Archiv flassbeck-economics | 21.01.2015 (editiert am 25.05.2016)

Unser Geldsystem XXXI: Schulden, Schulden ohne Grenzen?

Für eine Weile hatte unsere Geldserie Pause, weil es so viele aktuelle Themen gab, die der Bearbeitung harrten. Uns ist aber auch klar geworden – dazu haben Hinweise von Lesern beigetragen –, dass diese Serie unvollständig wäre, wenn wir nicht noch intensiver das Thema „Schulden“ unter die Lupe nähmen. Hier gibt es erheblichen Aufklärungsbedarf, weil kaum ein Thema stärker mit Vorurteilen belastet ist als dieses. Auf einer Experten-Tagung in Oxford im vergangenen Jahr war zum Beispiel immer von Überschuldung die Rede, ohne dass dabei klargestellt worden wäre, wessen Schulden gemeint seien. Am Ende klang das so, als ob die ganze Welt irgendwie überschuldet sei.

Und in der Tat ist es genau das, was viele immer noch glauben. Wenn man allerdings fragt, wie die Überschuldung gemessen wird und wer genau die überschuldeten Sektoren sind, dann werden die Antworten meist dünn. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel hat sich im vergangenen Jahr (in ihrem Jahresbericht) mit dieser These hervorgetan und obendrein mit der viel und auch von uns kritisierten Forderung, mitten in der globalen Rezession die Schulden herunterzufahren.

Das Problem ist, dass man sich häufig an einer Bruttoverschuldung orientiert, also alle Schulden, die irgendwelche Leute oder Sektoren haben, zusammenzählt. Das ist aber von vorneherein ein problematisches Vorgehen. Denn netto, also wenn man alle Forderungen und alle Verbindlichkeiten aller Sektoren in der ganzen Welt gegeneinander aufrechnet, gibt es keine Schulden. Es kann sie aus logischen Gründen nicht geben. Die Welt insgesamt hat niemals Schulden. Immer steht einer Verbindlichkeit eine gleichhohe Forderung gegenüber und umgekehrt.

Weil das so schwer zu verstehen ist oder zumindest vielen Leuten unbekannt zu sein scheint, erklären wir an dieser Stelle die Begrifflichkeiten etwas ausführlicher. Dass sich die Mühe des Lesens und Mitdenkens lohnt, obwohl das Thema zunächst recht trocken wirkt, wollen wir vorab durch folgendes Datenmaterial von Eurostat motivieren.

Auf der Homepage der europäischen Statistikbehörde findet sich unter der Rubrik „Datenbank“ eine Kategorie „Verfahren bei einem übermäßigen Ungleichgewicht Indikatoren“ (das sind also Kennzahlen, die im Zusammenhang mit der Macroeconomic Imbalance Procedure eine Rolle spielen). Dort werden u.a. Zeitreihen zu Schuldenständen des privaten Sektors, des öffentlichen Sektors (Staat) und ganzer Länder angeboten.

Schaut man sich die Zahlen an, dann liest man dort z.B. für Deutschland im Jahr 2013, dass der private Sektor (ohne Banken und andere Finanzinstitute) gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) „konsolidiert“ mit 103,5 % verschuldet ist, der öffentliche Sektor, also der Staat, mit 76,9 %. Wenn man das zusammenzählt, kann einem schon mulmig werden, oder? Schuldenberge also auch in Deutschland, wohin man schaut!

Gleichzeitig beträgt aber der Netto-Vermögensbestand, den Deutschland insgesamt gegenüber dem Rest der Welt hat, laut dieser Statistik 42,9 % des BIP. Das wirkt irgendwie ungereimt: Ein Land, dessen privater und öffentlicher Sektor hoch verschuldet sind, besitzt gegenüber dem Ausland netto, also nach Abzug aller Schulden des Auslands bei uns, Vermögen? Das ist logisch nur möglich, wenn die Schuldenstände mindestens für einen der beiden inländischen Sektoren (in diesem Fall ist das der Privatsektor) als Bruttoschulden angegeben sind. Dann bedeutet die oben genannte Zahl (103,5 % des BIP) aber nicht, dass Unternehmen und private Haushalte in Deutschland zusammengenommen mit mehr als der Wirtschaftskraft eines Jahres (netto) verschuldet sind, sondern nur, dass es Schuldner-Gläubiger-Beziehungen zwischen dem Privatsektor und den anderen Wirtschaftsakteuren (Banken, Staat und Ausland) in Höhe von etwas mehr als einem Jahres-BIP gibt. Rechnete man das Brutto-Geldvermögen des deutschen Privatsektors (dessen Daten wir an dieser Stelle bei Eurostat vergeblich gesucht haben) gegen seine Bruttoschulden, bliebe ein erheblicher Teil an Netto-Geldvermögen übrig.

Wie viel das ist, kann man mit einem Blick in die Statistik der Deutschen Bundesbank klären, die sektorale und gesamtwirtschaftliche Vermögensbilanzen enthält. Dort wird die Brutto-Verschuldung der privaten Haushalte für das Jahr 2013 mit 1579,4 Mrd. Euro und die der nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften mit 2060,1 Mrd. Euro angegeben. Zusammen macht das 3639,5 Mrd. Euro Brutto-Schulden der Privaten (ohne die finanziellen Kapitalgesellschaften, also grob gesprochen ohne den Finanzsektor). Das sind ungefähr 125 % des deutschen BIP. Das Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte beträgt 5020,8 Mrd. Euro, das der nicht-finanziellen Kapitalgesellschaften 2860,0 Mrd. Euro, macht zusammen 7880,8 Mrd. Euro (271% des BIP). Saldiert man Brutto-Schulden und Brutto-Geldvermögen der Privaten (ohne den Finanzsektor), ergibt sich ein Netto-Geldvermögen der Privaten in Deutschland für das Jahr 2013 von 4241,3 Mrd. Euro oder ungefähr 146 % des BIP. Wenn das für den weniger spezialisierten Leser (etwa einen auf Datensuche befindlichen Journalisten) keine andere, um nicht zu sagen: gegensätzliche Information ist als die von Eurostat präsentierten Daten!

Um es auf den uns hier interessierenden Punkt zu bringen: Von vielen Politikern, Medien und Experten wird über die immense Verschuldung von privaten Haushalten, von Unternehmen und Staaten gesprochen und die Reduktion dieser Schuldenstände angemahnt. Den meisten scheint dabei nicht bewusst zu sein, dass sie zum einen möglicherweise Äpfel (Bruttoschulden) mit Birnen (Nettoschulden) vergleichen und zum anderen nicht alle relevanten Informationen haben. Und Eurostat bietet ausgerechnet im Zusammenhang mit dem sensiblen Thema „makroökonomische Ungleichgewichte“ Datenmaterial an, das zu dieser Konfusion und Schuldenphobie beizutragen geeignet ist. Warum finden sich nicht an gleicher Stelle die Zeitreihen zu den Geldvermögen der verschiedenen Sektoren (von den Sachvermögen gar nicht zu reden)? Warum wird nicht auf klare Bezeichnungen von „brutto“ und „netto“ Wert gelegt? Wissen die Politiker, die sich auf Grundlage dieses Datenangebots ihre Meinung – natürlich auch über andere Länder – bilden und weitreichende politische Entscheidungen treffen, was für Material sie da vor sich haben?

Wenn man die beiden eingangs genannten Zahlen der Verschuldung des deutschen Staates und der Privaten in Deutschland zusammenzählt, kommt man auf ca. 180 % des BIP und möglicherweise auf die Idee, dass das irgendwie gefährlich sein könnte. Diese Überlegung ist aber leider ungefähr so sinnvoll, als ob man beim Thema Außenhandel einerseits von den Importen spräche (in Deutschland derzeit ca. 38 % des BIP) und andererseits von den Nettoexporten (ca. 6 % des BIP) und aus dem Vergleich beider Zahlen den Schluss zöge, wir wären offenbar nicht wettbewerbsfähig, weil wir ja viel zu wenig exportierten.

Es gilt also, die Begrifflichkeiten zu klären, bevor man sich überhaupt sachlich fundiert über das Thema „Schulden“ unterhalten und ein Urteil bilden kann.

Im Deutschen nennt man die Differenz zwischen Forderungen und Verbindlichkeiten eines Sektors üblicherweise das „Geldvermögen“ des Sektors. Wir werden das Geldvermögen, um Verwechslungen mit Bruttogrößen zu vermeiden, als Netto-Geldvermögen bezeichnen. Im Englischen gibt es dieses sprachliche Problem weniger, weil man den Saldo von Forderungen und Verbindlichkeiten mit „financial balances“ oder „net financial balances“ bezeichnet und aus dem Wort „balances“ hervorgeht, dass hier Bruttogrößen gegeneinander aufgerechnet worden sind, es sich also um Nettogrößen handelt.

In der Welt ist das Netto-Geldvermögen zu jedem Zeitpunkt immer exakt gleich Null, denn die Welt insgesamt hat niemanden, von dem sie etwas borgen oder dem sie etwas leihen könnte. Genauso sind die Schulden der Welt insgesamt immer Null. Dieser logische Zusammenhang darf bei allen Debatten über Schulden nie außer Acht gelassen werden.

Was aber ist das Geldvermögen genau und was hat es mit Geld zu tun? Nun, mit Geld im Sinne von Liquidität hat es nicht direkt zu tun, außer dass die Geldscheine der verschiedenen Währungen und das Giralgeld auf den Konten natürlich auch dazugehören, weil sie Forderungen darstellen (gesetzliches Zahlungsmittel sind). Zusätzlich gibt es Wertpapiere (Schuldverschreibungen, Staatsanleihen etc.), die verbriefte Verschuldung darstellen und mehr oder weniger handelbar sind. Im Übrigen enthält das Geldvermögen alle Forderungen, die eine Person oder eine Institution gegenüber anderen hat, die vereinbarungsgemäß in Geld zurückgezahlt werden sollen.

Geldvermögen ist kein Begriff, der auf die Handelbarkeit bzw. Liquidität eines Vermögenstitels (bzw. eines Schuldtitels) abzielt, sondern nur darauf, dass eine Gläubiger-Schuldner-Beziehung zwischen irgendwelchen Leuten, Firmen, Banken oder Staaten besteht. Ist z.B. jemand Eigentümer eines Hauses, dann zählt dieses Haus zu seinem Sachvermögen. Hat derjenige darüber hinaus keine Schulden (und kein Geldvermögen, z.B. keine Ersparnisse auf dem Konto), dann sind seine Geldschulden null, sein Geldvermögen ist null, und sein Sachvermögen ist so hoch wie der Wert seines Hauses. (In der Praxis ist es natürlich meist so, dass derjenige z.B. noch 200.000 Euro an nicht zurückgezahlter Hypothek auf seinem Haus hat. Dann existiert – mit seiner Bank – auch ein Schuldverhältnis, und sein Geldvermögen ist -200.000 Euro, also negativ: derjenige hat dann Geldschulden.) Es ist also möglich, keinerlei Schuldverhältnis mit jemand anderem zu haben und gleichzeitig trotzdem Vermögen zu besitzen. Das kann dann aber nur Sachvermögen sein, kein Geldvermögen.

Haben alle Menschen (und Institutionen wie Firmen oder Staaten) keine Schulden (also keinerlei Gläubiger-Schuldner-Beziehungen miteinander), sondern besitzen sie nur irgendwelche Sachvermögenswerte, dann ist die Summe aller Forderungen selbst null und die Summe aller Verbindlichkeiten ebenso null. Miteinander saldiert ergibt das natürlich auch wieder Null: Das Netto-Geldvermögen ist null. Die Summe aller Sachvermögen aber ist dennoch positiv und ergibt den Wert des Sachkapitalstocks der Welt. Das Vermögen der Welt insgesamt ist dann gleich dem Sachvermögen der Welt.

Gibt es Forderungen und Verbindlichkeiten, also Gläubiger-Schuldner-Beziehungen zwischen Wirtschaftsakteuren, dann kann man den Begriff des Brutto-Vermögens der Welt einführen (also Sach- plus Brutto-Geldvermögen), das natürlich größer ist als das Sachvermögen, sobald das Brutto-Geldvermögen größer null ist. Das Netto-Vermögen der Welt (Brutto-Vermögen minus Schulden = Sachvermögen plus Brutto-Geldvermögen minus Schulden) wäre aber gleich groß wie zuvor und zwar so hoch wie das Sachvermögen.

Dass es gar keine Gläubiger-Schuldner-Beziehungen gibt, ist in einer arbeitsteiligen Welt mit großen Sachkapitaleinheiten (Maschinenparks, Kraftwerken, Verkehrsnetzen etc.) ein sehr unrealistischer Fall. Normalerweise gehören einer Firma Maschinen und Grundstücke (es handelt sich um ihr Sachvermögen). Soweit dieses Sachvermögen kreditfinanziert ist, gehört es de facto (teilweise) einer Bank. Diese Gläubiger-Schuldner-Beziehungen sind in Form von Vermögens- und Schuldtiteln abgebildet.

Schulden und Brutto-Geldvermögen (Forderungen) sind stets gleich groß. Auch wenn die Summe der Schulden der Firma höher sein sollte als der Wert ihres Sachvermögens, sind ihre Schulden stets genau so groß wie die Forderungen anderer gegen sie. In einem solchen Fall ist die Firma überschuldet. Dann muss die Bank den Kredit (ihre Forderungen) an diese Firma (teilweise) abschreiben. Zu jedem Zeitpunkt dieses Prozesses aber entsprechen sich Forderungen und Verbindlichkeiten. Ob und wann mögliche Verluste des Unternehmens bzw. daraus erwachsende Verluste der Bank eintreten und realisiert werden, ist für die jederzeitige genaue Entsprechung von Schulden und Geldvermögen unerheblich. Forderungen und Verbindlichkeiten verändern sich gleichzeitig und in gleichem Umfang.

Wenn man über Schulden spricht, ist folglich immer von Geldschulden die Rede. Das muss so sein, weil einem zwar Sachvermögen gehören kann, ohne dass man gleichzeitig Schulden haben muss, man aber keine Schulden (Verbindlichkeiten) haben kann, ohne dass ein anderer Forderungen hält, also Geldvermögen besitzt. Zusammengefasst: Der Begriff Vermögen umfasst Sachvermögen und Geldvermögen, der Begriff Schulden aber nur Geldschulden, keine Sachschulden.

Mancher mag sich fragen, ob man sich denn nicht auch in Sachleistungen verschulden kann, also versprechen kann, seine Schulden mit einer Sachleistung zu bezahlen? Natürlich kann man das. Aber das sind dann Sachleistungen, die erst in der Zukunft hergestellt werden. Verbrieft sind solche „Sach“-Schulden bis zur Lieferung daher immer in Form von Geldschulden. Denn Güter, die es noch gar nicht gibt, kann man nicht in Sachform schulden, man schuldet sie immer in Papierform, sprich: in Geldform. Niemand kann sozusagen negatives Sachvermögen besitzen.

Dank der exakten Übereinstimmung von Brutto-Schulden (Verbindlichkeiten) und Brutto-Geldvermögen (Forderungen) ist es daher kein Widerspruch, für die Welt insgesamt von einem Netto-Geldvermögen von Null zu sprechen, während es gleichzeitig einen positiven Bestand an Sachvermögen gibt. Die Zu- oder Abnahme des Sachvermögensbestandes der Welt mag sehr wohl mit einer Veränderung der Schulden (und parallel dazu des Brutto-Geldvermögens) einhergehen. Nur bedeutet eine Zunahme der Schulden keinesfalls automatisch eine Abnahme des Sachvermögens in der Welt. Ganz im Gegenteil: Wenn eine zunehmende gegenseitige Verschuldung dazu führt, dass arbeitsteilig mehr Sachkapital hergestellt werden kann, kann das Sachvermögen der Welt mit zunehmender Verschuldung steigen. (Das ist sogar viele Jahre der Normalfall gewesen.)

Natürlich ist es auch möglich, dass eine zunehmende gegenseitige Verschuldung nur das Brutto-Geldvermögen aufbläht, aber nichts zu einem steigenden Sachvermögen beiträgt. Ebenso mag sich durch Spekulation die Bewertung von Brutto-Geldvermögen und Sachvermögen verändern, ohne dass der Sachkapitalstock physisch ausgeweitet wurde. Aber einfach nur aus einer Zunahme der Brutto-Schulden auf ein grundlegendes Problem des Kapitalismus oder gar eine „Überschuldung“ der Welt zu schließen und auf eine Reduktion der Schulden zu dringen, ist grober Unfug.

In den nächsten Beiträgen dieser Serie schauen wir uns die Schuldenentwicklung empirisch etwas näher an.

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