Archiv | 02.12.2014

Prof. Hans-Werner Sinn und die Inflation

Heiner Flassbecks Artikel Professor Sinn kennt das europäische Inflationsziel nicht kommentierte ein Leser auf unserer Facebook-Seite und wies uns auf einen Vortrag hin, den Hans-Werner Sinn am 15.9.2014 in Washington gehalten hat. Dort sagt er ab Minute 25:16 „Germany would have to increase its price level by 30 percent to rebalance the whole Eurozone, while others would have to go down by 30 percent“ („Deutschland müsste sein Preisniveau um 30% erhöhen, um die ganze Eurozone wieder in Balance zu bringen, während andere um 30% senken müssten“).

Dass Deutschland dann auch eine entsprechend dynamische Lohnpolitik betreiben müsste, um die von Hans-Werner Sinn identifizierten Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone zu verringern oder aufzuheben, erwähnt er in dem Vortrag in Washington nicht. Und in einer Pressekonferenz in Berlin zur Vorstellung seines Buchs „The Euro Trap“ sagt er ab Minute 51 ebenfalls, dass in Südeuropa die Löhne und die Preise massiv gesenkt werden müssten. Das sei aber nicht möglich, und deswegen seien wir in einer „Falle“.

Selbstverständlich stimmen wir mit Professor Sinn überein, dass eine solche deflationäre Lohnsenkungspolitik in Südeuropa desaströse Wirkungen hat und deshalb vermieden oder dort, wo sie schon begonnen hat, wenigstens sofort beendet werden muss.

Hat auf dieser Pressekonferenz oder bei anderen Gelegenheiten ein Journalist die Frage gestellt, ob die oben erwähnten stärkeren Lohnerhöhungen in Deutschland aus Hans-Werner Sinns Sicht wünschenswert wären? Hinweise unserer Leser dazu sind willkommen; mir ist eine solche Frage und Hans-Werner Sinns Antwort nicht bekannt.

Insgesamt erscheinen die Aussagen des ifo-Chefs zum Thema Inflation widersprüchlich. Mark Schieritz weist z.B. auf ein Papier aus dem Jahr 2000 hin, in dem Hans-Werner Sinn eine Inflationsrate von 2,5% für den Euroraum insgesamt für richtig hält.

Aber es gibt auch einen Wirtschaftswoche-Artikel vom 20.10.2014, in dem Hans-Werner Sinn behauptet, es gebe schon deshalb kein Deflationsproblem, weil im Vertrag von Maastricht eine Zielinflation von 0% vereinbart sei und nicht eine von knapp 2%. Die Zielgröße der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp 2% sei deren Erfindung. Das ist aber nur scheinbar richtig und nicht einmal korrekt zitiert, denn im Maastricht-Vertrag steht nichts von einer 0% Zielinflationsrate. Dort findet sich vielmehr die Forderung nach „Preisstabilität“ (siehe Artikel 282 in dieser Textversion des Vertrags).

Aus guten Gründen bezeichnet man einen Wert von etwa 2% Konsumentenpreisinflation als vereinbar mit Preisstabilität, weil der technische Fortschritt in der Inflationsmessung nicht adäquat abgebildet wird. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Produkte werden regelmäßig verändert, technisch verbessert, erhalten ein neues Design, andere Inhaltsstoffe etc., ohne dass sie beim Statistischen Bundesamt deshalb als andere, nämlich neue Produkte gelten. Werden diese veränderten Produkte teurer als ihre Vorläufer, erscheint das statistisch gesehen als reine Preissteigerung des Produkts, auch wenn die teilweise auf die gestiegene Qualität der Ware zurückzuführen ist. Mit anderen Worten: Die Preissteigerung wird in der Statistik bis zu einem gewissen Grad systematisch überschätzt.

Oder umgekehrt: Ein Produkt wird in einer verbesserten Version am Markt zum alten Preis angeboten. Dann wird rein statistisch gesehen ein unveränderter Preis erfasst für dasselbe Gut, obwohl es sich tatsächlich um ein etwas anderes, nämlich qualitativ besseres Gut handelt. De facto liegt damit eigentlich eine Preissenkung vor. Wieder überschätzt die statistische Erfassung die wirkliche Preisentwicklung. Von Zeit zu Zeit passt das Statistische Bundesamt den Warenkorb, für dessen Produkte die Preise erfasst werden, aus denen die Inflationsrate berechnet wird, an die sich verändernden Verhältnisse an: Manche Produkte fallen wegen Veraltung aus dem Warenkorb heraus oder erhalten ein geringeres Gewicht, andere kommen neu hinzu. Dennoch kann damit die systematische Überschätzung der Preisentwicklung nicht ausgeschaltet werden, so dass es sinnvoll ist, unter tatsächlicher Preisstabilität nicht eine de facto gemessene Inflationsrate von 0% zu verstehen, sondern eine deutlich über Null liegende.

Doch über diese statistische Problematik hinaus gibt es einen noch wesentlich wichtigeren Grund, als wirtschaftspolitisches Ziel nicht eine Rate von 0% anzustreben, sondern eine von (aus meiner Sicht mindestens) 2%: Es darf oder soll sich nicht lohnen, Reichtum in Form von Geld anzuhäufen und die Hände in den Schoß zu legen, weil es von selbst seinen Wert steigert. (Das ist schon dann der Fall, wenn die gemessene Inflationsrate geringer ist, als es der tatsächlichen Qualitätssteigerung der Produkte entspräche, und erst recht, wenn offene Deflation herrscht, die gemessene Inflationsrate also unter null fällt.) Vielmehr muss im Durchschnitt derjenige, der mit Geld etwas Produktives unternimmt, gegenüber demjenigen einen wirtschaftlichen Vorteil haben, der nichts unternimmt außer Geldhorten. Denn letzteres ist keine Beschäftigung, die den materiellen Wohlstand erhöht (vielmehr bedeutet Geldhorten Nachfrageentzug), während ersteres den eigentlich treibenden Motor einer sich entwickelnden Marktwirtschaft darstellt.

Um es überspitzt zu formulieren: Wer seinen Geldspeicher mit Münzen füllt wie Dagobert Duck, muss durch eine kontinuierliche, leichte Geldentwertung schlechter gestellt werden als der, der sich verschuldet, um technisch Neues auszuprobieren, und der sich dadurch einem unternehmerischen Risiko aussetzt. Oder anders ausgedrückt: Dagobert Duck wird durch eine leichte, gleichmäßige Inflation angeregt, sich unternehmerisch zu betätigen. Will jemand sparen, ohne durch eine leichte Inflation „geschädigt“ zu werden, aber dennoch nicht unternehmerisch tätig werden, darf er sein Geld nicht unter dem Kopfkissen aufbewahren, sondern muss es (z.B. über eine Bank) Sachinvestoren zur Verfügung stellen. Läuft die Wirtschaft einigermaßen normal, kann der Sparer dann einen positiven Realzins erwarten, also einen Nominalzins, der die Inflationsrate übersteigt.

Läuft es mit der Wirtschaft allerdings schlecht wie derzeit in Europa, dann geht die Preissteigerungsrate zurück und nähert sich nach und nach der Null, schlimmstenfalls sinkt sie unter null. Das ist ein verheerendes Signal für Sachinvestoren, weil die damit rechnen müssen, die Preise für ihre Produkte in der Zukunft nicht steigern, ja vielleicht nicht einmal stabil halten zu können. Dann aber ist ihre Gewinnkalkulation auf Sand gebaut, und damit steht in Frage, ob sie die Zinsen für ihre Investitionskredite und die Tilgung bezahlen können. Selbst wenn die Nominalzinsen auf null gesenkt werden, können bei fallenden Preisen im Durchschnitt der Wirtschaft Sachinvestoren ihre Kredite nicht bedienen. Also halten sich potenzielle Sachinvestoren bei Preissteigerungsraten, die gegen null tendieren, zurück, was die Lage in der Gesamtwirtschaft weiter verschlechtert.

Mit anderen Worten: Gerät eine Volkswirtschaft mit der Entwicklung ihres Preisniveaus in die Nähe der Null, kann sich ein deflationärer Sog entwickeln. Er zerstört ein positives Sachinvestitionsklima und damit jegliche Aussichten auf eine positive Entwicklung des Arbeitsmarktes. Japan ist seit vielen Jahren das traurige Beispiel dafür. Und deshalb ist es so wichtig, dass sich die Wirtschaftspolitik ein Inflationsziel deutlich oberhalb der Null setzt. Hans-Werner Sinns Forderung nach einer Zielinflation von 0% ist aus diesem Grund alles andere als gesamtwirtschaftlich wünschenswert. Es hat auch seit 1998 (dem Jahr des Beschlusses der EZB, eine Inflationsrate von unter 2% anzustreben) nie jemand behauptet, dass dieser 2%-Wert „falsch“ sei oder viel zu hoch verglichen mit den Zielwerten, die sich verschiedene Zentralbanken in der Eurozone vor 1999 gegeben haben.

Es bleibt bei unserem ceterum censeo, dass wir bei allen Wirtschaftspolitikern in Deutschland, bei allen Wirtschaftsredakteuren und bei allen Wirtschaftswissenschaftlern – auch bei Hans-Werner Sinn – dafür werben, offensiv über die richtige Lohnpolitik in Deutschland zu sprechen. Wir brauchen, soll die historische Einigung Europas seit 1945 nicht gefährdet werden, für Jahre oder eher Jahrzehnte in Deutschland Lohnstückkostensteigerungen von mehr als 2%. Und das geht nur über eine im wahrsten Sinne des Wortes „verantwortungsvolle“ Lohnpolitik.

Nachtrag:

Seit ich diesen Text Mitte November 2014 geschrieben habe, sind wir (wiederum mit Hilfe unserer Leser) auf einen Beitrag von Otmar Issing gestoßen, der auf S. 6 dieses Dokuments aus dem Jahr 2003 schreibt

„At the same time, the Governing Council clarified that, in the pursuit of price stability, it aims to maintain inflation rates below, but close to, 2% over the medium term. There are a number of well-grounded arguments for tolerating a low rate of inflation, and not aiming at zero inflation. The major concern is the need for a safety margin against potential risks of deflation. In a context of strong deflationary pressures, monetary policy may become less effective if central bank interest rate management is constrained by a liquidity trap or a “zero bound” problem”

was als Argumentation wesentlich mit dem übereinstimmt, was wir behaupten. Vielleicht ist das eher geeignet, Hans-Werner Sinn zu überzeugen und ihn mit auf die Seite derer zu ziehen, die große Sorge vor einer möglichen Deflationsspirale haben. (Die Mehrheit der Sachverständigen zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gehört leider nicht dazu.)

Anders der Präsident der Europäischen Zentralbank, dem die schwache Preisentwicklung offenbar zunehmend schlaflose Nächte bereitet. Am 21.11.2014 sagte Mario Draghi:

„Aber wir beobachten auch, dass die Kerninflation niedrig ist, d. h. die Inflationsrate, aus der diese schwankungsanfälligen und nur temporär wirksamen Komponenten herausgerechnet sind. Die Jahresänderungsrate der Kerninflation lag über das Jahr hinweg beständig unter 1 %. Die jüngsten Daten für Oktober geben einen Wert von 0,7 % an. Eine über einen so langen Zeitraum hinweg niedrige Kerninflation ist ein Hinweis darauf, dass hier nicht nur temporäre Faktoren wirken, sondern auch eine grundlegende Nachfrageschwäche eine Rolle spielt.

Und in der Tat deuten Umfragedaten klar darauf hin, dass die gedämpfte Nachfrage zur geringen Preissetzungsmacht der Unternehmen beiträgt. Wir wissen auch, dass die Arbeitnehmer in vielen Euroländern aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit weniger Macht haben, höhere Löhne durchzusetzen, wodurch der Inflationsdruck sinkt. Im zweiten Quartal dieses Jahres erhöhte sich das Entgelt je Arbeitnehmer im Vergleich zum Vorjahr nur um 1,1 %. Das ist der geringste Anstieg seit drei Jahren.“

Ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Redeausschnitt, finde ich. In seiner Argumentation auf die Kern-Inflationsrate einzugehen (ein Messkonzept, das Preisbestandteile mit typischerweise großen Schwankungen herausrechnet) ist für EZB-Verhältnisse ungewöhnlich, aber eine gute Entwicklung. Und dass Mario Draghi ausdrücklich auf die gedämpfte Nachfrage und die problematische, weil zu niedrige, Lohnentwicklung eingeht, ist positiv hervorzuheben.

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