Ein Leser aus Kiel schreibt an das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und bekommt eine erstaunliche Antwort

Einer unserer Leser aus Kiel hat sich auf unseren Beitrag über das IfW und die Wirtschaftswoche hin direkt an das Institut gewandt und um eine Stellungnahme zu unserer Kritik gebeten.

Daraufhin schreibt ein Mitarbeiter des Instituts unter anderem folgendes: „In diesem Zusammenhang scheint mir unsere Formulierung „Die Partnerländer im Euroraum partizipieren damit zunehmend von der robusten deutschen Konjunktur“ durchaus angemessen zu sein, da ein Anstieg des Anteils ja nichts anderes bedeutet, dass der Anstieg der Importe aus dem Euroraum höher war als der Anstieg aus den anderen Ländern. Vieles spricht dafür, dass sich diese Tendenz vorerst fortsetzen wird (nicht zuletzt die Abwertung des Euro) bei gleichzeitig wahrscheinlich anziehenden Importen in Deutschland.“

Das ist eine tolle Antwort! Wenn die Partner in Euroland einen größeren Zuwachs bei ihren Exporten nach Deutschland verzeichnen als die Entwicklungs- oder Schwellenländer, dann darf man schon sagen, dass sie „zunehmend von der robusten deutschen Konjunktur partizipieren“? Und das soll ganz unabhängig von den Exporten Deutschlands in die Länder der Eurozone sein? Nicht zu reden von den Drittmarkteffekten?

Man fragt sich, warum das IfW wie alle anderen Institute auch (zum Beispiel im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose) ausrechnet, wie sich der Außenbeitrag verändert (also der Saldo von Exporten und Importen), wenn geklärt werden soll, ob der deutsche Außenhandel anregend auf die deutsche Konjunktur wirkt oder nicht. Niemand beantwortet die Frage, wie der Außenhandel auf die Konjunktur wirkt, anhand der Importentwicklung oder anhand des Vergleichs der Importentwicklungen verschiedener Länder. Warum sollte das für die Länder im Euroraum anders sein?

Ob z.B. Frankreichs Wirtschaft durch den Außenhandel einen positiven Konjunkturimpuls erhält oder eine negativen, hängt davon ab, ob sein Außenbeitrag wächst oder sinkt. Und wieviel von diesem positiven oder negativen Impuls direkt von Deutschland stammt, kann man am bilateralen Saldo zwischen beiden Ländern ablesen; wie groß der über die Drittmärkte vermittelte, sozusagen indirekte Impuls ist, lässt sich nicht so einfach statistisch messen, obwohl es ihn natürlich gibt.

Die Importbetrachtung, die das IfW anstellt, müsste im Umkehrschluss für Deutschland dann z.B. so lauten: Nimmt der Anteil deutscher Exporte nach China an allen chinesischen Importen zu und der Anteil deutscher Importe aus China an allen chinesischen Exporten ab, dann erhält Deutschland positive Konjunkturimpulse aus China. Das aber ist zu kurz gedacht, weil es für eine solche Aussage natürlich auf die absoluten Ausgangswerte der deutschen Exporte und Importe nach und von China ankäme. Von den Drittmarkteffekten ganz zu schweigen: Denn wenn China Deutschland auf anderen Auslandsmärkten Nachfrage abjagt, wäre das ein negativer Impuls für Deutschland, der zwar nicht in der bilateralen Handelsbilanz zwischen China und Deutschland sichtbar würde, de facto aber von China ausginge. Mit der Darstellung einer solchen Konstellation etwa von chinesischer Seite nach dem Motto „Deutschland profitiert von der chinesischen Konjunktur“ wäre man hierzulande sicher nicht einverstanden – und zwar zu recht.

Mit einem einfachen Zahlenbeispiel wollen wir zeigen, dass die Anteilsbetrachtung, die das IfW der Presse in seiner Medieninformation präsentiert hat, irreführend ist.

Wenn deutsche Importe im ersten Jahr 2000 Mrd. betrügen und dann um 200 Mrd. Euro im zweiten Jahr zulegten und zugleich deutsche Exporte nach 2200 Mrd. im ersten Jahr auf 2500 Mrd. im zweiten stiegen, dann nähme der deutsche Überschuss insgesamt von 200 Mrd. (2200 – 2000) auf 300 Mrd. (2500 – 2200) zu.

Läge der Anteil der Importe Deutschlands aus dem Euroraum anfangs bei 40 % (also 0,4 * 2000 = 800 Mrd.) und dann bei 40,5% (also 0,405 * 2200 = 891 Mrd.), heißt das noch lange nicht, dass der Euroraum einen positiven Konjunkturimpuls aus Deutschland bekommen hat. Das hängt nämlich ganz davon ab, wie sich im Vergleich zu den Importen die deutschen Exporte in den Euroraum und auf den Drittmärkten entwickelt haben.

Angenommen, zuerst sei der Anteil der Exporte Deutschlands in den Euroraum an allen deutschen Exporten 40% gewesen (von 2200 Mrd. sind das also 880 Mrd.), so dass der Euroraum mit Deutschland zunächst 880 – 800 = 80 Mrd. Miese gemacht hat. Dann sinke der Anteil deutscher Exporte in den Euroraum an allen deutschen Exporten auf 39,5% (das sind von 2500 Mrd. dann 987,5 Mrd.). Daraus ergibt sich, dass der Euroraum im zweiten Jahr 987,5 – 880 = 107,5 Mrd. Miese macht und damit um 16,5 Mrd. Miese mehr als zuvor. Das wäre also allein schon bei der Betrachtung der bilateralen Salden zwischen Deutschland und dem Euroraum ein negativer Konjunkturimpuls.

Die Anteilsverschiebung suggeriert das Gegenteil, sie besagt aber in Wirklichkeit nichts.

Die Zahlen der Deutschen Bundesbank zeigen für die Jahre 2008 bis 2013 einen Rückgang des positiven Außenbeitrags Deutschlands mit dem Euroraum, da hat das IfW durchaus recht: Der Überschuss aus dem Handel mit Waren und Dienstleistungen, den Deutschland mit dem Euroraum erwirtschaftet, ist von seinem Spitzenwert von 94 Mrd. Euro im Jahr 2007 auf gut 12 Mrd. Euro im Jahr 2013 gefallen, was für sich allein betrachtet positive Impulse für die EWU-Partner in diesen Jahren darstellt. Mit diesem Rückgang dürfte es aber 2014 vorbei sein. Die für die ersten drei Quartale 2014 vorliegenden Daten zeigen, dass der deutsche Überschuss beim Waren- und Dienstleistungshandel mit dem Euroraum wieder zugenommen hat und zwar um ein Drittel! Hochgerechnet auf das ganze Jahr 2014 könnte dieser Handelssaldo auf ca. 16 Milliarden steigen und damit eindeutig einen negativen Impuls für die EWU-Partnerländer liefern.

Doch selbst wenn Deutschland in bilateraler Betrachtung dem Euroraum positive Konjunkturimpulse vermittelte, also das Handelsdefizit gegenüber Deutschland schrumpfte, muss das nicht für den gesamten Außenhandelssaldo der Europartner gelten, den Deutschland über die Drittmärkte beeinflusst.

Nimmt Deutschland den Europartnerländern nämlich auf außereuropäischen Drittmärkten Nachfrage weg, d.h. stagniert oder sinkt gar die Nettonachfrage aus dem außereuropäischen Ausland nach Produkten aus dem Euroraum ausschließlich Deutschlands, dann erhalten die EWU-Partner von der außereuropäischen Konjunktur keinen oder sogar einen negativen Impuls für ihre Wirtschaft, der von Deutschland initiiert ist. Man muss also, um das herauszufinden, nachrechnen, ob der deutsche Überschuss mit dem außereuropäischen Ausland schneller, gleich schnell oder langsamer gewachsen ist als der Überschuss der restlichen EWU mit dem außereuropäischen Ausland. Wachsen beide gleich schnell, profitieren Deutschland und der Rest der EWU gleichermaßen. Wächst der deutsche Überschuss schneller, profitiert der Rest der EWU nicht so stark. Sinkt der Überschuss des Rests der EWU mit dem außereuropäischen Ausland sogar, erhält die Konjunktur der restlichen EWU-Länder wie gesagt einen Dämpfer.

Ob ein solcher Dämpfer tatsächlich von Deutschland, dem Nettoexportweltmeister, ausgegangen ist, lässt sich nicht so ohne weiteres statistisch feststellen, aber es ist sehr wahrscheinlich. Als alternative „Schädiger“ kommen nämlich nicht mehr sehr viele andere Staaten in Frage, weil nicht so viele Staaten so hohe und steigende Exportüberschüsse erzielen wie Deutschland.

Es bleibt dabei: Deutschland schädigt mit seinen dauernd steigenden Außenbeiträgen die konjunkturelle Entwicklung im Rest der Welt und darunter mit großer Sicherheit auch die der EWU-Partner.

Nehmen wir aber einmal an, dass die EWU-Partner tatsächlich nicht von den steigenden deutschen Außenbeiträgen konjunkturell geschädigt würden, also weder bilateral direkt noch auf Drittmärkten indirekt, sondern dass sie tatsächlich an der deutschen Nettoexportschwämme teilhätten, indem sie viele von Deutschland importierte Vorprodukte lieferten. Was hieße das dann für den Rest der Welt? Ganz einfach, dass es dem Rest der EWU-Länder zunehmend gelingt, die deutsche beggar-my-neighbour-Politik zu kopieren. Das ist dann aber kein Partizipieren an einer robusten deutschen Konjunktur, sondern die Teilnahme an einer verheerenden Ungleichgewichtsstrategie. Das IfW rechnet möglicherweise genau damit, denn es weist ja extra auf die exportunterstützende Wirkung der Abwertung des Euro hin. Der Rest der EWU kann sich dann darauf gefasst machen, demnächst zusammen mit Deutschland in der G 20 Runde auf der Anklagebank zu sitzen.

Die Veränderung des Außenbeitrages ist in der Tat – das ist weltweit anerkannt – das einzig relevante Maß für konjunkturelle Impulse aus dem Außenhandel. Das heißt, nur wenn sich der Saldo in Zukunft zugunsten der Partnerländer Deutschlands verkehrt (also unsere Überschüsse insgesamt sinken und sich deren Defizite insgesamt verringern), kann man ernsthaft von positiven konjunkturellen Impulsen reden. Von einem solchen Umschwung ist Europa aber ganz offenbar weit entfernt, ja die Bundesregierung setzt sogar auf weiter steigende deutsche Außenbeiträge gegenüber der gesamten Welt. Das bedeutet, dass auch unsere Nachbarn weiter mit negativen Impulsen rechnen müssen, also wie der Rest der Welt weiter unter der deutschen Politik leiden dürften.

Für ein Institut mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ist es ein Armutszeugnis, dass es irreführende Zahlen in die Welt setzt und sich einreiht in die Phalanx derer, die die deutsche Position mit jeder nur denkbaren Begründung auf Teufel komm raus verteidigen.

 

P.S.: Wir werden auf den Unterschied zwischen Leistungsbilanzsalden und Außenbeitrag und dem damit verbundenen Unterschied zwischen Verschuldung und konjunkturellem Impuls demnächst noch näher eingehen.

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