Yanis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister

Einige Leser bitten mich, eine klare Einschätzung zu Yanis Varoufakis, dem neuen griechischen Finanzminister, als Ökonomen-Kollege zu geben. Manche meinen auch, es sei angemessen, sich jetzt mit seinen früheren Schriften auseinanderzusetzen. Da bin ich allerdings ganz anderer Meinung.

Ganz im Sinne meines Papiers über die „Griechenland-Experten“ werde ich genau das nicht tun. Ich kenne Herrn Varoufakis recht gut, habe mehrfach mit ihm ernsthaft diskutiert und er hat mindestens zwei Mal einem Vortrag zugehört, wo ich meine Sicht der Dinge zur Eurokrise geschildert habe. Er hat mir jedes Mal versichert, dass er mit mir weitgehend übereinstimmt.

Wer ein solches Amt aus dem Stand, in seinem Fall aus einer akademischen Karriere heraus, übernimmt, wird zunächst überschüttet mit Informationen und Zusammenhängen, die man als Akademiker gar nicht kennen kann, ja, die man nicht einmal ahnt. Ich habe das beim Amtsantritt der Rot-Grünen Koalition 1998 erlebt. Vieles von dem, was man als Akademiker geglaubt und geschrieben hat, muss erst einmal den Praxistest überstehen, bevor man sieht, was davon wirklich in der Politik zu gebrauchen ist. In meinem Fall war das eine ganze Menge, aber ich war auch in den Jahren davor schon eng in die Politik eingebunden, was bei Yanis Varoufakis nicht der Fall war.

Wenn ich also anfinge, jetzt – nachdem er ein Amt hat – seine Schriften zu zerlegen, sähe das vielleicht aus wie ein akademisches Spiel, das keine politische Bedeutung hat. Aber wenn ich nur die leiseste Kritik äußerte, würde das in der Politik sofort verwendet werden, um ihm zu schaden. Ich werde ihm daher Zeit lassen und ihn an seinen Taten messen und ihn genau dann kritisieren, wenn ich glaube, die Dinge, die wir von außen beurteilen können, gehen in die falsche Richtung.

Das gilt genauso für den griechischen Premierminister Alexis Tsipras. Auch ihn kenne ich ganz gut. Er hat mich schon vor zwei Jahren nach Athen eingeladen und mir mitsamt seiner gesamten ökonomischen Mannschaft einmal fast drei Stunden zugehört, als ich meine Diagnose zur Eurokrise dargelegt habe. Auch auf der letzten Euro-Konferenz in Austin, Texas, war er zugegen. Auch da hatte ich die Gelegenheit, ihm zu sagen, wie eine europäische Strategie, die zur Überwindung der Krise führen kann, meines Erachtens aussehen müsste. Schließlich ist Costas Lapavitsas Abgeordneter von SYRIZA und bringt damit unsere gemeinsame Sicht der Dinge fortwährend in den politischen Prozess in Griechenland ein.

Also werde ich geduldig abwarten, bis ich Informationen aus erster Hand habe. Nach dem unvermeidlichen Chaos, mit dem der Prozess der Übernahme einer Regierung aus der Opposition heraus beginnt, werden sich erkennbare Strukturen und Strategien herausschälen. Dann ist genau die Zeit, wo man kommentieren und auch kritisieren muss. Ich bin da in der Tat ein gebranntes Kind. Die rot-Grüne Regierung wurde 1998 und bis zum Rücktritt des Finanzministers in einer Weise von den Pressehorden (man muss es so nennen, weil es eindeutig Herdenverhalten ist) attackiert, die jeder Beschreibung spottet – und das, obwohl überhaupt nicht klar war, was diese Regierung wirklich wollte und worauf sie sich würde einigen können. Die deutschen Medien, wie man jetzt am Beispiel Griechenland sieht, lernen nie etwas dazu. Wir werden uns in keiner Weise an dieser Kampagne beteiligen.

P: S.: Der englische Guardian hat vor einigen Tagen ein Stück gebracht, das vielleicht von Interesse ist, weil es Varoufakis und Flassbeck verknüpft. Die Nachdenkseiten haben es in deutsch übersetzt.

 

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