Franken-Aufwertung – Das abrupte Ende des (Spar-) „Modells Schweiz“

Mit der Aufgabe des Franken-Mindestkurses nimmt das Spar-„Modell Schweiz“ ein Ende, das durch die Freigabe des Wechselkurses noch beschleunigt und akzentuiert wird.

Angefangen hat das Spar-Modell 1985 mit der Entscheidung, die berufliche Vorsorge für obligatorisch zu erklären und fiskalisch zu entlasten. Das war der Versuch, etwa 5 Prozent des BIP zusätzlich zu sparen, also durch geringere Ausgaben der privaten Haushalte eine größere Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben zu schaffen. Ende 2013 verfügten die Schweizer Haushalte über Vermögen von 3952 Milliarden Schweizer Franken, wovon 919 Milliarden Ansprüche gegenüber Pensionskassen und Versicherungen sind. Seit dieser Zeit verzeichnet die Schweiz steigende Außenhandelsüberschüsse, während bis dahin die Bilanz noch in etwa ausgeglichen war.

Zu welchem Irrsinn dieses Eichhörnchen-Modell auf Dauer führte, zeigt ein Blick auf die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung von 1995 bis 2012. In diesen rund 18 Jahren haben die Privathaushalte einen kumulierten Sparüberschuss von 862 Milliarden Schweizer Franken erzielt und zwar netto, nach Abzug der Investitionen in den Wohnbau. Im gleichen Zeitraum hatten auch die Finanzunternehmen Überschüsse von 161 Milliarden. Diesem Überschuss standen Defizite von bloß 38 Milliarden bei den nicht-finanziellen Unternehmen und von 55 Milliarden beim Staat gegenüber. Übrig blieb der Auslandssaldo. Er wäre ohne das Einspringen der Nachfrage aus dem Ausland nicht möglich gewesen, da anderenfalls die Sparbemühungen zu einem entsprechenden Einkommensrückgang geführt hätten.

Bevor wir uns der Frage zuwenden, was aus diesen Guthaben geworden ist, werfen wir einen kurzen Blick auf das, was diese Sparwirtschaft (Heiner Flassbeck nennt das für Deutschland regelmäßig Merkantilismus) mit der Schweizer Wirtschaft gemacht hat: Zum einen hat sie das Schweizer Modell bestärkt, Geld zu importieren und wieder für Anlagen im Ausland zu exportieren, wodurch der Finanzsektor aufgebläht wurde. Der Anteil des Finanzsektors am Bruttoinlandprodukt ist zwischen 1990 und 2007 von 3,2 auf 8,5 Prozent gestiegen.

Zweitens ist der Schweizer Arbeitsmarkt heute geradezu süchtig nach den inzwischen auf 40 bis 50 Milliarden Franken angewachsenen jährlichen Exportüberschüssen. Von Ihnen hängen rund 400 000 Jobs ab.

Das war auch der entscheidende Grund, warum die Schweizerische Nationalbank im November 2011 den Frankenkurs des Euro auf 1.20 fixierte, was praktisch darauf hinauslief, dass sie der Schweizer Exportindustrie deren Devisenerträge zu einem Kurs abkaufte, der an freien Devisenmärkten nicht zustande gekommen wäre. Denn diese unterlagen damals den irrationalen Triebfedern von Spekulation, Steuervorteilen und „Safe-haven-Argumenten“, die auch heute zum Teil noch gelten. Bis am Mittwoch dieser Woche hatte die Nationalbank so Devisenreserven im (damaligen) Wert von 519 Milliarden Franken angehäuft. Inzwischen dürfte diese Bilanzposten nur noch etwa 440 Milliarden Franken wert sein.

Das bringt uns zurück zum Schatz, den das Eichhörnchen namens Schweiz angehäuft hat – und verrotten ließ. Zwischen 1995 und 2014 hat die Schweiz kumuliert einen Überschuss aus der Handels- und Dienstleistungsbilanz abzüglich ans Ausland bezahlten Arbeitseinkommen von rund 590 Milliarden Franken erzielt. Dazu kommen noch rund 500 Milliarden Nettoeinkommen aus Kapitalerträgen. Dennoch hat das Nettovermögen gegenüber dem Ausland bloß von 320 auf 785 Milliarden Franken zugenommen. Letztere Zahl bezieht sich auf Ende November 2014 als der Euro noch 1,20 und der Dollar 95 Rappen wert war. Nach der Aufwertung des Frankens dürfte der Pegelstand deutlich unter 700 Milliarden Franken liegen.

Damit ist klar, dass die Bewertungsverluste die Kapitalerträge der Schweizer Nettoguthaben deutlich übertroffen haben. Von den 590 Milliarden, welche die Schweiz gespart hat, sind – je nach Tageskurs – weit weniger als 400 Milliarden übrig geblieben. Die Schweiz steht damit nicht allein. Auch die sechs Überschussländer der EU haben allein zwischen 2007 und 2011 rund 7 Prozent ihres BIP von 2011 durch so genannte „Valuation losses“ verloren. Dass die Verluste der Schweiz gemessen am BIP deutlich höher ausfallen, erklärt sich dadurch, dass die Nettoguthaben der Schweiz 2007 mit rund 135 BIP-Prozent fast neunmal so hoch waren wie die der EU-Gläubigerländer mit damals 16 Prozent.

Zu diesen absehbaren und letztlich unvermeidlichen Bewertungsverlusten kommt nun aber überflüssigerweise noch der Schaden dazu, den die Schweizerische Nationalbank mit der abrupten Freigabe des Frankenkurses angerichtet hat. Heiner Flassbeck hat dies hier kommentiert.

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