Die goldene Lohnregel reicht nicht mehr

Alle beklagen sich über die zunehmend einseitige Einkommensverteilung und alle reden über das Problem der Verschuldung. Doch (fast) niemand erkennt den Zusammenhang und benennt die Täter: Die Unternehmen verteilen ihre Wertschöpfung so einseitig, dass Angebot und Nachfrage nur in Übereinstimmung gebracht werden können, wenn laufend Konsum mit Krediten finanziert wird. Das hält ein Finanzsystem nicht lange aus. Die Unternehmen müssen deshalb endlich die volkswirtschaftliche Verantwortung für ihre Verteilungspolitik wahrnehmen – oder dazu gezwungen werden. Ein erster Schritt dazu wäre die Offenlegung der Verteilung auf Ebene der Unternehmen.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird immer zweimal beansprucht – physisch und rechtlich. Am Ende jeder Periode ist immer das ganze BIP physisch verwendet worden, nämlich entweder konsumiert oder investiert worden. Parallel dazu haben alle Wirtschaftssubjekte (in Geld denominierte) rechtliche Ansprüche auf Teile des BIP erworben. Übertrifft bei einem Wirtschaftssubjekt der rechtliche Anspruch die physische Beanspruchung, bleibt am Ende der Periode ein Gutschein für künftigen Konsum dieses Wirtschaftssubjekts. Im umgekehrten Falle bleibt eine rechtliche Verpflichtung, später auf Konsum zu verzichten. In der Summe über alle Wirtschaftssubjekte entspricht die physische Beanspruchung der rechtlichen und umgekehrt.

Die Verteilung der physischen Beanspruchung ist über die Jahre hinweg ziemlich konstant geblieben. Der Konsum des reichsten Fünftels der Haushalte übertrifft den des ärmsten Fünftels in etwa um den Faktor zwei. Beispiel Schweiz: Im Schnitt der Jahre 2009 bis 2011 hat das ärmste Fünftel der kinderlosen Paaraushalte unter 65 durchschnittlich 4447 Franken monatlich ausgegeben, das reichste 8930 Franken, also rund doppelt so viel (Quelle: Haushaltsausgaben 2009-2011 Bundesamt für Statistik). In den USA liegt der Faktor gemäss dem Consumer Expenditure Survey mit 2,2 nur unwesentlich höher und ist seit Mitte der Achtzigerjahre in etwa konstant. Diese Zahlen gelten für den Privatkonsum. Öffentliche Güter wie Straßen, Schulen, Justiz etc. sind in ihrer Nutzung gleichmäßiger verteilt.

Die rechtlichen Ansprüche auf das BIP hingegen werden zunehmend ungleich verteilt. In Deutschland etwa ist das Verhältnis zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel bei den verfügbaren Einkommen (also nach Umverteilung durch den Staat) im Zeitraum von 1999 bis 2009 von rund 3,5 auf 4,3 und bei den Markteinkommen von 28 auf 38 gestiegen. (Quelle: Jahresgutachten des Sachverständigenrates 2011/12, Seite 340). In der Schweiz stieg der Faktor der Primäreinkommen zwischen 1998 und 2011 von knapp 20 auf gut 30. (Quelle: Bundesamt für Statistik aktuell: Einkommen der privaten Haushalte September 2013.

Die Zunahme der Ungleichheit ist vor allem auf die „Verteilungspolitik“ des (privaten) Unternehmenssektors zurückzuführen, also auf die Art und Weise, wie die rechtlichen (finanziellen) Ansprüche auf die physisch erarbeiteten Güter und Dienstleistungen verteilt werden: Wie der Faktor Arbeit einerseits insgesamt gegenüber dem Faktor Kapital und wie er andererseits nach den verschiedenen Qualifikations- bzw. Arbeitseinkommensgruppen differenziert entlohnt wird, schlägt sich in der sogenannten Primärverteilung nieder (der Aktionär erhält so und so viel, der angestellte Manager dies, der Arbeiter das).

Die Primärverteilung wird gemeinhin als „Marktergebnis“ angesehen, ein Ausdruck, der die dahinter stehenden, in der Regel ungleichen Machtverhältnisse der jeweiligen Marktseiten tendenziell verschleiert. Denn was „der Markt“ an Ergebnis liefert, das gilt zunächst einmal als irgendwie fair oder zumindest neutral, systembedingt und vor allem unabänderlich in einer Marktwirtschaft. Eine Korrektur der Primärverteilung durch staatliche Umverteilung, aus der sich dann die Sekundärverteilung ergibt, wird bis zu einem gewissen Grad akzeptiert. Sie darf aber aus Sicht der Besserverdienenden keinesfalls „zu weit“ gehen, um die Leistungsbereitschaft der „Leistungsträger“ nicht zu dämpfen. Ob die ursprünglichen Machtverhältnisse, auf deren Grundlage das „Marktergebnis“ erzielt worden ist, in einem normativen Sinne gerecht oder im Sinne gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen überhaupt systematisch sinnvoll sind, wird gar nicht erst hinterfragt.

Die Fakten: In der Schweiz gibt es eine nicht sehr aktuelle, aber dennoch interessante Statistik, die zeigt, wie die Löhne im Staatssektor verteilt sind. 2010 betrug der Lohnabstand zwischen unten und oben (gemessen an den Dezilsgrenzen des 9. und des 1. Zehntels) das 2,3-Fache. Acht Jahre zuvor lagen die Löhne um den Faktor 2,4 auseinander. Es gibt also keine Tendenz zu größerer Ungleichheit, und der Faktor der rechtlichen Ansprüche liegt nahe bei dem der physischen Beanspruchung. Um diese Differenz zu überbrücken, bräuchte man noch nicht einmal einen Sozialstaat. Die Finanzierung der öffentlichen Güter über eine leicht progressive Besteuerung würde genügen.

Anders bei den Privatunternehmen. In der Schweiz sehen wir bei den Lohneinkommen (privater und öffentlicher Sektor zusammengenommen) zwischen 1998 und 2010 einen Anstieg der Ungleichheit (gemessen am obersten Fünftel gegenüber dem untersten Fünftel) vom 2,5-Fachen auf das 2,7-Fache. Für den privaten Sektor allein dürfte das Verhältnis etwa bei 3 liegen. In Deutschland stieg derselbe Faktor zwischen 1995 und 2005 von 2,8 auf 3,1. Für Frankreich liegt eine längere Zeitreihe vor: In den Jahre 1968, 1983 und 2011 sank der Faktor dank einer stark überproportionalen Erhöhung des Mindestlohn erst von 4,1 auf 3,1. Danach stieg er wieder auf 4,5. Die Vergleichbarkeit zwischen den Ländern ist beschränkt, die Tendenzen sind dennoch klar.

Doch diese Zahlen beziehen sich immer nur auf Vollzeitstellen. Sie sagen also etwas aus über die zunehmend ungleiche Verteilung der Stundenlöhne. Gleichzeitig tobt jedoch noch ein Verteilungskampf um die sinkende Menge der bezahlten Arbeit. Beispiel Deutschland: Hier beträgt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit pro Erwerbsperson etwa 28 Stunden. Tendenz sinkend. Die Normarbeitszeit liegt bei rund 40 Stunden pro Woche. Tendenz steigend. Im Schnitt kann also für jeden, der voll arbeitet, jemand anderes nur 16 Stunden (28 mal 2 minus 40) arbeiten. Auch hier sind die Armen die Verlierer, denn sie stellen das Gros der Teilzeitkräfte und Unterbeschäftigten.

Das zeigt sich auch in der Schweiz. Berücksichtigt man alle Lohneinkommen, so ergibt sich für 2010 ein Faktor (Dezilsgrenze 9 / Dezilsgrenze 1) von 6 (statt 2,7 bei den Vollzeitstellen). 1998 lag derselbe Faktor noch leicht unter 4. In dieser kurzen Zeitspanne sind obendrein die realen Lohneinkommen des ärmsten Fünftels um gut 30 Prozent gesunken. Da bleibt kein Geld für die Altersvorsorge und für den Aufbau von Vermögen mehr übrig. Deshalb sieht die Verteilung der gesamten Markteinkommen auf alle Haushalte (also auch die der Rentner) noch sehr viel ungleicher aus. In der Schweiz stieg das Verhältnis zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Haushalte zwischen 1998 und 2011 von knapp 20 auf gut 30. In Deutschland nahm es zwischen 1999 und 2009 von 29 auf 41 zu.

In diesen Zahlen spiegelt sich auch der Anstieg der Gewinnquote wider. In Deutschland fließt inzwischen rund ein Drittel des Volkseinkommens den Kapitalbesitzern zu. Diese Vermögenseinkommen sind ohnehin extrem ungleich verteilt. In der Schweiz befinden sich laut dem Global Wealth Databook der Creditsuisse 72 und in Deutschland 62 Prozent aller Vermögen in den Händen der reichsten 10 Prozent. Da Obligationen fast nichts mehr abwerfen und der Aktienbesitz noch viel stärker konzentriert ist, dürfte der Großteil der Kapitaleinkommen derzeit einem noch kleineren Personenkreis zufließen.

Zwischenbilanz: Die Verteilung der Primäreinkommen und die physische Beanspruchung des BIP klaffen immer weiter auseinander. Diese Lücke muss irgendwie geschlossen werden. Das geschieht über drei Hebel. Sie wirken gleichzeitig, dennoch wollen wir sie kurz separat betrachten.

Hebel 1: Die Wirtschaft passt die Produktepalette ihrer Verteilungspolitik an, indem sie mit hohem Werbeaufwand den Luxuskonsum fördert – Kaviar statt Kartoffeln, Villen statt Wohnungen, Luxuskliniken statt Landärzte. Am unteren Ende der Einkommenspyramide wird der Konsum notgedrungen eingeschränkt. Das hat dramatische Konsequenzen. Wie man im Datenreport 2013 der Deutschen Bundesregierung nachlesen kann, leiden Menschen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen, unter erheblichen gesundheitlichen Mängeln. Die Lebenserwartung dieser Leute ist rund 10 Jahre (!) niedriger als die der Gruppe, deren Einkommen um 50 Prozent oder mehr über dem Durchschnitt liegt. Das liegt nicht nur am geringeren Einkommen selbst, sondern auch an den schlechten Arbeitsbedingungen, die mit den schlecht bezahlten Jobs oft einhergehen, und am Stress, der mit dem Kampf um Job und Existenz verbunden ist. (Andererseits schafft dieser Stress Arbeit im Gesundheits- und Sozialwesen und in der Arbeitsmarktbürokratie.)

Das bringt uns zum Hebel Nr. 2 – der staatlichen Umverteilung. Diese hat die Auswirkungen der immer ungleicheren Primärverteilung bisher in hohem Maße ausgeglichen. Vor allem in der Schweiz. Hier ist der Median des verfügbaren Einkommens zwischen 1998 und 2011 immerhin um 6 Prozent gestiegen, und das Quintilverhältnis der verfügbaren Einkommen hat sich nur leicht erhöht. In Deutschland sind die realen äquivalenzgewichteten (d.h. auf gleiche Haushaltsgrößen umgerechneten) Markteinkommen der ärmeren 50 Prozent zwischen 1999 und 2009 um 13 Prozent geschrumpft (Quelle: siehe oben Seiten 338 und 340). Die Nettohaushaltseinkommen dieser Leute gingen jedoch „nur“ um real 5,2 Prozent zurück. Der Sozialstaat hat damit immerhin 60 Prozent der Einkommenseinbuße abgefedert. Dieser Kraftakt hat ihn aber an den Rand des Zusammenbruchs und der politischen Akzeptanz gebracht.

Deshalb wird der Hebel Nr. 3 – das Kreditsystem – immer stärker beansprucht. Dies wird in der Öffentlichkeit dummerweise als zunehmende Verschuldung problematisiert. Richtiger, weil kausaler, wäre der Ausdruck „zusätzliche Verguthabung“. Eine reiche Oberschicht erwirbt Jahr für Jahr viel größere rechtliche Ansprüche auf das BIP, als sie physisch konsumieren oder investieren kann – und häuft so Guthaben an. Diese zeigen sich exemplarisch in den grassierenden Nettofinanzierungsüberschüssen des Unternehmenssektors. In der EU-28 läppern sich diese Überschüsse seit 2009 auf über 1800 Milliarden Euro zusammen. So viele Schulden mussten sich die privaten und staatlichen Kunden bei den Unternehmen „anschreiben“ lassen, um deren Produkte kaufen zu können.

Auf der Gegenseite muss heute ein gutes Drittel der Haushalte über seinen finanziellen Verhältnissen leben, um physisch und sozial über die Runden zu kommen. Da die armen Haushalte längst nicht mehr kreditfähig sind, haben sich die Staatshaushalte an ihrer Stelle verschuldet. Inzwischen haben aber auch die Staaten ihre Kreditfähigkeit eingebüßt – weshalb die Zentralbanken (namentlich der USA, der EU, Japans, Englands und der Schweiz) in die Bresche springen müssen. Ihre kombinierte Bilanzsumme ist bis Ende 2014 auf über 9500 Milliarden Dollar angeschwollen. Das ist bloß die Spitze des Eisbergs der grassierenden Verguthabung.

Der Unternehmenssektor bzw. die reichen Haushalte, denen er mehrheitlich gehört, verletzen mit ihrer Primärverteilung das Saysche Gesetz, wonach jedes Angebot seine eigene Nachfrage schaffen muss. Sie haben den „Lohnmotor“ der Wirtschaft abgewürgt und überlassen dem Staat und den Notenbanken die Aufgabe, diesen mit einem Kreditmotor zu ersetzen. Das funktioniert nur zu einem sehr beschränkten Grad und mit der ständigen Gefahr eines Totalabsturzes.

Wäre der Unternehmenssektor (jetzt schon) ein einziges Mega-Unternehmen, so hätte sich längst der Produktionsleiter beim Personalchef gemeldet und in etwa folgendes gesagt: „Du musst unsere Wertschöpfung gleichmässiger verteilen, ich kann unsere Produkte nicht mehr verkaufen.“ Offenbar liegt hier ein Marktversagen vor, das politisch korrigiert werden muss. (Im reinen Markt ohne staatliche Umverteilung würde sich das Arbeitsangebot durch Krankheit und Tod verknappen.) Doch die bekannten Mittel reichen nicht mehr aus. Die Durchsetzung der goldenen Lohnregel würde die Verschärfung der Ungleichgewichte zwar stoppen, aber die Ungleichgewichte wären dennoch viel zu groß. Eine Erhöhung der Mindestlöhne wäre zwar wichtig, ist aber gesamtwirtschaftlich gesehen ein sehr kleiner Hebel. Der Schwanz kann nicht mit dem Hund wackeln. Zudem sind beide Fronten festgefahren.

Deshalb braucht es einen flankierenden Angriff und für diesen muss erst einmal das Problembewusstsein geschärft werden. Das gelingt nur durch die Bekanntgabe der Daten zur Verteilungssituation in detaillierter Form. Zu diesem Zweck sollten die (Groß-) Unternehmen deklarieren, wie sie ihre Wertschöpfung auf Staat, Geldgeber und Arbeitnehmer verteilen. Bei der Lohnsumme interessiert ferner die Aufteilung auf das reichste Prozent, sowie auf das reichste und ärmste Fünftel. Das Ganze jeweils pro Land. In einem ersten Schritt wäre das Sache der Ratingagenturen. Allein im deutschsprachigen Raum sind bereits fünf davon auf Nachhaltigkeit spezialisiert – dazu gehört auch eine volkswirtschaftlich und sozial nachhaltige Verteilung. Aufgabe der Rating-Agenturen wäre es, erst einmal die Kriterien auszuarbeiten und zu verfeinern. Das ist aufwändig. Der Staat sollte die Kosten mittragen oder übernehmen. Schließlich muss er die Folgen der einseitigen Einkommensverteilung ausbaden.

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