebensstandard ist ja alles andere als abgeschlossen. Betrachtet man die nominale Wirtschaftskraft pro Erwerbstätigen, also grob gesprochen das, was die arbeitende Bevölkerung pro Kopf gemessen in Euro erwirtschaftet, hat sich zwar der Abstand zum Westen deutlich verringert, aber er ist immer noch sehr groß (vgl. Abbildung 4). Machte die Pro-Kopf-Wirtschaftskraft der drei Länder 1995 im Durchschnitt weniger als 20 Prozent dessen aus, was ein Erwerbstätiger in Österreich produzierte, hat sich dieses Verhältnis inzwischen auf 30 Prozent (Ungarn) bis 40 Prozent (Tschechien und Slowakei) verbessert. Aber der Aufholprozess ist in Tschechien und Ungarn offenbar zum Erliegen gekommen und in der Slowakei stark verlangsamt – keine gute Perspektive für Europa.

Abbildung 4

Abb4 nom BIP pro Erwerbstätigen

So steht, wie könnte es anders sein, hinter der dramatischen Verringerung der Zuwachsraten der Ausgaben der privaten Haushalte nach 2008 (wie in Abbildung 6 im ersten Teil gezeigt) eine dramatische Verschlechterung in der Einkommenssituation der Arbeitnehmer. Der Einbruch bei den wichtigsten Inlandsausgaben folgte dem Nachfrageeinbruch aus dem Ausland auf dem Fuße, weil in der Krise auch hier klar wurde, dass diese Länder über ihre Verhältnisse gelebt hatten und sich besser an ihre Produktivitätsentwicklung hätten anpassen müssen.

Wie weit die Nominallöhne über die Produktivität hinaus gestiegen sind, zeigt die Entwicklung der Lohnstückkosten. Schon die Zuwächse der Lohnstückkosten in Landeswährung gerechnet zeigen, dass sich hier ein gewaltiges Problem auftut (vgl. Abbildung 5). Seit dem Jahr 2000 haben insbesondere in Ungarn die Lohnstückkosten erheblich mehr zugelegt als in dem direkten Konkurrenzland Österreich. Tschechien und die Slowakei weisen zwar im Vergleich dazu eine moderatere Zuwachsrate der Lohnstückkosten auf, aber auch sie haben gegenüber Österreich (und Deutschland, dessen Lohnstückkosten ja noch unter denen Österreichs liegen) an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

Abbildung 5

Abb5 LStK in Landeswährung

Doch zwei dieser drei Länder haben noch nationale Währungen (die Slowakei hatte noch eine eigene Währung bis 2008), die den Rückstand ausgeglichen haben könnten. Das ist jedoch nicht der Fall. Rechnet man die Lohnstückkosten in Euro (vgl. Abbildung 6), wird der Abstand zum Teil noch größer. Nur in Ungarn hat die Abwertung im Zuge der globalen Finanzkrise vor allem geholfen, den Abstand deutlich zu verringern. Tschechien hat zuletzt leicht abgewertet, aber die Slowakei ist in die Eurozone mit einem viel zu hohen Umtauschkurs eingestiegen und sitzt jetzt in der Falle.

Abbildung 6

Abb6 LStK in Euro

Sie hat nun gegenüber Deutschland und Österreich einen Wettbewerbsrückstand zu verkraften, der die zukünftige Entwicklung des Landes schwer belasten wird. Aber auch Tschechien ist in enormen Schwierigkeiten, weil Abwertungen bei der Bevölkerung immer großen Unmut auslösen (viele Haushalte rechnen sicher insgeheim in Euro) und Lohnsenkungen im erforderlichen Ausmaß nicht möglich sind.

Nun muss man natürlich sehen, dass diese Länder manchmal sehr untypische Grundbedingungen aufweisen, die einen Vergleich mit normal strukturierten Ländern erschweren. In einem Land wie der Slowakei etwa, mit einem sehr großen Gewicht westlicher Direktinvestitionen, sind hohe Lohnstückkosten leichter zu verkraften, weil die westlichen Unternehmen ihre hohe Produktivität sozusagen mitgebracht haben, so dass sie auch einen kräftigen Lohnanstieg von einem niedrigen Niveau aus verkraften können. Für kleine heimische Betriebe gilt das allerdings nicht. Das ist für die Zukunft unabhängig von der aktuellen Lage eine schwere Hypothek, weil das Land dann, wenn die ausländischen Unternehmen abwandern, weil sie woanders wieder niedrigere Löhne finden, ohne wettbewerbsfähige Unternehmen dasteht.

Die Leistungsbilanzen dieser Länder spiegeln zu einem erheblichen Teil diese untypischen Bedingungen wider (vgl. Abbildung 7). Die Slowakei weist seit 2012 sogar einen Leistungsbilanzüberschuss aus, obwohl sie so massiv in Rückstand geraten ist hinsichtlich ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Für ein Land, in dem, wie wir im ersten Teil gezeigt haben, die Investitionstätigkeit eingebrochen ist und der private Verbrauch seit Jahren stagniert, ist ein Leistungsbilanzüberschuss aber kein Erfolgsausweis, sondern Ergebnis schwacher inländischer Wachstumsdynamik, die das Land ja auf keinen Fall fortschreiben möchte. Auch Ungarn ist schon 2009 über die Nulllinie gerutscht, aber auch hier ist das sicher nicht Ausweis geringer Krisenanfälligkeit des Landes, sondern des Einbruchs der Binnennachfrage und der Abwertung des Forint.

Abbildung 7

Abb7 LeiBi

Schlussfolgerungen

Wie schon in einigen anderen Fällen, die wir hier behandelt haben (Kroatien war sicher der auffälligste), stellt sich die Situation als ungemein schwierig heraus, wenn man einmal (innerhalb und außerhalb der Europäischen Währungsunion) massiv überbewertet ist, das heißt, als Land in der Vergangenheit an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Selbst außerhalb der Währungsunion ist die eigentlich angemessene Option der Abwertung der eigenen Währung nicht einfach umzusetzen, weil Regierung und Zentralbank einen Vertrauensverlust bei der eigenen Bevölkerung und bei den Kapitalmärkten fürchten. Lohnsenkung ist, wie man an den Beispielen in Südeuropa gesehen hat, keine sinnvolle Option, da die Binnennachfrage einbricht und die Arbeitslosigkeit massiv ansteigt, also ein deflationärer Abwärtsstrudel eingeleitet wird.

Nichtstun ist aber auch nicht durchzuhalten, weil, wie man ohne weiteres erkennen kann, der Druck auf die Löhne dazu führt, dass die Binnennachfrage stagniert. Bei einer überbewerteten Währung entfällt damit in der Regel neben dem Export das binnenwirtschaftliche Standbein als Motor für die Konjunktur, und die Arbeitslosigkeit steigt.

Eine systematische Lösung kann hier nur von einer Währungsordnung kommen, innerhalb derer eine Abwertung eine normale Prozedur ist und durch die aufwertenden Länder abgesichert wird. Noch wichtiger und besser wäre es, wenn in einer solchen Währungsordnung von vorneherein Länder vor einer realen Aufwertung durch zu hohe Lohnsteigerungen gewarnt würden oder die nominale Anpassung der Wechselkurse an Lohnstückkostendifferenzen sehr rasch und quasi automatisiert erfolgte. Allerdings ist die Europäische Union sehr weit von solchen Lösungen entfernt, solange ihre politisch Verantwortlichen nicht begreifen und offen diskutieren, was innerhalb der Währungsunion schief gelaufen ist.

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