Die Schweiz kapituliert

Gestern hat die Schweizerische Nationalbank (SNB, das ist die Zentralbank der Schweiz) völlig überraschend die Bindung des Schweizer Franken an den Euro aufgegeben, die durch eine Kursobergrenze gekennzeichnet war. Die Bank ließ den Kurs des Franken bis gestern nicht über 1,20 CHF/Euro steigen (was heißt, dass der so ausgedrückte Kurs fällt, man zahlt weniger Franken für einen Euro) und intervenierte mehr als drei Jahre lang systematisch am Devisenmarkt, um diese Grenze zu halten.

Unmittelbar nach der Entscheidung, die Interventionen einzustellen, schoss der Franken auf die Parität mit dem Euro (also 1:1) und notierte zeitweise sogar deutlich darüber (d.h. für einen Schweizer Franken bekam man mehr als einen Euro). Das bedeutet eine Aufwertung der Schweizer Währung und einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit von 20 Prozent oder sogar mehr. Die Folgen für die Exportindustrie der Schweiz und die Branchen, die mit ausländischen Mitbewerbern konkurrieren, könnten dramatisch sein. In einem Umfeld, in dem die Währungen wichtiger Handelspartner ohnehin zur Schwäche neigen, ist nicht auszuschließen, dass die Aufwertung des CHF so weit geht, dass die SNB sich gezwungen sieht, erneut einzugreifen. Dann wäre aber ihre Glaubwürdigkeit viel geringer und der Markt könnte versucht sein, erneut zu testen, bis zu welchem Interventionsvolumen die Bank wohl die Nerven behält.

Warum tut die Notenbank ohne Not einen solch riskanten Schritt? Die üblicherweise angebotenen Erklärungen sind mehr als unbefriedigend. So sagte der Chefökonom der Schweizer Bank Julius Bär zur Entscheidung der SNB laut Handelsblatt: „Die Notenbank musste seit Jahresbeginn offenbar ständig intervenieren, das wurde ihr vermutlich zu teuer.“ An solchen Interventionen ist für eine Notenbank aber nichts teuer. Sie verwandelt bei ihren Interventionen – bei denen sie mit Schweizer Franken Euros am Devisenmarkt kauft, um den Kurs des Euro zu stärken – von ihr generierte Franken (man kann auch gedruckte Franken sagen) in Euros, die sie dann in europäischen Wertpapieren anlegt. Die Kosten der Aktion liegen ganz nahe bei null, das Risiko ebenfalls, denn das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Ausfall der Europapiere. Letzteres würde zwar die Bilanz der Notenbank eine Weile unschön aussehen lassen, weil sie Verluste verbuchen müsste, aber das ist nur Bilanzmechanik. Da der Kauf dieser Papiere die Notenbank de facto nichts gekostet hat – sie hat ja mit Geld bezahlt, das aus dem Nichts geschaffen wurde –, ist selbst der Totalausfall belanglos. Wenn ich etwas verliere, für das ich nichts bezahlt habe, habe ich auch nichts verloren, was mich in meiner Handlungsfähigkeit beeinträchtigen würde.

Vermutlich hat sich die Zentralbank schon, als sie die Obergrenze verkündete, unwohl gefühlt, weil auch ihre Führung insgeheim an die Weisheit der Märkte glaubt, die doch allein den richtigen Kurs finden können. Nun, unter dem Eindruck einer massiven neuen Schwäche des Euro herrscht womöglich die Position vor, der Zeitpunkt sei günstig, um –zusammen mit dem US-Dollar – ein neues Gleichgewicht gegenüber dem Euro zu finden. Vielleicht glaubt man auch, im Zuge der zu erwartenden amerikanischen Zinserhöhungen könne man mit Negativzinsen in der Schweiz die Aufwertung des Franken in Grenzen halten, weil die Anleger noch lieber in US-Dollar als in Franken investieren (das legen auch die Äußerungen der SNB auf der Pressekonferenz nahe).

Beides kann sich als grandioser Irrtum erweisen, weil überhaupt nicht ausgemacht ist, ob der Franken nicht einen Sonderweg in Richtung Super-Aufwertung beschreitet angesichts der weiterhin extrem hohen Schweizer Außenhandelsüberschüsse und des drohenden Zerfalls der Eurozone.

Aber auch nur mit der sofort eingetretenen Aufwertung von „nur“ 20 Prozent wird die Schweizer Wirtschaft hart getroffen, da, wie wir in einer Artikelserie 2013 gezeigt haben, schon bei einem Kurs von 1,20 die Lohnstückkosten in Euro gerechnet sehr hoch gegenüber Österreich und Deutschland waren. Zudem wird offene Deflation zunehmend ein Thema werden, da das Land sich ohnehin schon am Rande einer Deflation bewegt. Sorge vor offener Deflation war auch der Hauptgrund für die Entscheidung der Notenbank im Jahr 2011, den Kursanstieg zu begrenzen.

Die deutsche Industrie wird von der Schweizer Aufwertung kurzfristig erheblich profitieren. Deutschland sollte sich jedoch den Fall der Schweiz genau anschauen. Sobald der schwache Euro der deutschen Wirtschaft keine Schützenhilfe mehr gibt (weil z.B. eine Reihe von Defizitländern aus der Eurozone ausscheiden und dadurch eine Aufwertung des Rest-Euro einsetzt), ist sie genau in der Schweizer Situation. Im Falle Deutschlands würde das Verhalten aber von den Partnerländern viel kritischer beobachtet werden, weil Deutschland viel größer ist. Die USA und andere Länder würden es wohl nicht einfach hinnehmen, wenn Deutschland oder eine Rest-Eurozone eine Aufwertung via Intervention am Devisenmarkt verhindert, weil sie das als offenen Protektionismus und als Beweis für Merkantilismus ansehen würden und mit eigenen protektionistischen Maßnahmen antworteten.

Überschussländer kommen früher oder später immer in große Schwierigkeiten, einfach weil ihre unabdingbaren Partner, die Defizitländer, in Schwierigkeiten geraten. Wer sich nicht schrittweise anpasst, muss mit gewaltigen wirtschaftlichen Eruptionen rechnen, die auch riesige politische Verwerfungen nach sich ziehen können.

 

 

 

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