Auch die US-Regierung spricht über Löhne – wann besinnt sich Europa?

Immer wieder haben wir darauf hingewiesen, dass es angesichts der Machtverhältnisse an den Märkten nach der erneuten Zunahme der Arbeitslosigkeit im Zuge der Finanzkrise unumgänglich ist, dass die Regierungen sich in die Lohnfindung einmischen.

Nachdem die japanische Regierung das schon vor einiger Zeit getan hat (wir haben das hier kommentiert), meldet sich zu diesem Thema jetzt auch ein Mitglied der US-amerikanischen Regierung zu Wort.

Der Arbeitsminister, Thomas E. Perez, sagte vergangene Woche: „Wir müssen mehr tun, um sinnvolles Wachstum der Löhne zu bekommen, weil zu viele Familien der Mittelklasse noch härter arbeiten und dennoch weiter zurückfallen. Wir müssen mehr tun, um sicherzustellen, dass die Wirtschaft für jeden funktioniert, um eine breite Teilhabe am Wohlstand zu erreichen.“ (“We need to do more to achieve meaningful wage growth, because too many middle-class families are still working harder and falling further behind. We need to do more to ensure that the economy works for everyone, to create broadly-shared prosperity.“)

Er sagte zwar nicht, was er konkret tun will, aber er hat zweifellos Recht, die Löhne in den Mittelpunkt seiner Überlegungen zu stellen. Schaut man den nominalen Stundenverdienst im Durchschnitt aller amerikanischen Beschäftigten in den letzten Jahren an (vgl. Abbildung 1), dann kann man nur von einem katastrophalen Ergebnis sprechen.

Abbildung 1

Abb 1 Stundenlohnwachstum USA

Man muss berücksichtigen, dass sich die ausgewiesene Wachstumsrate auf den Durchschnittsstundenlohn aller Beschäftigten der Privatwirtschaft bezieht, also die höchsten Gehaltsgruppen etwa im Finanzwesen miteinbezieht. Da sich letztere in den vergangenen fünf Jahren sicher nicht mit einem durchschnittlichen nominalen Zuwachs von zwei Prozent jährlich zufriedengegeben haben, muss man annehmen, dass alle übrigen Beschäftigten und insbesondere die in den untersten Gehaltsgruppen weit geringere Lohnsteigerungen zu verzeichnen hatten.

Der Zuwachs der Stundenlöhne insgesamt ist seit der Krise praktisch nie über zwei Prozent hinausgegangen (das ist die amerikanische Zielinflationsrate). Zuletzt (im Dezember) ist er sogar deutlich darunter gesunken. Und das alles bei einer Quote der Arbeitslosigkeit, die nach offiziellen Angaben dauernd sinkt und zuletzt bei deutlich unter sechs Prozent liegt.

Die verbreitete Vermutung in den USA ist, dass sich bei einer solch niedrigen Arbeitslosenquote die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt allmählich zugunsten der Arbeitnehmer verändern müssten, so dass diese höhere Stundenlohnzuwächse durchsetzen können und in den Bereich gelangen, wo auch die Reallöhne systematisch steigen, also nicht nur dann, wenn die Preissteigerungsrate zufällig (wegen sinkender Ölpreise) niedriger als zwei Prozent ist oder eben auf die zu wenig steigenden Löhne mit einem Absinken unter die 2-Prozent-Marke zu reagieren beginnt.

Schon im vergangenen Herbst hatten wir darauf hingewiesen, dass es so nicht geht. Damals hatten wir uns zwar auf einen anderen Lohnindikator gestützt, aber das Ergebnis ist das gleiche: „So kann eine Volkswirtschaft nicht funktionieren. Wer die Masse der Menschen in Sachen Realeinkommen nicht mitnimmt, kann nicht darauf hoffen, dass sie die Produkte kaufen, die sie selbst hergestellt haben. Der Satz „Autos kaufen keine Autos“ gilt eben immer noch.

Vorwiegend auf die Verringerung der Sparquote zu setzen, wie man das mit dem Quantitative Easing der Geldpolitik anstrebt, genügt nicht. Über die sogenannten Vermögenseffekte versucht die Zentralbank dabei, über den Aufkauf von Wertpapieren wie Aktien und anderen Vermögensobjekten deren Preise hochzutreiben in der Hoffnung, das werde das Vermögen in den Händen der Privaten erhöhen und sie zu mehr Ausgaben selbst bei unverändertem Einkommen anregen. Von den kruden Verteilungseffekten dieser Politik einmal ganz abgesehen, muss man bedenken, dass die Sparquote nicht beliebig oft gesenkt werden kann, also nicht dauerhaft für eine Konjunkturanregung zur Verfügung steht und damit kein nachhaltiges Konzept für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes bietet. Zudem ist der Rückgang der Sparquote mit der großen Gefahr verbunden, dass die privaten Haushalte im Falle einer Krise versuchen, sie plötzlich wieder zu erhöhen, was mit einer enormen Destabilisierung der Wirtschaft einhergehen kann.“

Wäre die Regierung Obama mutig, würde sie die Funktionsweise des Arbeitsmarktes offen in Frage stellen und fordern, dass der Staat eingreifen darf, wenn es zu so eklatantem Versagen dieses „Marktes“ kommt. Aber diesen Mut hat sie ebenso wenig wie die japanische. Wir haben allerdings in Europa wenig Anlass, das zu kritisieren. In Japan und den USA beginnt die Politik wenigstens zu verstehen, dass etwas schief läuft. Europa dagegen setzt weiter auf sinkende Löhne (um die „Wettbewerbsfähigkeit“ zu verbessern), und der Großteil der Politiker begreift nichts. Besonders Deutschland ist in dieser Frage gefordert (weil es am meisten unter seinen Verhältnissen gelebt hat), aber nicht einmal die Gewerkschaften sind, wie wir gestern gezeigt haben, bereit, für deutlich höhere Löhne zu kämpfen.

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