Archiv flassbeck-economics | 28.04.2015 (editiert am 25.05.2016)

Ärger und Frustration an Amerikas Außenhandels- und Währungsfront

Der kürzlich veröffentlichte halbjährliche „Bericht an den Kongress zur internationalen Wirtschafts- und Währungspolitik“ („Währungsbericht“) des US Schatzamtes enthält erheblichen politischen Zündstoff. Er zeugt von Ärger und Frustration der US Regierung bezüglich der Wirtschaftspolitik einiger wichtiger internationaler Handelspartner. Das Schatzamt mahnt darin nachdrücklich zur Einhaltung von gemeinsamen G7 und G20 Verpflichtungen. Wenig überraschend, stehen dabei die großen Leistungsbilanzüberschussländer, und speziell Deutschland, im Visier der Kritik:

Die zentrale Botschaft: „Der Bericht richtet die Aufmerksamkeit auf – und drückt Beunruhigung aus über – die Wirkungen einer unausgeglichenen Mischung makroökonomischer Wirtschaftspolitiken auf die globale Wirtschaftsentwicklung, mitsamt einer suboptimalen Zusammensetzung des Wachstums und der Gefahr sich ausweitender außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte. Der Bericht ruft die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen, insbesondere jene der Überschussländer dazu auf, die Gesamtheit der ihnen zur Verfügung stehenden Politikinstrumente (Geld-, Fiskal- und Strukturpolitik) zur Unterstützung des Wirtschaftswachstums einzusetzen, um das gemeinsame Ziel starkes, nachhaltiges und ausgeglichenes Wachstum zu erreichen. … Die Weltwirtschaft sollte nicht erneut allein auf Amerika als einzigen Wachstumsmotor bauen. Dies zu tun, würde nicht zu dem Muster eines starken, nachhaltigen und ausgeglichenen Wachstums führen, dem ausdrücklichen Ziel der G20. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen viele Länder eine ausgeglichene Mischung der wirtschaftspolitischen Instrumente einsetzen. Exzessives Setzen auf nur einen einzigen Politikhebel ist nicht genug. … Ein ausgeglichenes Vorgehen der Makropolitik ist insbesondere in den großen Überschussländern notwendig, namentlich in Deutschland, China, Japan, und Korea – im Einklang mit den beschlossenen G7 und G20 Verpflichtungen. … Die Eurozone hat schon jetzt einen Leistungsbilanzüberschluss von über 300 Milliarden US Dollar (2,3 Prozent des BIP), was fast ausschließlich auf Deutschland beruht (7,8 Prozent des deutschen BIP). Es bleibt unerlässlich, dass die Eurozone zur weltwirtschaftlichen Nachfrage beträgt indem sie alle notwendigen Schritte unternimmt, die Eigendynamik der Binnennachfrage zu stärken.“

Die US Regierung hat allen Grund zur Sorge. Das US Leistungsbilanzdefizit hat sich zwar seit der Krise halbiert. Aber das aktuelle Schwächeln der Weltwirtschaft und die starke Aufwertung des Dollar in jüngerer Zeit erzeugen heftigen Gegenwind für die Erholung der US Wirtschaft, die erneut ins Stottern geraten zu sein scheint. Der sich abzeichnende weitere Anstieg der Leistungsbilanzüberschüsse der im Bericht benannten Länder, speziell Deutschlands, stellt in der Tat eine ernsthafte Bedrohung für die Weltwirtschaft dar. Dass man nunmehr von Berlin aus die Eurozone insgesamt nach deutschem Vorbild lenken will, was sich immer deutlicher abzeichnet, macht die ganze Angelegenheit für die Welt noch um ein Vielfaches (mehr als dreimal, weil Deutschland weniger als 30 Prozent der Eurozone ausmacht) schlimmer.

Abbildung 1

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Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Leistungsbilanzsalden der wichtigsten an den globalen Ungleichgewichten beteiligten Länder sowie der Eurozone seit 2000 in absoluten Größen, also in US-Dollar. Im letzten Jahr hat Deutschland mit knapp 290 Milliarden Dollar erneut den Ungleichgewichts-Weltmeistertitel gewonnen. Für diesen höchst fragwürdigen Weltmeistertitel an sich kann man sich nichts kaufen. Man häuft nur massenweise Forderungen gegenüber anderen Ländern an und hofft, dass diese dabei nicht irgendwann Pleite gehen. Damit hat man zwar innerhalb der Eurozone hinreichend Erfahrung gesammelt. Nur lernen will man daraus in Berlin absolut nichts. Für das laufende Jahr prognostiziert der IWF für Deutschland jedenfalls ein Ungleichgewicht in ähnlicher Höhe. Wechselkurs und Ölpreis machen meines Erachtens einen noch größeren Anstieg wahrscheinlich.

Man bemerke hier den rasanten Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses der Eurozone insgesamt, der sich laut IWF fortsetzen soll. Zur Erinnerung: Vor der globalen Krise behaupteten die wirtschaftspolitisch Verantwortlichen der Eurozone immer, sie hätten nichts mit den globalen Ungleichgewichten zu tun, denn die Leistungsbilanz der Eurozone insgesamt sei ja ausgeglichen. Darin würde sich ja auch zeigen, wie toll die Wirtschaftspolitik für Ordnung im eigenen Haus sorgen würde, sagte man damals. Das war natürlich eine ganz tolle Ente, wie man heute nur zu gut weis. Darum macht man heute wohl auch lieber gleich ganze Sache – und löst in weiser Geschlossenheit künftig Deutschland als alleinigen Weltmeister der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte ab.

Einen kräftigen Anstieg des Leistungsbilanzuberschusses prognostiziert der IWF aber auch (mal wieder) für China, das ebenfalls in diesem Jahr Deutschland überholen soll, aber dabei nur den zweiten Platz hinter der Eurozone insgesamt erreichen dürfte (da Chinas BIP aber wesentlich höher ist als das deutsche, ist der Wert in Prozent des BIP doch deutlich geringer als in Deutschland). Auch für Japan wird ein erneut steigender Überschuss erwartet, während Saudi Arabien, stellvertretend hier auch für andere Ölproduzenten, dank niedrigen Ölpreises eine deutliches Sinken seines Leistungsbilanzüberschusses auf eine in etwa ausgeglichene Position erfahren soll. Das Vereinigte Königreich hat in den letzten Jahren erneut einen rasanten Anstieg seines Leistungsbilanzdefizits erlebt, das allerdings im letzten Jahr laut IWF seinen Höhepunkt erreicht haben soll. Die Krise ist vergessen. Auf der Insel brummt die Verschuldung der privaten Haushalte wieder so richtig. Auch die Briten kaufen wieder fleißig in Deutschland ein.

Aus globaler Sicht muss man allerdings fragen, woher die zusätzliche Nachfrage kommen soll, die den weiteren Anstieg der Überschüsse der Eurozone und Chinas ermöglichen soll, wenn nicht aus den USA? Der IWF unterstellt zwar, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer weiter steigende Defizite hinnehmen werden. Bei deutlich gesunkenen Rohstoffpreisen darf man daran aber durchaus zweifeln, insbesondere weil viele dieser Länder bereits heute stark unter der bei Abwertung der eigenen Währung steigenden Last von Fremdwährungsschulden leiden. Ein sich verstärkender Mangel weltwirtschaftlicher Nachfrage dank der prominenten Überschussländer würde dann letztlich wieder insbesondere Amerika unter Druck setzten, so befürchtet das US Schatzamt – sehr zu recht.

Abbildung 2

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Abbildung 2 zeigt die Entwicklung des US Leistungsbilanzsaldos sowie der Salden der Hauptkomponenten seit 2003. Hinter der stabilen Entwicklung des Leistungsbilanzsaldos in den letzten Jahren verbergen sich eine satte Verschlechterung der Handelsbilanz auf fast das Vorkrisenniveau bei gleichzeitiger Verbesserung der Überschüsse in der Dienstleistungs- und Einkommensbilanzen; während der defizitäre Saldo der Transfereinkommensbilanz eine leicht steigenden Tendenz aufweist. Hierbei ist noch zu berücksichtigen, dass innerhalb der Handelsbilanz eine starke Verschiebung stattgefunden hat. Vor der Krise machte Amerikas Ölrechnung noch etwa die Hälfte des Defizits der Handelsbilanz aus. Heute sind es dagegen dank gestiegener heimischer Ölproduktion nur noch rund 20 Prozent. Entsprechend stärker angestiegen ist also das Defizit im Handel mit anderen (nicht-Öl) Gütern, womit auch zum Ausdruck kommt, dass Amerikas Industrie, die sich zwar seit der Krise wieder einigermaßen erholt hat, international kaum Boden gut machen kann. Das liegt teils an China und anderen aufstrebenden Ländern, aber auch und besonders an Deutschland, dem Land des Über-Merkantilismus, das nunmehr angetrieben durch die Euroabwertung auf der Überholspur noch mehr Gas geben will.

Abbildung 3

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Die bilaterale US-Leistungsbilanz gegenüber Deutschland zeigt für die Zeit seit 2003 beständige US-Defizite, die im letzten Jahr eine Größenordnung von 80 Milliarden Dollar (etwa 20 Prozent des globalen US-Leistungsbilanzdefizits) erreicht haben (Abbildung 3). In der Krise war das US-Defizit gegenüber Deutschland zwar kurzfristig um ein Drittel gefallen, aber für die Zeit danach sieht man eine erhebliche. Dabei sind die Dienstleistungs- und Transfereinkommensbilanzsalden nahezu im Gleichgewicht. Der Saldo der Primäreinkommensbilanz hatte für ein paar Jahre ein Defizit von rund 10 Milliarden erreicht, ist zuletzt aber wieder auf weniger als die Hälfte gesunken. Maßgeblich angetrieben wird das US-Leistungsbilanzdefizit vom Defizit in der Handelsbilanz.

Abbildung 4

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Hinter dem steil ansteigenden Defizit der Handelsbilanz stecken stagnierende US-Güterexporte nach Deutschland verbunden mit schnell wachsenden US-Güterimporten aus Deutschland (siehe Abbildung 4). Eines der Märchen der deutschen Wirtschaftspolitik besagt, dass die Dauerstagnation der deutschen Binnennachfrage nicht für etwaige außenwirtschaftliche Ungleichgewichte verantwortlich sei, und eine Stimulierung der Binnennachfrage nichts zu ihrer Verringerung beitragen würde. Das widerspricht natürlich krass jeder Wirtschaftstheorie – und es widerspricht auch der Erfahrung der USA, die davon aus gutem Grund reichlich genervt ist.

Abbildung 5

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Abbildung 5 zeigt bilaterale Saldo für die Hauptgüterkategorien. Wie zu ersehen ist, sind speziell Automobile und Kapitalgüter für das deutsch-amerikanische Ungleichgewicht im Güterhandel verantwortlich. Mag ja sein, dass Deutschland die besten Autos baut, aber warum importieren die Deutschen so wenig, fragt sich hier die US-Regierung; die Antwort auf diese Frage sehr wohl wissend.

Abbildung 6

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Wie sieht das Bild für die Eurozone insgesamt aus? Aus Sicht der USA sehr viel besser, fast ausgeglichen (siehe Abbildung 6). Zwar zeigt sich für die Handelsbilanz ein Defizit von über 120 Milliarden Dollar (wovon 75 Milliarden Dollar auf das Konto Deutschlands gehen). Dagegen zeigt der Saldo der Dienstleistungsbilanz einen Überschuss von rund 30 Milliarden Dollar, bei leicht steigender Tendenz. Besonders auffällig aber ist der große, steigende Überschuss in der Primäreinkommensbilanz, wobei es sich fast ausschließlich um Kapitaleinkommen handelt. Zwar weist Amerika für die Kategorie Portfolio- Investitionen ein Einkommensdefizit auf. Dagegen steht aber ein sehr positives Netto-Einkommen in der Kategorie der Direktinvestitionen. Hierfür dürfte einerseits der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angesammelte hohe Bestand an amerikanischen Direktinvestitionen verantwortlich sein. Andererseits vermute ich aber auch, dass sich dahinter die berühmt-berüchtigten „Steuerumkehrungen“ („tax inversions“) amerikanischer Großunternehmen verbergen (siehe Beitrag vom 19. September 2014). Es würde sich also um eine steuerbedingte Verzerrung der Leistungsbilanzstatistiken handeln, die weniger für Deutschland, aber für andere Länder der Eurozone relevant ist. Ich kann dieser Frage heute aber nicht weiter nachgehen.

Abbildung 7

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Stattdessen noch ein kurzer Blick auf China (Abbildung 7). Das US-Defizit in der bilateralen Leistungsbilanzposition gegenüber China erreichte im letzten Jahr fast 350 Milliarden US Dollar. Das US-Defizit in der Handelsbilanzposition war fast gleich hoch. Der Saldo der US-Dienstleistungsbilanz gegenüber China ist dagegen positiv und steigend, während der negative Saldo in der Primäreinkommensbilanz negativ aber sinkend ist. Die Zinsrechnung auf den hohen Bestand Chinas an US- Treasury Wertpapieren übersteigt weiterhin die Netto-Einkommen der USA auf die hohen amerikanische Direktinvestitionen in China. Die extrem niedrigen US Zinsen wirken aber langsam und stetig zu Amerikas Gunsten.

Betrachtet man die Größenordnung im Ungleichgewicht gegenüber China, ist unmittelbar verständlich, warum China gewöhnlich im Mittelpunkt der amerikanischen Medien und Politik steht. Das bilaterale Ungleichgewicht gegenüber China ist fast so groß wie das globale Leistungsbilanzdefizit der USA. Allerdings ist mittlerweile die Problematik der „Brutto-Betrachtung“ der Leistungsbilanzstatistiken hinreichend bekannt. Hinten den hohen US-Güterimporten aus China verbergen sich sehr hohe Vorleistungen, die China – als „Werkbank der Welt“ – selbst aus anderen Ländern importiert hat, unter anderem aus Deutschland. Besonders kurios ist in diesem Zusammenhang, dass Apple Produkte einen negativen Niederschlag auf die US-Leistungsbilanz haben, weil sie in China zusammengesetzt und von dort aus in die USA importiert werden. Kurz: die US-Handelsposition gegenüber China ist krass verzerrt.

Jedenfalls ist es nicht unerheblich, dass US-Güterexporte nach China seit 2003 um fast 450 Prozent gewachsen sind; allerdings von sehr niedrigem Niveau aus. US-Güterexporte nach Deutschland sind seit 2003 um rund 70 Prozent gewachsen, wobei sie heute allerdings wertmäßig niedriger als 2008 sind. Gegenüber der Eurozone insgesamt weisen US-Güterexporte seit 2003 eine Wachstumsrate von nur 7 Prozent auf. Wie soll das US-Schatzamt da bitte nicht frustriert und verärgert sein? Bewirkt hat die scharfe Kritik der US-Regierung an der von Deutschland bestimmten Wirtschaftspolitik in der Eurozone bislang allerdings nicht sehr viel. Man darf vermuten, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem die Freundschaft aufhört. Denn entgegen den von den deutschen Medien und der Politik beständig verbreiteten Märchen und Lügen, ist Deutschlands Wirtschaftspolitik eine gravierende Gefahr für Amerika und die Welt.

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