"Volltreffer!"

, schreibt einer unserer Leser. Und weiter: „Die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung ehrte den schottischen Ökonomen Marc Blyth mit dem Hans-Matthöfer-Preis für Wirtschaftspublizistik. Ein wahrlich würdiger Preisträger.

Mit seiner Publikation „Wie Europa sich kaputtspart – die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik“ ist er dem gescheiterten Zeitgeist der Mehrheitsökonomen energisch und wirkungsvoll entgegengetreten.

Mit seinen Analysen und streitbaren Aussagen richtet er sich gezielt gegen diejenigen, die mit eben dieser Austeritätspolitik Europa und die Euro-Zone in den Ruin treiben. Dies führt zwangsläufig zu der Frage, was ausgerechnet eine der SPD nahestehende Stiftung dazu bringt, einen solchen Preis zu verleihen?

In der Ausschreibung für die Bewerbungen um die Vergabe dieses Preises heißt es immerhin:

„Mit dem Preis werden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler-innen geehrt, die jenseits der volkswirtschaftlichen Standardtheorie oder des makroökonomischen Mainstreams neue Antworten auf die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen suchen.“

Und nun wurde als erster ein Ökonom geehrt, der den wirtschaftspolitischen Praktiken der SPD in den letzten 20 Jahren vollkommen widerspricht. Marc Blyth war unmissverständlich und aufrichtig genug, dies in seiner ‚Dankesrede‘ zum Ausdruck zu bringen. Leider fehlt ein Abdruck seiner Rede auf der Veranstaltungsseite ebenso, wie auf den Seiten der Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Das ist umso bedauerlicher und dem Preisträger wie auch dem geneigten Publikum gegenüber unfair, da doch selten genug ein Ökonom auf treffliche Weise Theorie und Praxis zu kombinieren versucht. Hier ist es einmal gelungen. Aber da der Inhalt seiner Schlussfolgerungen und seines Dankes nicht wirklich dem Ansehen des Preisverleihers förderlich ist, muss er wohl geheim bleiben. Schade!

Obwohl:

http://neuewirtschaftswunder.de/2015/02/25/preistrager-mark-blyth-uber-austeritat-und-krisen/

“ Mit diesem Link zu Marc Blyth‘ Rede endet der Text des Lesers. Vielen Dank dafür!

Dazu möchte ich folgende Anmerkung machen:

Die Rede von Mark Blyth habe ich gelesen und bin leider wenig beeindruckt von dem Preisträger. Es fängt gut an, seine Kritik an der Austerität kann man vollkommen teilen. Aber als er zu den Ursachen der Eurokrise auf deutscher Seite kommt, schließt er sich vollständig einer Studie (hier zu finden) an, die mehr als fragwürdig ist. Wir haben die Botschaft dieser Studie hier diskutiert und ich will nicht alles wiederholen.

Die zentrale Aussage, Deutschland sei wegen Vereinigung, Globalisierung usw. schon lange vor Hartz IV gezwungen gewesen, die Löhne zu senken, ist faktisch falsch. Schon als Laie könnte man allein aus der Tatsache Verdacht schöpfen, dass dieses Argument einer Zwangslage für Deutschland von der Deutschen Bundesbank und dem Arbeitgeberlager bis heute als Verteidigungslinie für den Einstieg der deutschen Wirtschaftspolitik in den Merkantilismus verwendet wird, dessen negative Folgen für die Handelspartner als unbeabsichtigte, aber eben unvermeidliche Kollateralschäden entschuldigt und verharmlost werden. Wie viel mehr müsste sich ein Experte, der „jenseits der volkswirtschaftlichen Standardtheorie oder des makroökonomischen Mainstreams neue Antworten auf die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen“ sucht, darum bemühen, diesen Mainstream-Standpunkt auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor er ihn selbst mitvertritt. Denn wer diesen Standpunkt mitträgt, der muss das Scheitern der Europäischen Währungsunion entweder als unvermeidlich ansehen oder verzweifelt auf anderen Feldern die Ursache für die Eurokrise suchen.

Das Argument, Deutschland habe sich in einer Zwangslage befunden, ist nämlich irrelevant für die Frage, welche Ursachen die Eurokrise hat. Es ist vollkommen gleichgültig, woher der Druck auf die Löhne kam (bei Blyth und in der Studie übrigens rein neoklassisch von einem gestiegenen Arbeitsangebot). In einer Währungsunion hätte man auf jeden Fall gemeinsam mit den Partnern reagieren müssen, nicht unabhängig von ihnen und schon gar nicht gegen sie. Frankreich war schließlich bezüglich Globalisierung in genau der gleichen Lage wie Deutschland, übte aber keinen politischen Druck auf die Löhne aus und ist damit wirtschaftlich eigentlich besser gefahren – gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, der Produktivitätsentwicklung und der Vermeidung eines ausufernden Niedriglohnsektors. Auch die Vorstellung, man könne die wirtschaftlichen Vorgänge im Zusammenhang mit der deutschen Vereinigung ­– die Löhne gingen in Ostdeutschland durch die Decke bei gleichzeitig extrem hoher Arbeitslosigkeit! –, neoklassisch erklären, ist ein schlechter Witz.

Mark Blyth, wie viele andere in diesem Feld, glaubt offenbar, keynesianische Fiskalpolitik mit ansonsten (insbesondere am Arbeitsmarkt) neoklassischen Ideen verbinden zu können. Das kann nicht funktionieren, weil die Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage über Fiskalpolitik niemals gelingt, wenn man gleichzeitig die Destabilisierung zulässt, die von einer neoklassischen (prozyklischen) Reaktion der Löhne auf steigende Arbeitslosigkeit ausgeht. Wir haben das gestern in unserem Stück zu Piketty und in einem älteren Stück hier ausführlich erläutert. Dass der Preisträger Thomas Piketty seinen Lieblingsökonomen nennt, ist insofern konsequent.

Eine sehr interessante und erfreuliche Entwicklung ist aber, dass Paul Krugman, den wir in dem zuletzt genannten älteren Stück genau deswegen heftig kritisieren, inzwischen vollkommen auf unsere Linie eingeschwenkt ist, wie er gerade in seinem neuesten Kommentar zeigt.

Gleichwohl, es ist prinzipiell eine gute Idee, einen solchen Preis auszuschreiben. Aber wenn das, was Mark Blyth in seiner Dankesrede sagt, offenbar schon zu viel ist für die SPD und die Hans-und-Traute-Matthöfer-Stiftung, so dass man die Rede lieber nicht direkt veröffentlicht, wer kommt dann – aus Sicht der Stiftung bzw. der SPD uneingeschränkt – für den Preis in Frage? Wer tatsächlich „ … jenseits der volkswirtschaftlichen Standardtheorie oder des makroökonomischen Mainstreams neue Antworten auf die großen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen sucht“, passt ja offenbar noch weniger zum Preisverleiher als Marc Blyth.

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