Liebe Versicherungen, …

… mit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom 22. Januar 2015, im großen Stil Anleihen aufzukaufen, seid ihr nicht so glücklich. Das war vorherzusehen. Die kurzfristigen Zinsen werden von der Zentralbank festgesetzt und sind praktisch bei null. Und die langfristigen Zinsen folgen diesem Trend, wie sie es immer tun. Somit sind sie auch sehr niedrig. Lebensversicherer tun sich zunehmend schwer, bestehende Zusagen hinsichtlich eines Garantiezinses für ihre Kunden zu erfüllen. Private Krankenversicherer sehen diese Entwicklung ebenfalls mit Sorge, denn weniger Zinserträge ihrer Kapitalanlagen bedeuten steigende Beiträge für die Kunden.

Nicht mehr lange, und Sie, liebe Versicherungen, stehen mit dem Rücken zur Wand, fürchte ich. Aber es gibt einen Silberstreif am Horizont:

Alle, die dringend und langfristig, also nachhaltig, bessere Renditen und höhere Kapitalerträge brauchen, müssen nur ihr ökonomisches Modell überdenken, um aus dem Zinstal herauszufinden. Wir haben hier bei flassbeck-economics einen Vorschlag für sie, von dem wir vollkommen sicher sind, dass er funktionieren wird.

Die Überlegung beginnt damit, dass die durchschnittliche gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung (genauer gesagt die Entwicklung der Lohnstückkosten) mehr als jede andere Größe die Entwicklung der Inflation determinieren:

2014_11_04 Abb 1 ULC GDP deflator

(Diese Grafik haben wir schon öfter auf diesen Seiten gezeigt, aber sie ist im Vergleich zu ihrer inhaltlichen Bedeutung immer noch so unbekannt, dass es nicht schaden kann, sie wiederholt zu verwenden.)

Der Zusammenhang ist in der langen Frist fast genau eins zu eins, das zeigt die Grafik deutlich, und auch für kürzere Zeiträume ist er gut belegt. Wir wollen das hier auf begrenztem Raum nicht vertiefen, aber gehen Sie, liebe Versicherungen, davon aus, dass die Richtung der Kausalität von den Löhnen zu den Preisen weist, nicht umgekehrt.

Nun kommt die zweite Überlegung hinzu, dass die kurzfristigen sowie auch die langfristigen Zinsen von der Inflationsrate nicht unabhängig sind. Dafür sorgt die Zentralbank, die bei zunehmender Inflation den kurzfristigen Zins erhöht. Das schlägt auf den langfristigen Zins durch. Ohnehin ergibt sich zwischen den Käufern und Verkäufern für länger laufende Anleihen ein typisches Spektrum von Renditen, die eine bestimmte erwartete Inflation widerspiegeln. Unter normalen Umständen, d.h. wenn sich die Volkswirtschaften nicht in einer Stagnation oder gar Rezession befinden, liegen die nominalen Renditen oberhalb der Inflationsrate, gibt es also positive Realzinsen. Und das ist ja genau das, was Sie, liebe Versicherungen, wünschen: positive Nominal- und Realzinsen.

Nun machen Sie sich noch klar, dass es weder ein Naturgesetz gibt, das für positive Zinsen sorgt, noch ein Grundrecht, das Sparern positive Zinsen zusichert, sondern dass sich Vermögen auf Dauer nur dann rentieren kann, wenn der hinter ihm stehende reale Kapitalstock gut ausgelastet ist und am besten noch wächst. Das aber setzt Investitionen voraus, und die Investitionen werden nur kommen bei positiven Absatzerwartungen. Noch so niedrige Zinsen hingegen verbessern die Investitionsneigung aktuell wenig. Jetzt sehen Sie sofort, dass Sie sich für eine Entwicklung der Löhne oberhalb der Produktivitätszunahme einsetzen müssen, um Ihr rettendes Ziel, deutlich positive Zinsen, zu erreichen.

Das wäre es auch schon, liebe Versicherungen. Mehr als diese beiden Argumentationsschritte braucht man nicht. Sie sind herzlich eingeladen, mit Ihren ökonomischen Überlegungen sozusagen die Seiten zu wechseln und zu uns zu kommen, zu flassbeck-economics.

Konkret bedeutet das:

  • Reden Sie mit den Gewerkschaften. Denen muss der Rücken gestärkt werden für eine mutige Tarifpolitik, die eine Inflation von wenigstens 2% ermöglicht (oder besser noch mehr im Sinne des Erhalts der Währungsunion).
  • Argumentieren Sie für die Einhaltung der Flächentarifverträge und gegen betriebliche Sonderregeln, um den Unterbietungswettbewerb bei den Löhnen zu beenden. Setzen Sie sich für eine Begrenzung der Leiharbeit ein, denn sonst lässt sich die notwendige Lohnpolitik zu leicht unterlaufen.
  • Plädieren Sie dafür, dass der öffentliche Dienst mit Nominallohnzuwächsen vorangeht, die zu ausreichend hohen Wachstumsraten bei den Lohnstückkosten passen, damit die Gewerkschaften in den anderen Branchen gestärkt werden.
  • Und das wird, am Rande bemerkt, nur dann funktionieren, wenn sich die Politik von der Vorstellung löst, eine „schwarze Null“ in Verbindung mit einer Schuldenbremse und einem europäischen Fiskalpakt sei die Krone der wirtschaftspolitischen Erkenntnis. Nein, der Staat kann, darf und soll Ausgaben mit Investitionscharakter (bis hin zu Gehältern für Lehrer) kreditfinanzieren.
  • Helfen Sie mit, den Mindestlohn im Sinne des erforderlichen Wachstums der Lohnstückkosten jährlich zu dynamisieren. Kämpfen Sie gegen alle Ausnahmeregeln beim Mindestlohn.
  • Hören Sie auf, die bewährten Journalisten und Professoren zu gut honorierten Vorträgen und Gutachten einzuladen, damit die die EZB und die niedrigen Zinsen als Teufelszeug beschimpfen. Man kann diese Quengeltaktik zwar verstehen, aber sie wird Sie nicht retten.
  • Und sorgen Sie dafür, dass in unseren Zeitungen, Fernsehsendern und Internetmedien die Argumente zugunsten einer vernünftigen Entwicklung der Arbeitseinkommen Raum bekommen. Gewiss wollen wir nicht zurück in die siebziger Jahren mit zweistelligen Zuwachsraten, aber inzwischen könnte man denken, das Wort Lohnpolitik sei verboten worden oder aus anderen Gründen in Vergessenheit geraten. Lösen Sie sich von der schönen, aber falschen Vorstellung, der „Markt“ sorge dafür, dass die „richtigen“ Löhne herauskommen. Das Gegenteil ist richtig, die immer knapper kalkulierten „Marktlöhne“ in Verbindung mit der deutschen „Flexibilisierungspolitik“ der letzten zwei Jahrzehnte sind der Sargnagel unserer Versicherungen. Ein britischer Ökonom drückte das kürzlich so aus, dass Arbeitsmärkte nicht nur zu rigide, sondern im anderen Extrem auch zu flexibel sein können. Das klingt vielleicht beim ersten Lesen ungewohnt, aber der Mann hat recht.

Die Alternative wäre, sozusagen verstockt bei einem Ansatz zu bleiben, der Ihnen mehr und mehr die Luft zum Atmen nimmt. Irgendwann werden Sie, ähnlich wie bei notleidenden Banken bereits geschehen, die Politik um Rettungsmaßnahmen bitten müssen. Keine schöne Aussicht. Kommen Sie lieber zu uns.

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