Frankreich reformiert sich, es verlängert seine superlangen Ladenöffnungszeiten

Bei manchen Meldungen, die einen erreichen, fragt man sich, ob schon wieder Karneval sein kann oder gar der 1. April. So liest man (hier zum Beispiel), dass Frankreich ein „Reformpaket“ auf den Weg bringen will, dessen wichtigster Punkt es offenbar ist, dass auch am Sonntag häufiger gearbeitet werden darf und auch die Läden Sonntags öffnen dürfen. Nun muss man wissen, dass die Läden in Frankreich in der Regel jeden Tag einschließlich Samstag von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends geöffnet sind und einige auch Sonntags noch für zwei drei Stunden am Vormittag. Dazu gibt es offene Märkte, die in vielen Städten von 8 bis 13 Uhr am Sonntag stattfinden.

Wahrscheinlich hat man inzwischen in Paris die Liste der „Reformen“, die Deutschland Anfang der 2000er Jahre durchgeführt hat, genau durchforstet und ist auf die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten gestoßen. Hallo, hat man sich gesagt, Brüssel verlangt von uns Reformen wie in Deutschland, also suchen wir uns welche, die wir den Franzosen zumuten können. Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Einkaufen, länger nachzugehen, wird es keinen großen Widerstand im Volk geben und den Deutschen kann man sagen, schaut, wir tun exakt das, was ihr dereinst getan habt. Zudem ist das ein kleiner Schritt in Richtung Arbeitszeitverlängerung, womit die sozialistische Regierung beweist, dass sie sich sogar an das heiligste aller sozialistischen Dogmen herantraut. Die Tatsache, dass Martine Aubry (das ist die frühere Vorsitzende der Sozialistischen Partei, deren wichtigstes Anliegen die 35 Stunden Woche war) schon heftigsten Widerstand angekündigt hat, ist sozusagen der Ritterschlag für den neuen Wirtschaftsminister. In Berlin wird man ihm diesen mutigen Kampf gegen die vielköpfige Hydra des Sozialismus sicher mit großem Wohlwollen danken.

Ist da jemand in Paris sehr schlau oder sehr dumm? Vielleicht fühlt sich jemand sehr schlau, ist aber doch ziemlich dumm. Ich fürchte, man glaubt in der französischen Regierung in der Tat, mit einigen „Reförmchen“ Brüssel und Berlin vom Reformwillen überzeugen zu können, um wenigstens seine pragmatische Finanzpolitik fortsetzen zu können. Das ist allerdings ein taktisches Spielchen, das dem Ernst der Lage (gerade hören wir, dass die Kerninflationsrate in Frankreich unter Null gefallen und die Industrieproduktion erneut gesunken ist – wir berichten dazu ausführlich nächste Woche) nicht angemessen ist. Statt auf die Deflation zu verweisen, die eklatante Nachfrageschwäche innerhalb Europas anzuprangern und sich mit anderen betroffenen Ländern zu einem Pakt der Vernunft gegen den Austeritätswahn zu verbünden, hat man sich offenbar entschlossen, es mit Durchmogeln zu versuchen.

Es gibt aber kein Durchmogeln. Niemand kann das, was Deutschland an Lohnzurückhaltung zur Verbesserung seiner Wettbewerbsfähigkeit – über mehr als zehn Jahre gestreckt! – vorgelegt hat, in kurzer Zeit ohne gewaltige Eruptionen ausgleichen. Und es sollte auch nicht ausgeglichen werden, weil das offene Deflation für ganz Europa bedeutete. Traut man sich die Bewältigung dieser Eruptionen nicht zu oder findet den ganzen Weg falsch, muss man das vor allem der eigenen Bevölkerung klar und deutlich sagen. Eine Regierung, die sich das auch nicht traut, versagt eklatant vor ihrer historischen Aufgabe. In einer normalen Situation müsste man sich für sofortige Neuwahlen aussprechen, doch wer kann das wollen angesichts dessen, was dann droht.

 

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