Griechische Löhne und polnische Produktivität – ein Faktencheck

Ein Leser weist uns darauf hin (danke dafür!), dass Professor Hans-Werner Sinn in der Sendung „Hart, aber fair“ am 16. 3. 2015 gesagt hat, die griechischen Löhne seien doppelt so hoch wie die polnischen, Griechenland müsse folglich eine doppelt so hohe Produktivität haben wie Polen, die griechische Produktivität sei „in Wirklichkeit aber nur ein Bruchteil davon“ (ab Stunde 1:02 für etwa drei bis vier Minuten; auf YouTube kann man es unter diesem Link aufrufen).

Das ist eine mehr als erstaunliche Aussage, einerseits in Hinblick auf die Fakten, andererseits in Hinblick auf das Verständnis der Funktionsweise einer Währungsunion. In einer Währungsunion reicht es nämlich schon, wenn ein Land Jahr für Jahr nur ein klein wenig über seine Verhältnisse lebt, um sich allmählich in eine unhaltbare Situation zu manövrieren. Das gilt umso mehr, wenn es in der gleichen Währungsunion ein anderes (womöglich großes) Land gibt, das weit unter seinen Verhältnissen lebt. Denn dann entwickelt sich die Wettbewerbsfähigkeit beider Mitgliedsländer auf Dauer eklatant auseinander, ohne dass der Wechselkurs der gemeinsamen Währung darauf adäquat reagieren kann: Für das eine Land, das unter seinen Verhältnissen lebt, müsste die Währung aufwerten, für das andere dagegen abwerten. Man braucht also gar keinen Vergleich zwischen zwei Ländern anzustellen, bei dem die Löhne in dem einen Land doppelt so hoch sind wie in dem anderen und die Produktivität im Gegensatz dazu nur einen Bruchteil beträgt. Um ein Problem zu konstatieren, wäre schon eine wesentlich geringere Diskrepanz ausreichend (wie sie etwa zwischen Deutschland und Frankreich besteht).

Doch für einen solchen Vergleich von Löhnen und Produktivität ein Land heranzuziehen, das nicht Mitglied der Währungsunion ist, geht am Problem vollkommen vorbei. Man stelle sich einmal vor, in der EWU hätte es nie ein Auseinanderlaufen der Lohnstückkosten und damit der Wettbewerbsfähigkeit der Mitgliedsländer gegeben. Was würde dann ein Vergleich von Löhnen und Produktivität mit Polen besagen? Liefen den EWU-Ländern die Löhne im Vergleich zur Produktivitätsentwicklung davon, während das in Polen nicht der Fall wäre, dann wäre die Inflationsrate in der EWU deutlich höher als in Polen. Mit dem Ergebnis, dass der Wechselkurs zwischen beiden Währungen eines Tages darauf reagieren würde. Vermutlich überschießend und von spekulativen Preisblasen überlagert, wenn er den freien Devisenmärkten überlassen bliebe, aber er würde reagieren.

Mit anderen Worten: Griechenlands Problem in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ist nicht Polen, sondern Deutschland. Hätte Griechenland kein Problem mit seiner Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland (und einigen anderen EWU-Mitgliedern, die ebenfalls unterbewertet sind), dann hätte es entweder (wie alle anderen Unionsmitglieder auch) kein Problem gegenüber Polen oder, wenn kurz- bis mittelfristig doch, dann hätten alle anderen Unionsmitglieder dieses Problem ebenfalls. Aber es ließe sich dank Wechselkurs lösen.

Insofern ist der Vergleich zwischen Griechenland und Polen unangebracht und wohl eher dem Bemühen geschuldet, möglichst plakativ darzustellen, wie völlig marode die griechische Wettbewerbsfähigkeit ist. Doch damit verhält es sich auch anders, als Hans-Werner Sinn behauptet, womit wir zu den empirischen Fakten kommen.

Richtig an Hans-Werner Sinns Aussage ist, dass die griechischen Löhne etwa doppelt so hoch wie die polnischen sind: Das Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit je abhängig Beschäftigten betrug 2013 in Polen – umgerechnet mit dem jahresdurchschnittlichen Wechselkurs von Zloty zu Euro – ungefähr 11 700 Euro pro Jahr, in Griechenland waren es ca. 22 900 Euro. (Wir verwenden Daten des Jahres 2013, weil wir auch noch eine Betrachtung pro Arbeitsstunde anstellen wollen, die aktuellen Zeitreihen der OECD zu den Arbeitsstunden aber momentan nur bis 2013 reichen.) Doch woher nimmt Hans-Werner Sinn die Aussage zu der griechischen Produktivität, die nur ein Bruchteil der polnischen sein soll?

Als Produktivität bezeichnet man üblicherweise das reale, also preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Erwerbstätigen oder pro Arbeitsstunde. Um einen absoluten Vergleich zwischen zwei Ländern mit unterschiedlicher Währung anstellen zu können, wie das Hans-Werner Sinn tut, muss man die Produktivität in derselben Währung ausdrücken. Das ist bei realen Größen nicht ganz einfach. Denn rechnet man eine preisbereinigte Zeitreihe wie etwa das reale polnische BIP in Zloty (zum Preis-Basisjahr 2010) mit dem Wechselkurs zwischen Zloty und Euro Jahr für Jahr in ein reales polnisches BIP in Euro um, hat man möglicherweise zweimal Preisbereinigung betrieben. Denn die Entwicklung des Wechselkurses kann mit Inflationsdifferenzen zwischen den betrachteten Staaten zu tun habe (oder sollte es zumindest).

Aus dieser empirischen Klemme gibt es zwei Auswege: Entweder man zieht hilfsweise das nominale BIP pro Kopf heran und rechnet es mit dem Wechselkurs in eine einheitliche Währung um. Dann hat man schon einmal einen ersten Eindruck von den nominalen Verhältnisse zwischen den betrachteten Staaten gewonnen. Oder man rechnet die Produktivitätszahl – gemessen in der ausländischen Währung (hier Zloty) – nur für ein Basisjahr (z.B. 2010) in Euro um und schreibt die Reihe dann mit den bekannten realen Wachstumsraten des BIP (in Landeswährung) fort.

Wir haben das einmal gerechnet und sind zu folgendem Ergebnis gekommen:

Tabelle1

Quellen: Ameco Datenbank, OECD.

Das nominale BIP pro Erwerbstätigen im Jahr 2013 ist in Griechenland mit ca. 47 000 Euro pro Jahr fast doppelt so hoch wie das polnische mit 25 600 Euro pro Jahr, was ziemlich gut zu den oben angegebenen Lohnrelationen passt. Bezogen auf die Arbeitsstunden ergibt sich für Griechenland ein Wert von 23,10 Euro, für Polen 13,35 Euro. Da kann das reale BIP pro Erwerbstätigen (also die Produktivität pro Kopf) in Griechenland aber nicht geringer sein als das polnische (außer, wenn das Preisniveau – umgerechnet in Euro –in Griechenland mehr als doppelt so hoch wäre wie in Polen, was nicht der Fall ist).

Zieht man das reale BIP auf der Preisbasis des Jahres 2010 heran und verwendet man den Wechselkurs von 2010, um das polnische BIP in Euro umzurechnen, ergibt sich beim realen polnischen BIP pro Erwerbstätigen für das Jahr 2013 ein Wert von etwa 25 200 Euro, beim griechischen ein Wert von 48 000 Euro (das ist ein wenig mehr als in der nominalen Rechnung, weil Deflation herrscht). Pro Arbeitsstunde der Erwerbstätigen kommen für Griechenland ca. 23,60 Euro heraus, für Polen 13,15 Euro. Zum Vergleich, Deutschland liegt bei 45,70 Euro, Frankreich bei 51,00 Euro (vgl. Abbildung 1). Die griechische Produktivität ist also fast doppelt so hoch wie die polnische und nicht etwa nur ein Bruchteil, wie Hans-Werner Sinn behauptet.

Abbildung 1

Bild1

Was nichts anderes heißt, dass sich in beiden Ländern Löhne und Produktivität sehr weitgehend entsprechen. Es kann nicht die Rede davon sein, dass Griechenland so maßlos über seine Verhältnisse gelebt hat, dass seine wirtschaftlichen Relationen vollkommen aus dem Ruder gelaufen sind.

Betrachtet man die Entwicklung der Produktivität im Zeitablauf, sieht man, dass die polnische Produktivität von einem im Vergleich zu den anderen dargestellten Ländern wesentlich niedrigeren Niveau aus gestartet ist und etwas aufgeholt hat. Das ist vollkommen normal (und doch erwünscht?!) zwischen Ländern, die unterschiedliche Entwicklungsniveaus aufweisen. Insgesamt hat Griechenland zu Beginn der Währungsunion eine gute Wachstums- und Produktivitätsleistung erbracht und ebenfalls aufgeholt gegenüber den drei großen EWU-Ländern. Im Durchschnitt der Jahre von 1999 bis 2008 (als die schwere Krise in Griechenland begann) stieg die griechische Produktivität jährlich doppelt so stark wie die deutsche (nämlich 3,1 Prozent gegenüber 1,6 Prozent).

Wieder muss man am Ende die Lohnstückkosten betrachten, um zu einem wirklich aussagekräftigen Bild zu kommen (vgl. Abbildung 2).

Abbildung 2

Bild2

Nur wenn man die Entwicklung der Löhne ins Verhältnis setzt zur Entwicklung der Produktivität und das vergleicht mit einem vorgegebenen Inflationsziel, kann man entscheiden, ob ein Land über oder unter seinen Verhältnissen gelebt hat. Auch hier sind die Ergebnisse eindeutig: Griechenland hat Jahr für Jahr über seine Verhältnisse gelebt. Bis 2008 lag es damit aber nicht schlechter als Italien. Deutschland hat Jahr für Jahr unter seinen Verhältnissen gelebt, und zwar bis 2008 bedeutend mehr abweichend vom gemeinsamen Inflationsziel als Griechenland. Beide Abweichungen zusammengenommen ergeben eine große Lücke im Laufe der Jahre und damit ein großes Problem für das Land, das nach oben abgewichen ist.

Eine Lücke ergibt sich aber auch, wie wir immer wieder betont haben, für ein Land wie Frankreich, das sich vorbildlich an das Inflationsziel gehalten hat, indem es sich an seine Verhältnisse angepasst hat, und das obendrein eine etwas bessere Produktivitätsentwicklung als Deutschland zustande gebracht hat.

Inzwischen hat Griechenland seine Löhne massiv gesenkt und ist mit seinen Lohnstückkosten unter die französische Kurve gerutscht. Polen, dessen Lohnstückkosten hier in Euro berechnet wurden, kämpft ganz offensichtlich mit starken Schwankungen seines Wechselkurses. In nationaler Währung gemessen entwickeln sich die polnischen Lohnstückkosten wesentlich ruhiger und im Vergleich zu einem 2-Prozent-Inflationsziel recht gemäßigt.

Eine Betrachtung der Lohnstückkosten zeigt aber auch, dass die in Deutschland so bewunderten bzw. als vorbildlich hingestellten baltischen Staaten massiv über ihre Verhältnisse gelebt haben (vgl. Abbildung 3, man beachte den Maßstab, der hier viel größer ist als in der Grafik vorher).

Abbildung 3

Bild3

Warum sagt Hans-Werner Sinn dazu nichts? Auch dort sind die Verhältnisse untragbar, wie man seit der Krise von 2008/2009 genau weiß und auch heute noch wissen könnte. Sie sind in puncto Wettbewerbsfähigkeit sogar viel untragbarer als in Griechenland. Nur weil diese Länder in Bezug auf die öffentlichen Haushalte und die öffentlichen Schuldenstände Musterknaben sind (unter anderem sind sie das, weil sie in jeder Krise das Ventil der Abwanderung der eigenen Bevölkerung mehr als alle anderen Länder nutzen und weil sie massiv von Brüssel unterstützt werden), spricht man über deren Über-die Verhältnisse-leben in Deutschland überhaupt nicht.

Es ist aber klar, dass diese Länder sofort wieder in eine neue Krise geraten, wenn ihre Wirtschaft kräftiger wächst, weil dann rasch neue unhaltbare Leistungsbilanzdefizite entstehen. Würde man das sagen, kritisierte man aber Länder, die als Bollwerk gegenüber Russland betrachtet werden, wie wir das auch im Fall der Ukraine gesehen haben (wir haben das hier kritisiert).

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