Öl-Schwaden vernebeln den Verstand

Wenn’s um Öl geht, dann stellt sich bei vielen Leuten irgendwie automatisch ganz schnell das Hirn ab. So sagt der Verband der Mineralölwirtschaft laut Handelsblatt: Mit dem Ölpreisverfall seien „die Prognosen widerlegt, wonach der Rohstoff Öl immer knapper und teurer werden muss“. Die bestätigten Ölreserven seien seit dem Jahr 2000 um 70 Prozent auf 240 Milliarden Tonnen gestiegen. Grund sei der technische Fortschritt sowohl beim Auffinden als auch bei der Förderung aus zuvor schwer erschließbaren Ölfeldern. „Öl ist reichlich vorhanden. Das hohe Angebot hat dazu geführt, dass Öl inflationsbereinigt nicht mehr kostet als vor drei Jahrzehnten“.

Da fragt man sich, warum das alles genau seit Juni 2014 gilt, weil doch bis dahin der Preis immer noch extrem hoch war. In der Tat stimmt es wohl, dass Öl seit vielen Jahren reichlich vorhanden ist, und es stimmt auch, dass es seit einigen Jahren ein hohes Angebot an Öl gibt und sogar eines, das tendenziell grösser war als die Nachfrage. Die Läger waren meist voll und Saudi-Arabien, der größte und flexibelste Anbieter, hat nach der Finanzkrise jahrelang versucht, den Ölpreis mit einem hohen Angebot zu drücken, aber ohne Erfolg. Wieso hat das alles bis Juni 2014 keine Auswirkungen auf den Preis gehabt?

Die Abbildung zeigt die Preisbewegungen seit 1990. Es ist klar, dass es genau seit der Zeit, in der die Ölreserven laut dem Verband so beträchtlich gestiegen sind, also seit Anfang der 2000er Jahre, beim Preis fast immer nur nach oben ging. Vor allem im Zuge der generellen spekulativen Übertreibungen von Mitte der 2000er Jahre bis zur Finanzkrise 2008 stieg der Preis sehr stark, stürzte dann zusammen mit den anderen Finanzmarktpreisen ab und erholte sich auch genau wie die Finanzmarktpreise wieder, um erst jetzt erneut einzubrechen.

Man muss sich vorstellen, das sind jetzt fast zehn Jahre, in denen der Preis offenbar nicht beeinflusst war von dem „reichlich vorhandenen Öl“.

Abbildung

oelpreis

Wie kann das sein? Nun, es kann einfach nicht sein, wenn man an der These festhält, Angebot und Nachfrage nach physisch vorhandenem Öl bestimmten den Preis. Es kann nur dann sein, wenn sich, wie wir das hier seit Jahren sagen, der Ölpreis auf einem finanzialisierten Ölmarkt von Angebot und Nachfrage total abgekoppelt hatte.

Man kann sich natürlich wie Lucas Zeise auf die putzige Position zurückziehen, das „Spielgeld“ auf den Finanzmärkten sorge nur für „Übertreibungen und Verzögerungen beim Auf und Ab der Preise“, habe aber keinen Einfluss auf die wesentlichen Bestimmungsfaktoren von Angebot und Nachfrage. Klar, langfristig sind wir alle tot. Wir haben zwar seit zehn Jahren irrsinnige Milliardenbeträge zu viel bezahlt für Öl, aber das waren nur kurzfristige Ausschläge, jetzt, in der langen Frist, kommt der wahre Kern des Marktes zum Vorschein. Man muss das Argument einmal auf Nahrungsmittelmärkte, auf Weizen vielleicht, übertragen, um zu sehen, wie absurd es ist.

In der Tat sind, ich habe es im April 2014 schon empirisch gezeigt, die finanziellen Akteure an den Rohstoffmärkten systematisch auf dem Rückzug. Das bedeutet, dass das große Ölangebot jetzt voll zum Zuge kommt und die Preise sich normalisieren. Das bedeutet aber auch, und darüber müssten jetzt alle schreiben, denen der Markt und die Marktwirtschaft ein Anliegen ist, dass wir eine jahrelange Verzerrung eines der wichtigsten Preise auf dieser Welt gesehen haben, eindeutig verursacht von den Finanzmärkten. Das war unglaublich teuer und hat unglaublich großen Schaden für die Weltwirtschaft verursacht. Und es verursacht jetzt erneut einen gewaltigen Schaden, weil all die Investitionen, die auf der Erwartung eines dauerhaft hohen Ölpreises aufgebaut waren, quasi über Nacht massiv an Wert verlieren.

Dazu gehören natürlich auch viele Investitionen in erneuerbare Energiequellen. Diejenigen, denen erneuerbare Energie ein großen Anliegen ist, müssen erkennen, dass die Tatsache, dass man den Ölpreis den Finanzmärkten überlassen hat, den erneuerbaren Energien eine Scheinblüte beschert hat, die jetzt sehr rasch verschwindet. Die gesamte Weltklimapolitik mit ihrem Versuch, so wenig wie möglich fossile Rohstoffe zu verbrennen, hat zumindest implizit darauf gesetzt (oder gehofft), dass die Ölpreise gerechtfertigt sind und etwa so hoch bleiben wie sie Ende der 2000er Jahre gewesen sind.

Fazit hinsichtlich der „Übertreibungen und Verzögerungen beim Auf und Ab der Preise“: Gewaltige Fehlinvestitionen, gewaltige und vollkommen ungerechtfertigte Umverteilung von Einkommen von den Konsumenten zu den Produzenten von Öl und eine Weltklimapolitik, die scheitert, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Aber wie lautet das Credo der Marktapostel? Langfristig hat das keine Auswirkungen, da wird schon automatisch alles gut werden, weil der Markt ja den richtigen Preis findet.

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