Der deutsche Konsum: Prass-Rausch oder Spar-Orgie?

Bevor wir nächste Woche unsere eigene Prognose für das Jahr 2015 veröffentlichen, möchte ich  auf eine Tatsache hinweisen, die mir im Zusammenhang mit der Diskussion im österreichischen Fernsehen am 25. Januar aufgefallen ist. Dort hatte Dirk Müller sinngemäß gesagt, die Deutschen könnten doch einfach ihr gesamtes Geldvermögen (von etwa 5 Billionen Euro) zum Einkaufen nutzen. Weil ich bei der Aussage fast vom Hocker gefallen bin, haben Leser vermutet, ich würde die Idee der Umlaufsicherung nicht kennen, wo durch einen negativen Zins dafür gesorgt wird, dass keine Ersparnisse gebildet werden, sondern der Rubel rollt (Silvio Gsell lässt grüßen).

Auf der anderen Seite warnen „Experten“, wie die Bild-Zeitung berichtet, davor, dass die Deutschen ihr ganzes Geld verprassen. Von einem „Prass-Rausch“ war die Rede und davon, dass es ohne Ersparnisse der nächsten Generation schlecht gehen werde. Experte war hier zum Beispiel Max Otte.

Was stimmt denn nun? Dazu ein kleiner Faktencheck. Der deutsche Einzelhandel hat das Jahr 2014 mit einem im Vergleich zu den Vorjahren nicht schlechten Ergebnis abgeschlossen. Wie die Graphik zeigt, ist der Umsatz des deutschen Einzelhandels real zum ersten Mal seit vielen Jahren wirklich ein klein wenig gestiegen und auch nominal geht es etwas steiler bergauf als zuvor. Das Prass-Rausch zu nennen, ist allerdings ein schlechter Witz, wenn man sieht, wie groß der Bruch im realen Konsum seit den neunziger Jahren ist. Prass-Rausch war vielleicht in den achtziger Jahren, danach nicht mehr.

Der Anstieg des Einzelhandelsumsatzes liegt, wie wir schon Anfang des vergangenen Jahres erwartet haben, daran, dass zum ersten Mal seit sehr langer Zeit die Realeinkommen auch gestiegen sind. Das wiederum ist vor allem die Folge weniger stark gestiegener Preisen bei immer noch moderat steigenden Nominaleinkommen.

einzelhandel

Das heißt, wenn die Bürger in Deutschland mehr Einkommen zur Verfügung haben, dann geben sie das auch weitgehend aus. Gleichwohl liegt die Sparquote der privaten Haushalte, also der Teil des verfügbaren Einkommens, der nicht ausgegeben wird, auch in diesem Jahr vermutlich ziemlich stabil bei 9 Prozent. Und das bei sehr niedrigen und zum Teil sogar negativen Zinsen!

Daraus folgt, dass es, erstens, gar nicht so einfach ist, die Menschen davon abzubringen, einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens zu sparen, und, zweitens, dass die Vorstellung abenteuerlich ist, man könne bei negativen Zinsen erwarten, dass nicht nur die Sparquote bei den laufenden Einkommen auf Null sinkt, sondern sogar negativ wird, was heißen würde, dass die Bürger wirklich ihre in der Vergangenheit angehäuften Ersparnisse abbauen.

Wenn aber auch bei extrem niedrigen Zinsen weiter in fast unverändertem Maße Ersparnisbildung angestrebt wird, geht kein Weg an der einfachen Erkenntnis vorbei, dass nur eine entsprechende Verschuldung in anderen Sektoren der Volkswirtschaft die restriktive Wirkung der Ersparnisbildung auf die Bildung der Einkommen aufheben kann (dazu noch in dieser Woche in einem Teil unserer Geldserie mehr).

Leider aber herrscht in den Köpfen unserer Politiker und auch vieler „Experten“ immer noch die Vorstellung vor, dass sich Ersparnisse von allein in Investitionen verwandeln und sie daher keinerlei restriktive Wirkung auf die Einkommensentstehung, also die Produktion haben, sondern Vorsorge für die Zukunft darstellen. Solange dieses Denken die deutsche Wirtschaftspolitik beherrscht, wird es zu keiner durchgreifenden Belebung der privaten und öffentlichen Investitionen in Deutschland und in Europa kommen.

 

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