Archiv | 15.01.2015 (editiert am 25.05.2016)

2015: Amerika, die neue alte Lokomotive der Weltkonjunktur? Teil II

Amerikas Konjunktur hat im Verlauf des letzten Jahres zwar an Fahrt gewonnen. Die Weltwirtschaft dagegen stottert, und es brodelt an allen Ecken und Kanten. Wird sich Amerika in diesem Jahr wieder als Lokomotive der Weltwirtschaft entpuppen? Der erste Teil lieferte einen historischen Rückblick für die Zeit bis zur globalen Krise. Der heutige zweite Teil richtet sich auf die Zeit seither und konzentriert sich auf die Frage, wie gut die Chancen dafür stehen, dass es auch 2015 eine globale US Lokomotive geben wird.

Dezember 2007 war der offizielle Beginn der Rezession in den USA. Die Konjunkturabkühlung hatte in den USA früher begonnen als anderswo, und die Federal Reserve begann die Zinsen zu senken, während sie in manchen anderen Ländern noch erhöht wurden. Der Dollar hatte seit 2002 bei leichter Geldpolitik der Federal Reserve auf breiter Front abgewertet. In 2007 und bis zum Sommer 2008 setzte sich dieser Abwertungstrend zunächst noch weiter fort. Viele Beobachter glaubten damals noch an eine Abkoppelung, ein „Decoupling“ der Schwellenländer von der US Konjunktur, und folglich an eine Fortsetzung des Aufschwungs in der Weltwirtschaft.

Tatsächlich hatte sich China in den Jahren vor der Großen Rezession mittelbar zu einer Art zweiter globaler Lokomotive gemausert. Denn die gewaltige Rohstoffnachfrage Chinas gab dem Wachstum vieler rohstoffexportierender Schwellen- und Entwicklungsländer in dieser Zeit gehörigen Anschub. Darüber hinaus sorgte die Niedrigzinspolitik der Federal Reserve für eine Zunahme spekulativer Kapitalströme in Richtung Schwellenländer. Es war jetzt noch leichter als vorher (wo man meist den Weg über den Nullzinsmarkt Japan gewählt hatte) carry trades mit den Hochzinsländern umzusetzen (erklärt haben wir das z. B. hier).

Viele Länder haben sich in dieser Situation dafür entschieden, am Devisenmarkt zu intervenieren und ihre Dollarkäufe geldpolitisch zu „sterilisieren“, um eine Ausweitung der Bankenliquidität zu verhindern. Aber selbst massive Devisenmarktinterventionen können den externen geld-politischen Impuls nicht vollständig abpuffern, weil die Aufwertung der eigenen Währung den positiven Konjunkturimpuls des Welthandels stark mindert. Auch nach der Krise kam es noch einmal zu heftigen Kapitalströmen in Richtung Schwellenländer. Diese befanden sich damit wieder in der Zwickmühle entweder Währungsaufwertung zu tolerieren oder eine für ihre Umstände unangemessen lockere Geldpolitik zu fahren – und/oder am Devisenmarkt zu intervenieren und neue Dollarreserven anzuhäufen. Der brasilianische Finanzminister bezeichnete diese Situation damals als „Währungskrieg“.

Amerika war bis zur Großen Rezession regelmäßig die globale Konjunkturlokomotive Nr. 1 und, bedingt durch die spezielle Rolle des US Dollar, gab den Grundton der globalen Geldpolitik vor. Heute dagegen ist die Federal Reserve zwar weiterhin die führende Zentralbank der Welt, aber Amerika kann meines Erachtens seiner traditionellen Zugpferdrolle nicht mehr ohne weiteres nachkommen. Das ist eine neue globale Herausforderung für die Weltwirtschaft. Neben den vielen lokalen Herden von Instabilität in der Weltwirtschaft heute besteht ein gewisses Vakuum im Zentrum: das Fehlen einer kraftvollen US Lokomotive. Und eine neue Lokomotive ist nicht in Sicht. Wir haben es also mit einer Art Wachablösung ohne neuen Wächter zu tun. Allerdings kontrolliert der alte Wächter weiterhin die Weltreservewährung.

Wenn überhaupt jemand, dann war China in den Jahren seit 2009 die wichtigste Konjunkturlokomotive der Welt. Das US Leistungsbilanzdefizit hatte sich in der Krise auf rund 400 Milliarden Dollar halbiert und ist seitdem auf etwa diesem Niveau verharrt. Die amerikanische Wirtschaftspolitik hat das Wachstum der eigenen Wirtschaft angeregt, und selbst das nur unzureichend, aber keine nennenswerten expansiven Konjunkturimpulse für den Rest der Welt gegeben. Die chinesische Wirtschaftspolitik dagegen hatte nicht nur prompt und kraftvoll auf die Krise reagiert, sondern diesen Kurs auch aufrecht erhalten. Insbesondere die massive Ausweitung öffentlicher Investitionen trieb die chinesische Binnennachfrage an. Und auch das private Kreditwachstum war sehr hoch. Die chinesischen Importe wuchsen damit viel schneller als die durch die anhaltende Krise der reichen Länder stark unter Druck geratenen Exporte. Der chinesische Leistungsbilanzüberschuss halbierte sich seit 2008, als Anteil am BIP sank er von rund zehn auf heute nur rund zwei Prozent. Das bedeutete einen ungeheuren Konjunkturimpuls für den Rest der Welt, von dem nicht nur die deutschen Autobauer, sondern auch viele rohstoffabhängige Schwellenländer profitierten.

Doch das globale Konjunkturbild hat sich seit 2013 und insbesondere im Verlauf des letzten Jahres erneut gründlich gewandelt. Ein teilweise sehr schnelles Kreditwachstum und boomende Binnennachfrage in den Folgejahren nach der globalen Krise haben in vielen Schwellenländern zu Instabilität geführt. Man sprach hier zunächst von den „fragile five“, womit die Türkei, Brasilien, Indien, Südafrika und Indonesien gemeint sind, doch inzwischen ist der Kreis schwächelnder Schwellenländer in der Welt um weitere wichtiger Mitglieder angewachsen. Argentinien und Russland befinden sich in einer Rezession. Saudi Arabien und Nigeria bekommen den Ölpreisverfall als heftigen Einkommensverlust zu spüren. Und auch der neue Gigant der Weltwirtschaft, China, ist ins Wanken geraten.

Chinas Wachstumsrate hat sich seit dem Höhepunkt in den Jahren vor der globalen Krise fast halbiert, sie beträgt heute „nur noch“ rund 7 Prozent. Es ist zwar richtig, dass China heute auch doppelt so groß ist wie damals, und daher selbst ein nur halb so schnelles Wachstum einen in etwa gleich großen Wachstumsbeitrag für die Weltwirtschaft abgibt. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum noch weiter verlangsamen wird. Chinas Immobilienmarkt und damit verbundene Schulden sowie Überkapazitäten in vielen Sektoren stellen das Land heute vor eine große Herausforderung. Das Sinken der Rohstoffpreise steht auch hiermit im Zusammenhang. Das rasante Wachstum von Chinas Rohstoffnachfrage war an den Märkten die treibende Kraft der Erwartung, dass es die Super-Hausse gibt, bei der die Preise nur eine Richtung kennen, nämlich nach oben.

Die Eurozone ist dank deutscher „Stabilitätspolitik“ seit 2010 unangefochten zum größten Bremsklotz der Weltkonjunktur geworden. Selbst 2014 lag die Binnennachfrage der Eurozone noch immer rund fünf Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Der Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone ist dagegen auf rund 300 Milliarden Dollar angeschwollen. Wie ein gigantischer Parasit hat die Eurozone der insgesamt fragilen Weltkonjunktur massiv Kraft entzogen. Die Krise in der Eurozone ist der vielleicht einzige nahezu konstante Faktor in den letzten Jahren gewesen.

Dies ist das globale Umfeld für die bald zu erwartende Umkehr im geldpolitischen Kurs der Federal Reserve. Im Mai-Juni 2013 schon kam es nach einer Rede von Ben Bernanke, in der er das Ende der Politik des Quantitative Easing andeutete, zu ersten Erschütterungen auf den Finanzmärkten; die langfristigen Zinsen stiegen spürbar, der US Dollar wertete auf. Nach diesen als „taper tantrum“ bekannten Finanzmarktirritationen kehrte dann zunächst noch einmal Entspannung ein als die erwartete Beschleunigung der US Wachstumsrate in 2013 ausblieb und die Federal Reserve somit eine weitere Pause beim Anziehen der Bremsen einlegte.

Doch seit dem Sommer 2014 zeichnet sich die Kehrtwende in der US Geldpolitik immer deutlicher ab. Diesmal blieb zwar der im Vorjahr beobachtete Anstieg der langfristigen Zinsen aus. Die weltweit zunehmende Tendenz zu Disinflation oder gar Deflation überlagert aber die Effekte der Geldpolitik. Die vielen wunden Punkte in der Weltwirtschaft sind sicher ein weiterer. Das zeigt auch die Bewegung beim Dollarwechselkurs, der 2014 auf breiter Front aufgewertet hat; der reale handelsgewichtete Wechselkurs des Dollar legte um rund 10 Prozent zu. Auch der Euro hat stark verloren. Das muss in den Augen der US-Politiker, die seit Jahren das Freihandelsabkommen TTIP mit Europa verhandeln, wie ein Hohn erscheinen: Sie versuchen durch mehr Freihandel Deutschlands und Europas Überschüsse im Handel abzubauen und der Devisenmarkt konterkariert das in wenigen Wochen.

Gleichwohl stellt die US Geldpolitik den Rest der Welt heute vor eine neue Herausforderung. Der sich abzeichnende Zinsanstieg in den USA wird trotz der Aufwertung des Dollar keinen hinreichenden Ausgleich liefern wird. Denn der konjunkturelle Impuls der USA auf den Rest der Welt wird immer kleiner. Die US Wirtschaft ist heute zu klein und auch selbst nicht mehr stark genug, um als Konjunkturmotor der Welt zu fungieren. Sowohl das Wachstum der US Binnennachfrage als auch der Anstieg der US Leistungsbilanzdefizit werden begrenzt bleiben.

Natürlich hoffen Herr Draghi und die anderen großen Eurostrategen darauf, dass die Dollaraufwertung/Euroabwertung und das beschleunigte Wachstum Amerikas die lang erhoffte externe Schützenhilfe für die „Erholung“ der Eurozone, die bislang keine Erholung war, bringen wird. Ich halte diese Hoffnung für unbegründet. Für wahrscheinlicher halte ich es, dass Europas Konjunkturbremser die Weltwirtschaft in eine neue schwere Krise stürzen werden.

2015 wird ein spannendes Jahr werden. Griechenland ist nur ein Vorgeschmack. Happy New Year.

P.S. Dieser Beitrag ist bereits zu lang geworden, um auch noch auf das Thema Reformen im Weltwährungssystem einzugehen, die eine gleichgewichtige und weniger krisenanfällige Entwicklung ermöglichen würden. Heiner Flassbeck hat hierzu allerdings in vielen Beiträgen Stellung genommen.

 

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