Ist Japans Premier Abe mit seinen Abenomics gescheitert?

Wir hatten an einigen Stellen in den vergangenen Jahren (die man hier findet) über Abenomics berichtet und waren durchaus hoffnungsfroh, dass Japan über eine richtige Diagnose der Lage seine Probleme in den Griff bekommen könnte. Hatte der Premierminister Shinzo Abe doch explizit davon gesprochen, dass in Japan die Löhne steigen müssten. Nun aber berichten die Medien von einer neuen Rezession, und vielerorts wird schon davon gesprochen, auch dieser Versuch, Japan aus der Deflation zu befreien, sei schief gelaufen. Angesichts dessen haben einige Leser gefragt, ob wir wohl zu optimistisch gewesen seien.

Abbildung 1

Abb1 Nominallohn

Wir haben von Anfang an gesagt, dass Japan vor allem ein Lohnproblem hat. Schaut man fast zwanzig Jahre zurück und vergleicht Japan mit anderen großen Industrieländern, wird die Sonderentwicklung – sogar im Vergleich zu der sehr moderaten Lohnentwicklung in Deutschland – unmittelbar klar. In Japan sind nicht nur die Lohnstückkosten (hier ist das für die Lohnstückkosten dokumentiert), sondern auch die nominalen Stundenlöhne selbst seit 1996 fast durchgängig gesunken (vgl. Abbildung 1).

Nimmt man nur diesen Befund, ist schon unabweisbar, dass das Land in einer außergewöhnlich schwierigen Lage ist. Denn gegen tatsächlich sinkende Einkommen und damit sich verfestigende negative Einkommenserwartungen der Masse der privaten Haushalte kann man mit traditioneller Wirtschaftspolitik nichts ausrichten. 25 Jahre Nullzinspolitik der Notenbank und ein sehr hoher Schuldenstand des Staates legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Daher war die Aussage von Premier Abe, man müsse die Lohnentwicklung direkt beeinflussen, wenn man die Deflation erfolgreich bekämpfen wolle, vollkommen richtig und geradezu revolutionär. Geschehen ist allerdings zu wenig. Die Nominallöhne sind im ersten Halbjahr 2014 gerade einmal um 1,3 Prozent gegenüber dem Jahresdurchschnitt von 2013 gestiegen.

Zugleich hat die japanische Regierung aber eine Anhebung der Mehrwertsteuer um ganze drei Prozentpunkte beschlossen (in Kraft getreten Anfang April 2014), die, so die Erwartung des IWF, die Inflationsrate in diesem Jahr auf fast drei Prozent hochtreiben wird (vgl. Abbildung 2). Eine solche Steuererhöhung ist allerdings nur ein einmaliger Effekt, der zwar die Zuwachsrate der Preise von einem Jahr auf das andere erhöht (und damit das Preisniveau), danach aber in der jährlichen Inflationsrate nicht mehr auftaucht, weil ja dann von dem höheren Niveau aus gerechnet wird.

Abbildung 2

Abb2 Inflation Verbrpreise

Dieser einmalige Sprung in der Inflationsrate in diesem Jahr hatte allerdings zur Folge, dass die Reallöhne erneut gesunken sind (vgl. Abbildung 3). Vergleicht man mit dem Jahr 1996, muss man konstatieren, dass heute die Reallöhne um fast zehn Prozent niedriger liegen als damals. Selbst in Deutschland, wo die Reallöhne pro Stunde seit 2003 kaum noch gestiegen sind, ist der Verlauf in keiner Weise vergleichbar mit Japan. Wenn die japanische Regierung etwas erreichen will, muss sie diese fatale Entwicklung radikal umkehren und so lange einen nicht-deflationären Anstiegspfad durchhalten, bis sich bei den Arbeitnehmern wieder normale Erwartungen bezüglich ihrer Einkommensentwicklung und damit der Preisentwicklung durchgesetzt haben.

Abbildung 3

Abb3 Reallohn

Diese Bilder zeigen auch, dass die immer wieder zu hörende Aussage, Japan ginge es gar nicht so schlecht, weil pro Kopf gerechnet das Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zwanzig Jahren fast genauso stark gestiegen sei wie in den USA, keine Entschuldigung für Nichtstun der Wirtschaftspolitik ist.

Wie man an dem zentralen Thema Löhne vollkommen vorbeireden kann, hat Hans-Werner Sinn gerade wieder gezeigt. Der hat in einem Interview mit der FAZ auch zu Japan Stellung genommen und auf die Frage „Angesichts der niedrigen Inflation und der mehr oder weniger stagnierenden Wirtschaft des Euroraums werden Vergleiche mit Japan gezogen. Sehen Sie auch Parallelen?“ Folgendes geantwortet:

„Die Vergleiche sind angebracht. Als 1990 die Japan-Blase geplatzt ist, hat das Land mit keynesianischem Schuldenmachen dagegengehalten. Die Staatsschuldenquote ging hoch von 69 Prozent auf mittlerweile 245 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Außerdem wurde das Land überschüttet mit Zentralbankgeld. Die Zinsen wurden von 1998 bis zum heutigen Tage praktisch auf null gesetzt. Geholfen hat das alles wenig bis nichts. Japan war seitdem in einer Deflation mit mickrigem Wachstum und wiederholten Rezessionen. Das zeigt, dass sich strukturelle Probleme von Ländern nicht durch makroökonomische Maßnahmen lösen lassen. Ministerpräsident Abe hat es versucht, indem er noch einmal tiefer in die Geldkiste gegriffen hat. Auch das hat nicht gefruchtet, Japan ist wieder in eine Rezession gefallen. Daraus sollten wir in Europa lernen, dass man Dinge, die schief laufen, nicht einfach mit Gelddrucken übertünchen kann. Lockeres Geld ist nur eine Art von Schmerzmittel. Und es ist kontraproduktiv, wenn die notwendigen Operationen deshalb unterbleiben.“

Nun muss man nur noch „strukturelle Probleme“ mit Lohnstarrheit übersetzen, so wie das üblicherweise in Europa geschieht, dann sieht man, dass die Diagnose von Hans-Werner Sinn vollkommen falsch ist. Die flexiblen Löhne sind nämlich Japans Problem, und alles andere, „die Deflation und das mickrige Wachstum“, sind nur abgeleitete Phänomene. Die Parallele zwischen Japan und dem Euroraum besteht darin, dass man von den anderen EWU-Ländern verlangt, sich an die tendenziell deflationäre Lohnpolitik Deutschlands anzupassen anstatt einer Politik zu folgen, wie Frankreich sie vorgemacht hat, wo die Nominallöhne steigen wie die Trendproduktivität plus dem Inflationsziel von zwei Prozent. Dass Japans bisherige Politik zu massiver Unterbewertung seiner Währung geführt hat – dem einzigen Rettungsring, an dem sich das Land festhalten kann, weil er die Exporte stützt –, ist bekannt. Europa folgt Japan darin inzwischen. Ob die Europäische Zentralbank die Abwertung des Euro nur als unbeabsichtigten Kollateralschaden oder als aktiv genutztes Instrument ihrer Geldpolitik bezeichnet, spielt de facto auf den Märkten keine Rolle. Sicher ist nur, dass bei diesem Abwertungswettlauf kein Land gewinnen, nur alle gemeinsam verlieren können.

 

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