Wenn alle Währungen weich werden – Aufgelesen bei … der FAZ

Gestern hatten wir über die Gefahr eines Währungskrieges gesprochen und auch das Land identifiziert, von dem alle hoffen, es werde eine fast beliebig hohe Aufwertung seiner Währung und dauerhaft riesige Leistungsbilanzdefizite akzeptieren, die USA. Auch die FAZ hat am gleichen Tag die Bedeutung des Themas erkannt und sich Gedanken über die Abwertung des Euro gemacht.

Dabei ist leider eine Kleinigkeit schiefgegangen, wie das folgende Zitat zeigt: „Das Problem dabei [gemeint ist die Abwertung, Anm. d. Verf.]: Wenn alle Staaten so vorgehen und ihre Exportwirtschaft fördern, indem sie ihre Währung abwerten lassen, funktioniert das Ganze nicht mehr. Wenn alle Staaten ihre Währung weicher machen, um Vorteile im Export zu haben, hat man am Ende nur weiche Währungen – und keinen Vorteil mehr. Richtig dramatisch wurde ein solcher Abwertungswettlauf in der Zeit zwischen den Weltkriegen – das ist bis heute ein abschreckendes Beispiel.“

Das hat mich dann doch zu einem kleinen offenen Brief animiert.

„Liebe FAZ,

die schwäbische Hausfrau liebt ihr über alles, wie ich weiß, und ihr findet, dass jeder, der ihren engeren Dunstkreis verlässt, ein linker Spinner ist. Aber sei’s drum, ich möchte euch dennoch auf einen klitzekleinen Fehler in dem gestrigen Artikel hinweisen: Alle Währungen können nicht gleichzeitig weich werden.

Der Wechselkurs jeder Währungen dieser Welt ist immer im Verhältnis zu einer anderen Währung definiert, deswegen heißt er „Wechselkurs“. Wenn also eine Währung stark wird, wird automatisch die andere, in der die starke Währung ausgedrückt wird, schwach. Wenn der Wert des Schweizer Franken ausgedrückt in Euro steigt, fällt der Wert des Euro gegenüber dem Schweizer Franken in genau dem gleichen Maße. Auch wenn alle mit Gewalt versuchen, ihre Währung zu schwächen, geht es nicht für alle, weil die Logik nicht mitspielt. Mindestens eine Währung muss aufwerten, wenn alle anderen abwerten.

Das gleiche gilt übrigens auch bei anderen interessanten Themen, an denen sich die FAZ immer mal wieder versucht. Leistungsbilanzdefizite können alle nur abbauen, wenn wenigstens einer auch seine Überschüsse verringert (die Schweiz wird jetzt in letztere Kategorie fallen, weil ihre Währung so hart geworden ist). Positive Außenbeiträge, wie Deutschland sie gerade wieder im vergangenen Jahr bei seinen 1,5 Prozent Wachstum verzeichnet hat, gibt es auch nur, wenn wenigstens einer auf der Welt die entsprechend negativen Beiträge verbucht. Auch die Wettbewerbsfähigkeit ist so ein Thema: Alle zusammen können ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht gleichzeitig steigern, mindestens einer muss dann seine verringern. Genauso verhält es sich mit Marktanteilen: Nicht alle Marktteilnehmer können ihre Marktanteile steigern. Übrigens kann auch die Volkswirtschaft als Ganzes nicht sparen, weil jeder, der sparen will, auch einen finden muss, der sich verschuldet.

Selbstverständlich gibt es Dinge, die alle gleichzeitig tun können, z.B. wachsen oder schrumpfen, produktiver werden oder unproduktiver, länger arbeiten oder kürzer, weniger Kinder bekommen und dadurch als Gesellschaft altern oder sich verjüngen. Ob alle das Gleiche gleichzeitig tun und das erstrebte Ziel erreichen können oder nicht, hängt davon ab, ob es sich bei der fraglichen Kategorie um relative oder absolute Dinge handelt. Um es an einem der genannten Beispiele klar zu machen: Ein Markt kann wachsen, die Summe seiner Anteile bleibt aber immer 100 Prozent.

Ich vermute stark, die klugen Köpfe, die hinter euren Beiträgen sitzen, wissen das alles. Sie schieben es halt nur manchmal beiseite, weil es so mühsam ist, es der schwäbischen Hausfrau immer und immer wieder zu erklären. Dass es nicht den Interessen derer dienen könnte, die man vertreten möchte, will ich natürlich nicht unterstellen. Deswegen nichts für ungut, das nächste Mal passt ihr ein wenig besser auf. Mein Ratschlag: Macht ab und zu so kleine Fingerübungen in Sachen gesamtwirtschaftlicher Logik in der Redaktion, dann passiert so etwas in Zukunft nicht so leicht. Und wenn alle paar Tage die schwäbischen Hausfrauen gegen dieses gesamtwirtschaftliche Geschwätz protestieren, dann macht ihr einfach eine neue Rubrik im Wirtschaftsteil auf, die da heißt: Was die schwäbische Hausfrau schon immer über Wirtschaft wissen wollte und nie zu fragen wagte.“

Mit den besten Grüßen

Euer Heiner Flassbeck

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