Tun wir Thomas Piketty Unrecht?

Diese Frage stellen uns zwei Studenten.

Sie schreiben:

„Liebe Friederike Spiecker, lieber Heiner Flassbeck,

wir, zwei Studenten der Volkswirtschaftslehre bzw. Politikwissenschaft, verfolgen Ihr Blog „flassbeck economics“ seit einiger Zeit mit sehr großem Interesse (inzwischen auch als Abonnenten) und freuen uns täglich über neue Beiträge zu den Irrungen und Wirrungen ökonomischer Theorie und Politik.

Gerade heute haben wir uns das Interview, das Sie Robert Misik in Wien gegeben haben, angesehen. Darin gehen Sie in Teil 3 auch auf das Buch von Thomas Piketty (Das Kapital im 21. Jahrhundert) ein und lehnen seine Grundaussagen ab. Dies hat uns als Leser dieses Buches allerdings überrascht. Überrascht in dreierlei Hinsicht:

  1. Zum einen fehlt uns im Beitrag – und das ist uns aus studentischer Sicht sehr wichtig – eine kritische Würdigung seines Beitrages zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften allgemein. Sie sind ja über den Zustand der VWL an deutschen Universitäten gut im Bilde und raten ja sogar vom Studium in Deutschland ab. Wir denken jedoch, dass Piketty und seine Kollegen (Anthony Atkinson, Gabriel Zucman, Emmanuel Saez und viele andere), die sich über Jahre in international verstreute Steuerdaten eingearbeitet haben, der Wissenschaft einen nicht gering zu schätzenden Beitrag geleistet haben. Die empirische Wirtschaftsgeschichte kann dadurch auf eine neue und vor allem konsistentere Datengrundlage gestellt werden.
  2. Zum Zweiten scheint uns eine Fehlrezeption des Werkes vorzuliegen. Piketty räumt selbst zu Beginn des Buches ein, dass die neoklassische Theorie in ihrem Modellplatonismus einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt und gut daran tut, sich an den Erkenntnissen der Sozialwissenschaften zu orientieren und dadurch selbst wieder ein realistisches Bild der ökonomischen Entwicklung zu geben. Davon unabhängig halten wir es methodisch für zulässig, auf der Grundlage einer Vielzahl von Daten einen historischen Trend zu ermitteln, wie Piketty es tut. Die von ihm selbst so bezeichneten Gesetze über das Kapital-Einkommens-Verhältnis und das sinkende Wachstum von Einkommen im Verhältnis zur Sparquote verstehen wir nicht als Naturgesetze, sondern als historische Konstanten, die sich unter sonst gleichen Bedingungen in der Tat wiederholen. Dem dient der Nachweis, dass sich im langen Trend (also vom ausgehenden 17. Jahrhundert bis zum frühen 21. Jahrhundert) Konzentrationsprozesse wiederholen, die nach 1945 und mit der Begründung westlicher Wohlfahrtsstaaten für obsolet betrachtet wurden. Piketty zeigt auf, dass diese Annahme, die natürlich durch politische Deregulierung bewusst zerstört wurde, empirisch falsch ist und die Konzentration von Einkommen und Vermögen erneut Formen annimmt, die aus dem Frühkapitalismus bekannt sind. Da Piketty es sich nicht zur Aufgabe macht, eine ökonomische Theorie zu begründen, sondern eine empirische Überprüfung vornimmt, sehen wir hierin auch keinen Verstoß gegen Annahmen einer bestimmten ökonomischen Doktrin. Theorien können ja auch gar nicht durch empirische Einwände oder „Gegenbeweise“ ausgehebelt, sondern allenfalls entkräftet werden.
  3. Unser dritter Einwand richtet sich gegen den aus unserer Sicht unzulässigen Schritt von der selektiven Beurteilung eines Buches auf wirtschaftspolitische Reaktionen zu folgern. Piketty selbst verweist zum Ende seines Buches auf eine globale Vermögenssteuer. Seine empirische Evidenz bezieht er aus dem historischen Umstand, dass hohe Steuersätze, wie von ihm vorgeschlagen, bereits in den USA unter Roosevelt bestanden haben. Dies verstehen wir als dringend erforderliche Anregung zu einer Debatte in einer Zeit, in der die in kapitalistischen Gesellschaften immer präsente ökonomische Ungleichheit krasse Formen angenommen hat und es u.a. an einer sachgerechten Steuerpolitik aus bestimmten Interessen heraus fehlt. Dennoch denken wir, dass Ihre Einwände, die sich zuvörderst auf die Wirtschaftspolitik seit den 1970er Jahren beziehen, das Buch nicht berühren, denn Piketty selbst räumt die Prozesse der Neoliberalisierung des Kapitalismus selbstredend ein. Wir begreifen Pikettys Buch, übrigens ebenso wie Ihr heute in Ko-Autorenschaft mit Costas Lapavitsas publiziertes Buch, als wichtige Korrekturfaktoren einer insgesamt verzerrten und einseitig neoliberalen Theorie- und Diskurslandschaft. Mit anderen Worten: Pikettys Buch und die von ihm und Kollegen online gestellte Einkommens- und Vermögensdatenbank dient als Grundlage für weitergehende Forschung und als Belegmaterial für Ungleichheitsprozesse, die die neoklassische Theorie immer schon geleugnet hat. Es ist vielleicht keine Neuentdeckung, aber – so viel können wir aus studentischer Sicht sagen – für viele jüngere Menschen ein wichtiger Einstieg in eine kritische Wirtschaftstheorie, sei sie nun keynesianisch, post-keynesianisch oder marxistisch informiert.

In diesem Sinne verstehen wir unsere Rückmeldung auch nicht als Kritik an Ihrer Position, sondern als Anregung, ein so wichtiges Buch wie das von Piketty als Türöffner für eine weiterführende Debatte zu werten. Dies erscheint uns wichtiger denn je, da viele Menschen eine rationale Diskussion ökonomischer Zusammenhänge weder aus den Massenmedien noch aus den Mainstream-Lehrbüchern der VWL beziehen können. Wir denken, dass es produktiver ist, ein Buch ob seiner Defizite zu kritisieren und dennoch den Eigenwert der Analyse hervorzuheben. Schließlich ist Piketty uns politisch wohl näher als jeder neoklassische Ökonom. Und Gegenkräfte sollte man doch bündeln, oder nicht?“

Zunächst einmal vielen Dank für eine so fundierte Kritik. Wir wollen zu Beginn klarstellen, dass wir vieles von dem, was in dem Brief gesagt wird, vollkommen teilen, insbesondere Punkt eins. Es ist gar keine Frage, dass die genannten Autoren sehr viel dafür getan haben, dass man die zunehmende Ungleichheit national und international überhaupt wahrnimmt.

Dann aber kommt schon der kritische Punkt: Was folgt daraus, wenn wir sie wahrnehmen?

Ich, Heiner Flassbeck, will zur Illustration des Problems kurz eine Erinnerung erzählen: Der letzte von mir zu verantwortende Trade and Development Report der UNCTAD widmete sich dem Thema Ungleichheit. Die Arbeiten begannen und, es konnte gar nicht anders sein, sofort stießen meine Kollegen auf die Beiträge und Daten von Anthony Atkinson und Emmanuel Saez und begannen, sie zu verarbeiten. Also wurden alle Dimensionen von Ungleichheit, die man finden konnte, vor und zurück gewendet und ein riesiger Daten- und Textberg war entstanden (heute zu finden als Chapter 2 bis 5 dieses Reports, der wiederum hier zu finden ist).

Als die gesamte Gruppe der Wissenschaftler, die an der Erstellung dieses Berges beteiligt war, zum ersten Mal zusammenkam, um die Message des Reports zu diskutieren, waren alle erstaunt, wie schwer das war. Ein Kollege sagte dann, ja, was haben wir jetzt eigentlich? Was folgt daraus, dass überall die Ungleichheit gestiegen ist? War es ein Naturgesetz, war es Zufall, war es Politik? Wenn man dazu nichts weiß, folgt einfach nichts aus der Erkenntnis, dass die Ungleichheit zugenommen hat. So entstand dann das sechste Kapitel dieses Reports, und dreimal darf man raten, wer es geschrieben hat. Soweit die Erinnerung.

Damit kommen wir zum zweiten Punkt der Studenten. Natürlich kann man auf der Basis einer Vielzahl von Daten einen Trend oder eine historische Konstante ermitteln. Sie nützt einem aber nichts, vor allem nicht in der wirtschaftspolitischen Beratung, wenn man nicht weiß, warum sie so und nicht anders zustande gekommen ist. Immer braucht man eine Theorie. Nur eine Theorie kann die unbedingt notwendige Erklärung liefern. Und wenn die Gültigkeit oder sagen wir: die Nicht-Widerlegbarkeit dieser Theorie gut nachgewiesen werden kann, dann kann aus ihr eine wirtschaftspolitische Empfehlung geschlussfolgert werden. Auf einer nachweislich falschen Theorie kann man gar nichts aufbauen, keine Erklärung und keine Therapie (das haben wir in unserem ersten Stück zu Piketty versucht zu zeigen, man findet es hier).

Und wenn man sich von der Theorie, mit der man selbst arbeitet (und genau das tut Piketty!), selbst distanziert, distanziert man sich auch von den Ergebnissen der Arbeit. Wir haben das am wichtigsten Problemfeld, das es derzeit gibt, der Arbeitslosigkeit, hier erläutert. Sehr gut und ebenfalls am Beispiel Piketty hat das auch Lance Taylor (von der New School in New York) hier erklärt.

Der dritte Punkt hängt eng mit dem zweiten zusammen und ist noch bedeutender. Sicher ist es wichtig, Verbündete bei wirtschaftspolitischen Vorschlägen zu haben. Aber der beste Verbündete nützt nichts, wenn er aus den falschen Gründen ein Verbündeter ist oder besser: ein Verbündeter zu sein scheint. (Diesen Aspekt hatten wir übrigens genauso schon im Zusammenhang mit der Arbeitszeitverkürzung hier behandelt.) Wenn Thomas Piketty die Ungleichheit beklagt, sie aber zugleich wegen seines neoklassischen Modells quasi als ein Naturgesetz oder, wie es in dem Schreiben oben formuliert wird, als historische Konstante ansieht, schließt er andere Erklärungen aus. In dem obigen Beitrag, der ursprünglich für die Frankfurter Rundschau verfasst wurde, war das so ausgedrückt:

„Wer versucht, die Ungleichheit zu beseitigen, ohne die Fehlfunktion des Arbeitsmarktes zu analysieren, kommt keinen Schritt weiter. Hätten die Lohnsenkungen (relativ und absolut) in den vergangenen 40 Jahren so gewirkt, wie das die neoklassische Theorie vermutet, wäre es auch nicht zu permanent zunehmender Ungleichheit gekommen. Sinkende Arbeitslosigkeit und die Rückkehr zur Vollbeschäftigung hätten in diesem Fall die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt wieder zugunsten der Arbeitnehmerseite verschoben und wenigstens bei der Primäreinkommensverteilung (also bei der Verteilung über Lohnverhandlungen) eine Korrektur bewirkt. Dass es nicht dazu gekommen ist, sollte für jeden vernünftigen Menschen Anlass sein, das gesamte Konzept des neoklassischen Arbeitsmarktes in Frage zu stellen. Das aber passiert nicht, sondern man betrachtet die Ungleichheit unabhängig vom Arbeitsmarkt und läuft immer wieder in die gleiche Falle.“

Um das noch etwas klarer und auch politischer zu sagen: In der Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Linken, aber auch zwischen „konservativen“ Sozialdemokraten und den „richtig Linken“ geht es im Zentrum immer um die Frage, ob erst erwirtschaftet und dann umverteilt wird, oder ob man sozusagen von vorneherein eine Verteilung festlegen kann und muss, ohne dass bereits etwas erwirtschaftet worden ist, weil die festgelegte Verteilung Voraussetzung für eine dauerhaft und für alle erfolgreiche Erwirtschaftung ist. Letzteres wird meist verkürzt dargestellt als „das Fell des Bären verteilen, bevor er erlegt ist“ und den Linken regelmäßig von den „konservativen“ Sozialdemokraten vorgeworfen. Die sind ihrerseits regelrecht stolz darauf, dass sie eine so realistische Sicht der Welt haben anzuerkennen, dass man nur verteilen kann, was zuvor erwirtschaftet wurde. Ein geradezu geniales Beispiel dafür lieferte der niedersächsische Ministerpräsident Weil (wir haben das hier kritisch analysiert). Piketty gehört natürlich mit seiner Forderung nach Umverteilung genau in die Kategorie der Ökonomen, die die SPD für ihre Position in Anspruch nimmt.

Und nun stellen wir uns einmal vor, die Welt der Marktwirtschaft funktionierte so, wie wir das sehen, dass man nämlich von vorneherein dafür sorgen muss, dass die Arbeitnehmer systematisch und gleichberechtigt am Produktivitätsfortschritt beteiligt werden, weil sonst die Nachfrage fehlt, die das System braucht, um den Beschäftigungsstand zu erhalten. Lance Taylor hat, um diese Sicht darzustellen, in dem oben genannten Interview Luigi Pasinetti bemüht, einen italienischen Ökonomen (aus Cambridge), der gezeigt habe, dass bei fallender Lohnquote auch die Wachstumsrate fällt, weil die Arbeiter das nicht kaufen können, was sie produziert haben. Das ist, um es klar zu sagen, genau das Gegenteil von Piketty. Das Soziale an der Marktwirtschaft ist dann nicht der Reparaturbetrieb des Kapitalismus, sondern die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung der Marktwirtschaft.

Nein, es ist nicht nur fahrlässig, die neoklassische Theorie zu verwenden, es ist gefährlich. Erklärt man Ungleichheit zum Ergebnis eines „Gesetzes“ der Marktwirtschaft, obwohl es nur das Ergebnis schierer Machtausübung in einer ansonsten überhaupt nicht funktionierenden Marktwirtschaft ist, bietet man vor allem den Mächtigen eine Handhabe, die unter allen Umständen die Politik zum Laissez-faire drängen. Dann sind alle staatlich verordneten Korrekturen am „gesetzmäßigen“ Ergebnis des Systems nämlich das schiere Entgegenkommen der „Leistungsträger“ der Gesellschaft, denen die „Nicht-Leistungsträger“ dafür dankbar zu sein haben. Die simple Begründung aus Sicht der „Leistungsträger“ lautet dann: „Ohne uns hättet ihr gar nichts zu verteilen, also können wir diktieren, wieviel wir bereit sind, für die Verteilung zur Verfügung zu stellen.“

Wer tatsächlich glaubt, dass das System Marktwirtschaft nach dem von Piketty „nachgewiesenen“ Gesetz über das Kapital-Einkommens-Verhältnis und das sinkende Wachstum von Einkommen im Verhältnis zur Sparquote abläuft, hat den permanenten Angriffen von Seiten der „Leistungsträger“ auf die staatlichen Korrekturen eigentlich nur eines entgegenzusetzen: den Hinweis, dass die Mächtigen ein Mindestmaß an Sicherheit und gesellschaftlichem Frieden für’s Wirtschaften brauchen, egal ob man es als ausbeuterisches Wirtschaften ansieht (wie die meisten sich eher links-progressiv verstehenden Mitmenschen) oder als einen ganz normalen Ausleseprozess (wie die meisten sich eher rechts-konservativ einschätzenden). Für dieses Mindestmaß an „Ruhe“ ist dann eben eine allzu ausufernde Ungleichheit der Einkommen zu verhindern, also sind staatliche Eingriffe in die Einkommensverteilung bis zu einem gewissen Grad auch im Interesse der Mächtigen.

Über dieses „bis zu einem gewissen Grad“ kann dann prächtig politisch gestritten werden, ja es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass sich darin der politische Alltag erschöpft. Wer etwas mehr Humanität empfindet, ist dann für einen etwas höheren Mindestlohn und einen etwas höheren Spitzensatz in der Einkommensteuer, wer ein raueres Klima für innovationsfördernder hält und aufstrebende osteuropäische oder asiatische Staaten als Drohkulisse empfindet oder gar einsetzt, stellt sich gegen den Mindestlohn und erst recht seine regelmäßige Erhöhung, gegen höhere Unternehmensteuern etc. Um es sarkastisch auszudrücken: Die einen plädieren für mehr Sozialarbeiter, die anderen für mehr Polizei.

Wie anders sieht das Aktionsfeld der Wirtschaftspolitik aus – darüber schreiben wir hier fast täglich –, wenn man in der nachgewiesenen Zunahme der Ungleichheit keine Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus sieht, sondern eine Gesetzmäßigkeit, wie die Mächtigen zu allen Zeiten (in allen möglichen Wirtschaftssystemen) auf Kosten der Machtlosen zu leben trachten. In der Marktwirtschaft gelingt den Mächtigen das seit Jahren besonders gut, weil sie es schaffen, dem System anzudichten, dass es so funktioniere, und dem Normalbürger plausibel zu machen, dass das System nur so betrieben werden könne (schließlich ist die Planwirtschaft untergegangen, die freien Märkte also das Maß aller Wirtschaftsdinge). Und zu dieser Funktionssichtweise leistet Piketty (egal ob absichtlich oder unbewusst) einen beachtlichen Beitrag. Das ist der Kern unserer Kritik.

Anmelden