Wachstum nach Art der OECD… Aufgelesen in der NZZ

Wie die NZZ aus Istanbul berichtet, haben sich Finanzminister und Notenbankgouverneure der 20 grössten Industrie- und Schwellenländer G-20 ehrgeizige Ziele gesetzt. Gestützt auf eine Analyse des OECD-Generalsekretärs Angel Gurria wollen sie das Tempo der Strukturreformen vorantreiben und so das Wirtschaftswachstum „bis 2018 um zusätzliche 2 Prozentpunkte“ ankurbeln. Die Analyse in Kurzfassung und in der Version der NZZ: „Die Ökonomen der Pariser Organisation bezeichnen die Arbeitsproduktivität als Hauptantriebskraft für ein langfristiges Wachstum.“ Und weiter: Es gehe darum, die Umverteilung von Kapital und „Arbeitskräften in Sektoren mit der grössten Produktivität zu erleichtern.“

Das ist zunächst trivial, denn was sollte sonst das Wachstum antreiben als das Wachstum? Produktivität heißt ja nur Wachstum pro Kopf oder besser pro Arbeitsstunde der Beschäftigten. Bei der Frage, was die Produktivität antreibt, gehen dann die Meinungen der Ökonomen schon auseinander. Einig sind sich noch viele, dass man neue und erfolgreiche Investitionen in Sachanlagen braucht, wie man die aber bekommt, da scheiden sich dann endgültig die Geister zwischen denen, die glauben, die Investitionen fielen quasi vom Himmel, wenn man nur genug „reformiere“, und denen, die davon ausgehen, die Investoren brauchten gute Nachfrageerwartungen, um auf neue Kapazitäten zu bauen.

In seltsamem Kontrast zur Hoffnung auf die Produktivität dazu steht allerdings bei der OECD die Tatsache, dass sie bedauert, dass die Reformen zur Vergrößerung der Lohnflexibilität („reforms to increase wage flexibility“) nicht so zügig weitergingen wie in den Jahren 2011 und 2012. Genannt werden dabei Griechenland, Portugal und Spanien, die damals besondere Anstrengungen unternommen hätten. Diese Länder werden von der OECD aufgefordert, die Anstrengungen fortzusetzen.

Zunächst kann man auf der Basis eines solchen Weltbildes eigentlich nicht erwarten, dass die Produktivität steigt, denn Lohnflexibilität, was ja zumeist nichts anderes heißt als Lohnkürzung, geht ja in einem neoklassischen Weltbild ja nicht mit höherem Produktivitätsfortschritt einher, sondern mit geringerem. Die Idee der Lohnflexibilität ist ja, arbeitsintensive Produktionen zu bevorteilen gegenüber kapitalintensiven.

Zum anderen könnte man auch in Paris mitbekommen haben, dass Griechenland, Portugal und Spanien gerade keine Erfolgsgeschichten sind. Die massiven Lohnkürzungen dort sind nämlich nicht mit mehr Jobs einhergegangen, sondern mit einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit, also einem Verlust an Jobs. Bevor man das nicht erklärt hat – und die OECD mit ihrem neoklassischen Weltbild kann es sicher nicht erklären – sollte man zu solchen Fragen besser schweigen.

Umverteilung in die Sektoren mit der größten Produktivität gibt es aber weder in der neoklassischen Welt noch in der, wo sinkende Löhne Jobverluste bedeuten. Aber auch jenseits all dessen ist das eine seltsame Vorstellung von Marktwirtschaft. Bisher dachten wir, es käme auf die Wünsche, Bedürfnisse und die Nachfrage der Verbraucher an, wenn es darum geht, einer Produktion eine vorrangige Bedeutung zu verschaffen. Wenn man nun Planwirtschaft einführt, indem man Produktion und Kapital zu den produktivsten Sektoren umschichtet, zeitigt das schon sehr seltsame Ergebnisse.

Spielen wir das am Beispiel der Schweiz einmal konkret durch: Die grösste Produktivität von Arbeit und Kapital weist die Energieversorgung mit rund 800’000 Franken jährlicher Wertschöpfung pro Vollzeitstelle auf, gefolgt von der Versicherungswirtschaft mit rund 600’000 und den Finanzdienstleistungen mit rund 300’000 Franken. Mit rund 180’000 Franken Wertschöpfung pro Kopf gehört auch das verarbeitende Gewerbe (die Industrie) noch knapp zu den überdurchschnittlichen Erwerbszweigen, zu denen die OECD Personal und Kapital umschichten möchte. Umgekehrt müssten nach den Vorstellungen aus dem Paris Eifel- pardon Elfenbeinturm aus folgenden Branchen unproduktives Personal abgezogen werden: Sozialwesen und Gesundheit mit etwa 110’000, das Baugewerbe mit 100’000, das Gastgewerbe mit 60’000 und die öffentliche Verwaltung mit weniger als 50’000 Franken offiziell ausgewiesener Wertschöpfung pro Mitarbeiter. Von der Landwirtschaft müssen wir hier schon gar nicht reden.

Einverstanden. Die Zahlen mögen durch den unterschiedlich hohen Einsatz von Kapital und durch statistische Abgrenzungsprobleme leicht verzerrt sein. Dennoch illustriert das konkrete Beispiel trefflich die Betriebsblindheit der OECD-Ökonomen. Sie sind offenbar nicht imstande, vernünftige Bezüge zwischen ihrem Zahlen- und Datenmaterial und der realen Welt herzustellen. Wachstum ist für sie anscheinend ein Selbstzweck ohne Bezug zur Nachfrage, geschweige denn zu den realen Bedürfnissen. Hauptsache BIP – auch wenn am Ende nur noch Kraftwerke gebaut und Finanzdienstleistungen erbracht werden.

 

 

 

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