Die konservative Mehrheit des Sachverständigenrates scheut im Fall Griechenlands nicht vor einer Manipulation von Zahlen zurück

Vier Mitglieder des Sachverständigenrates (SVR) – alle außer Peter Bofinger – und der Generalsekretär des SVR haben in einem gemeinsamen Artikel die neue griechische Regierung davor gewarnt, in alte Muster zurückzufallen und die Austeritätspolitik der letzten Jahre aufzugeben.

Sie versuchen nachzuweisen, dass es nicht die von der Troika verordnete Austeritätspolitik war, die den starken und anhaltenden Einbruch von Produktion und Arbeitsmarkt in Griechenland mit sich gebracht hat, sondern allein von der griechischen Regierung zu verantwortende Maßnahmen in Kombination mit den vorhandenen und bekannten Problemen der griechischen Wirtschaft.

Der Beleg für diese These wird mit einem Vergleich der griechischen Wirtschaft mit der Wirtschaft solcher Länder zu bewerkstelligen versucht, die sich in den Augen der vier Wissenschaftler erfolgreich an Währungskrisen angepasst haben. Die Abbildung 1 unten (Original aus dem besagten Beitrag) zeigt diese Länder: Korea, Thailand, Estland, Lettland, Litauen und eben Griechenland. Von vorneherein unsinnig ist der Vergleich mit der Entwicklung in Thailand und Korea während der 1990er Jahre, da diese Länder zum einen ihre Währungen stark abgewertet hatten (was Griechenland bekanntlich nicht kann) und zum anderen mitten in einem weltweiten Aufschwung sehr rasch große Exporterfolge erzielen konnten. Eine derart positive internationale Situation ist derzeit keineswegs gegeben, so dass Griechenland heute nicht wie Korea und Thailand damals auf eine solche externe Triebfeder zurückgreifen könnte.

Daneben werden die drei baltischen Länder ab dem Jahr 2006 bis zum Jahr 2012 betrachtet. Diese Länder haben nicht abgewertet, konnten aber – nach Meinung der Autoren – durch flexible Anpassungsreaktion inklusive staatlicher Sparversuche eine rasche Wende einläuten, während Griechenland sowohl bei der Verbesserung seines Leistungsbilanzsaldos (linke Grafik) als auch beim Wachstum (rechte Grafik) weit hinter den anderen Staaten hinterherzuhinken scheint. Das zumindest soll wohl die Botschaft sein, die diese Abbildungen transportieren: Auch andere Länder hatten außenwirtschaftliche Probleme bei fixiertem Wechselkurs bzw. unter der Gemeinschaftswährung Euro und machten große Rezessionen durch, haben sich davon aber zügig wieder erholt dank großer Reformbereitschaft. Dass Griechenland eine solche Erholung bislang nicht gelungen ist, liegt, so der Tenor der Stellungnahme des SVR, an den grundlegenden strukturellen Problemen dieses Landes und der eben bislang nicht ausreichenden Reformen, keinesfalls aber an den Austeritätsauflagen selbst.

Abbildung 1

SVR Grafiken

Was ist dran an diesem empirischen „Beleg“? Zunächst einmal erstaunt, dass die Autoren den Ländervergleich zwischen Griechenland und den baltischen Staaten nicht für die gleichen Jahre anstellen, sondern zeitversetzt: Die Grafik stellt die Werte für die baltischen Staaten ab dem Jahr 2006 dar (das entspricht der -1 auf der horizontalen Achse), für Griechenland aber erst ab dem Jahr 2008. Und das, obwohl doch alle diese Länder von der Finanzkrise 2008/2009 getroffen wurden.

Wenn man sich die Mühe macht, die beiden Grafiken (ohne Korea und Thailand) „nachzubauen“, allerdings ohne die Zeitverschiebung, kommt für den Saldo der Leistungsbilanz folgendes heraus (vgl. Abbildung 2):

Abbildung 2

Abb 2 LeiBi ab 2006

Man sieht erstens, dass die baltischen Staaten vor der Finanzkrise ähnlich über ihre Verhältnisse gelebt, d.h. im Ausland erheblich Schulden gemacht haben wie Griechenland. Schaut man bis zum Anfang der Europäischen Währungsunion 1999 zurück (vgl. Abbildung 3), gilt das ganz besonders für Lettland, das in den Jahren 2006 und 2007 sogar Defizite von über 20% seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemacht hat.

Abbildung 3

Abb 3 LeiBi ab 1999

Das lag übrigens daran, dass die Löhne im Verhältnis zur Produktivität in Lettland und auch in dem Auslandsschulden anhäufenden Estland noch viel stärker gestiegen waren als in Griechenland, und daran, dass Estland ganz auf Wechselkursanpassungen verzichtete und Lettland nur sehr kleine Anpassungen vornahm, die keinesfalls genügten, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Dass diese Defizite im Zuge der Finanzkrise 2008/2009 relativ rasch korrigiert werden konnten, war dem unglaublich tiefen Einbruch der Wirtschaft im Baltikum geschuldet, der die Importe massiv schrumpfen ließ.

Zweitens kann man an den Abbildungen 2 und 3 sehen, dass es mit einer nachhaltigen Korrektur der Leistungsbilanzdefizite zumindest in Estland und Lettland nicht weit her ist: Seit 2011 liegen beide Länder durchgehend wieder im Minus bei durchschnittlich -2% (Estland) und knapp -3%  (Lettland) des BIP; Litauen liegt immerhin nur bei -0,5% im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2014. Aus der Grafik des SVR lässt sich dieser wenig rosige Stand im Baltikum nicht so recht ablesen, weil die Grafik ja für die baltischen Länder mit dem Jahr 2012 endet und noch Korea und Thailand im Gepäck hat.

Doch warum kam es in Griechenland nicht auch zu einer scharfen Korrektur des Leistungsbilanzdefizits? Hat der SVR nicht doch recht, dass das ein spezifisch griechisches Problem sein muss, wenn andere Länder solche Außenwirtschaftskrisen zu meistern in der Lage sind?

Auf diese Frage könnte die rechte Grafik in der Abbildung des SVR Antworten geben, in der es um das gesamtwirtschaftliche Wachstum geht. Könnte, wenn dort nicht die bereits erwähnte Zeitverschiebung zwischen den betrachteten Ländern eingebaut wäre. Durch sie entsteht nämlich der Eindruck, dass Griechenland viel weniger flexibel oder mit der falschen Politik auf die Krise reagierte, weswegen diese viel länger andauert. Denn der positive „Kick“, den die zum Vergleich herangezogenen Länder im Jahr 3 der Rechnung des SVR zustande gebracht haben, fehlt bei Griechenland komplett. Dort hängt die Wirtschaft im Jahr 3 mit – 6 ½ %, ja sogar noch im Jahr 4 der SVR-Nummerierung mit – 4% tief in der Rezession und hat sich erst im Jahr 5 bis zu einer schwarzen Null vorgearbeitet.

Lässt man die willkürliche, ja man ist geneigt zu sagen: manipulative Zeitversetzung der Daten im Beitrag des SVR für den Vergleich der BIP-Entwicklung weg, ergibt sich ein ganz anderes Bild (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4

Abb 4 BIP

Man sieht hier, dass die Krise in Griechenland 2008 / 2009 vergleichsweise viel milder begann als in den extrem exportorientierten baltischen Staaten. Daher brachen auch die griechischen Importe nicht so dramatisch ein wie im Baltikum und verbesserte sich folglich auch das Leistungsbilanzdefizit zunächst kaum. Im Jahr 2010, dem Jahr mit dem ersten „Hilfs“programm für Griechenland, änderte sich die Situation: Die griechische Wirtschaft schrumpfte erneut um fünf Prozent, während Estland und Litauen (Lettland noch nicht) nach ihrem extremen Einbruch wieder leicht positive Zuwachsraten aufwiesen. Nach zwei weiteren „Programmjahren“, in denen die griechische Wirtschaft noch weiter abstürzte (2011 waren es -9 % und 2012 noch einmal – 6 ½ %), verbesserte sich das griechische Leistungsbilanzdefizit auf -4 % des BIP.

Bezieht man in die Betrachtung die EWU insgesamt mit ein (vgl. Abbildung 5), sieht man, dass die griechische Entwicklung bis 2009 sogar genau dem EWU-Durchschnitt entsprach und erst danach nach unten abwich.

Abbildung 5

Abb 5 BIP mit EWU

Was in Griechenland geschehen ist, wird noch klarer, wenn man ausgehend vom gleichen (!) Basisjahr (hier 2005) für den Vergleich der BIP-Entwicklung die kumulierten Wachstumsraten in Form eines Indexes heranzieht (vgl. Abbildung 6).

Abbildung 6

Abb 6 BIP Index

Jetzt wird deutlich, dass Griechenland, Estland und Lettland nach unterschiedlich starkem Wachstum bis 2008 und unterschiedlich starkem Einbruch 2009 im Jahr 2010, also dem Übernahmejahr der Troika, gerade wieder auf dem Niveau von 2005 landeten. Nur Litauen lag etwas darüber. Erst dann stürzte Griechenland weiter ab, während sich die baltischen Länder – übrigens massiv gestützt von der EU – erholten.

Die zweite Argumentationslinie der Autoren gegen Griechenland ist die, es sei gar nicht die Troika gewesen, von der die Austeritätspolitik verordnet wurde, sondern die jeweiligen griechischen Regierungen.

Sie schreiben: “What particular kind of reforms would be implemented and who would bear the cost of adjustment was entirely determined by the Greek government. Reforms only had to add up to a sufficient overall adjustment. The implementation plans devised by the Greek government were to be supervised by the creditors, aka the Troika, but not dictated in detail.” (Welche Art von Reformen umgesetzt würden und wer die Kosten der Anpassung tragen müsste, war vollständig von der griechischen Regierung bestimmt. Die Reformen mussten nur zu einer insgesamt zufriedenstellenden Anpassung führen. Die Umsetzungspläne der griechischen Regierung wurden von der Troika nur überwacht, aber nicht im Detail diktiert.)

Ob das einfach Unwissen und Naivität ist oder eine erneute bewusste Manipulation, wollen wir dahingestellt sein lassen. Jeder, der diese Prozesse kennt und sich eingehend mit ihnen beschäftigt hat, weiß, dass die Memoranden und die letters of intend, die die Regierungen unterschreiben (müssen), zu einhundert Prozent von den Geldgebern (dem IWF oder der Troika) diktiert werden. Wir haben das hier am Beispiel der Rentenreform gezeigt.

So bleibt es dabei (darauf haben wir vergangene Woche hingewiesen und wir werden das Morgen anhand der Prognoseirrtümer des IWF nach einmal vorführen), dass es die Politik der Troika war, die Griechenland in diese tiefe Krise getrieben hat. Das erste Griechenland-Memorandum wurde im Mai 2010 verabschiedet und danach ging es erst richtig bergab.

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