Der Mindestlohn oder die Angst vor der Wahrheit

Dieser Artikel war schon erschienen, war aber zwischenzeitlich auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Er ist jetzt wiederhergestellt.

Ein Leser schreibt uns, dass die Stadt Seattle an der Westküste der USA gerade beschlossen hat, die Mindestlöhne in mehreren Schritten auf 15 US-Dollar anzuheben (hier ein Link dazu). Immer mehr Städte und Staaten in den USA beginnen zu begreifen, dass es ohne solche massiven staatlichen Eingriffe in den Arbeitsmarkt nicht geht, wenn man die gesellschaftlichen Kräfte nicht noch weiter auseinanderdriften lassen will.

Immer mehr Ökonomen beginnen zu begreifen, dass das alte Modell des neoklassischen Arbeitsmarktes – also das des Kartoffelmarktes – auf den Müllhaufen der Geschichte gehört. Paul Krugman hat dazu gerade einen sehr interessanten Artikel geschrieben (hier in deutscher Übersetzung auf den Nachdenkseiten). Krugman fragt tatsächlich, ob an diesem Markt nicht wie überall sonst einfach das Gesetz von Angebot und Nachfrage herrsche, das man respektieren müsse. Und er verweist auf die empirische Evidenz, die zeige, dass Mindestlöhne die Jobs nicht knapper, sondern besser machen.

Schließlich fragt er sich quasi selbst, wie das möglich ist. Seine Antwort auf diese entscheidende Frage ist allerdings immer noch halbherzig. Er sagt zwar, dass Arbeiter keine „Schweinebäuche oder Sojabohnen sind, aber vor allem deswegen, weil Arbeiter, die besser bezahlt werden, auch bessere Arbeit leisten und daher wieder die Kosten senken. Das jedoch ist nicht alles, lieber Paul Krugman. Der entscheidende Punkt ist, dass Schweinebäuche und Sojabohnen selbst nicht mehr von allen anderen Gütern nachfragen, wenn ihre Preise steigen – Arbeiter aber tun genau das.

Unter den deutschen Neoklassikern macht sich derweil Panik breit, weil ihre Vorhersagen über den Verlust von Arbeitsplätzen nach der Einführung des Mindestlohnes in Deutschland zur Jahreswende nicht eintreten wollen. Der deutsche Arbeitsmarkt bleibt in exakt der Verfassung, die er auch vor dem ersten Januar hatte. Die (saisonbereinigte) Zahl der Arbeitslosen sinkt der schwachen konjunkturellen Aufwärtsentwicklung entsprechend leicht, aber stetig, und die Zahl der offenen Stellen nimmt in ebenso ruhigem Tempo zu. Auch die Zahl der Beschäftigten geht weiter nach oben.

Da muss man schon, wie Hendrik Müller in Spiegel-Online, gewaltige Verrenkungen machen, um das Haar in der Suppe zu finden, das man doch unbedingt finden will. Er weiß eigentlich gar nicht, wie er die Kurve noch kriegen soll, um den Mindestlohn zur „Falle“ zu machen, wie es der Titel verspricht. Schließlich muss krampfhaft eine Gefahr für den nächsten konjunkturelle Abschwung konstruiert werden, um zu begründen, warum die Welt eigentlich nicht so aussieht wie sie aussieht. Da ist schon Verzweiflung zu spüren und es ist klar, dass die Institute und der Sachverständigenrat, die den Mindestlohn zum obersten Jobkiller und zur Konjunkturbremse gemacht haben, in diesen Monaten kaum etwas anderes tun werden als fieberhaft nach Gründen zu suchen, warum das alles ihre (natürlich definitionsgemäß) richtige Theorie vom Arbeitsmarkt als Kartoffelmarkt nicht aus der Bahn werfen kann.

Noch ein Beispiel, diesmal aber aus einer ganz anderen Ecke. Ich war vor ein paar Wochen vom europäischen Gewerkschaftsverband (ETUC) zu einem Vortrag bei einer Tagung über die Eurokrise nach Brüssel eingeladen. Wie nicht anders zu erwarten, habe ich auch dort über deutsche Löhne und die Folgen der deutschen Lohnpolitik für die EWU gesprochen. Mitten im Vortrag habe ich dann sinngemäß den Anwesenden, die zu einem erheblichen Teil Gewerkschaftler waren, gesagt, sprechen Sie mir doch einfach einmal diesen Satz nach: „Lohnverzicht vernichtet Arbeitsplätze“.

Da sieht man förmlich, wie die Angst in die Gesichter der Gewerkschaftler steigt. Nein, so weit kann man doch nicht gehen, wollen sie sagen, das ist doch nicht wahr, wir kämpfen zwar für höhere Löhne, aber wir wissen doch auch, wie gefährlich die für die Arbeitsplätze sind. Aber genau darum geht es. Wer nicht so weit geht, geht nach nirgendwo. Bernadette Ségol, die Generalsekretärin von ETUC, sagte das in ihren Abschlussbemerkungen auch sehr klar. Sie verwies auf den Spagat zwischen den einzelwirtschaftlichen Einsichten der meisten Mitglieder und der gesamtwirtschaftlichen Sichtweise, wie ich sie dargelegt hatte. Sie sagte, wie schwer es für die Gewerkschaften ist, sich von der einzelwirtschaftlichen Sicht zu emanzipieren. Das ist angesichts der mangelnden Aufklärung der Mitglieder derzeit so und das habe ich diese Woche bei der Diskussion der deutschen Lohnrunde von 2015 schon einmal betont.

Wenn aber eine Gewerkschaft und/oder ein Gewerkschaftsbund einmal die gesamtwirtschaftliche Sichtweise verstanden hat, dann müsste sie auch verstanden haben, dass die gesamtwirtschaftliche Sichtweise die einzig relevante ist. Da gibt es keine Kompromisse, die man machen könnte und müsste. Wer einem Betrieb zugesteht, seine Löhne weniger zu erhöhen oder zu senken, um sein eigenes Überleben zu sichern („Beschäftigungssicherung“ wird das üblicherweise genannt), zerstört unmittelbar Arbeitsplätze in anderen Betrieben bzw. verhindert dort den Aufbau neuer Arbeitsplätze. Wer auf Lohndumping einer ganzen Nation setzt, zerstört Arbeitsplätze in anderen Ländern.

Die Einführung eines Mindestlohnes oder Lohnerhöhungen verändern über ihre positive Wirkung auf die Nachfrage die Situation in einer Wirtschaft fundamental. Das ist nicht ein so kleiner isolierter Effekt wie ihn Paul Krugman beschreibt. Wenn der Staat durchsetzt, dass die Unternehmen die Löhne erhöhen, steigen zwar die Kosten für die Unternehmen, aber im gleichen Augenblick steigt auch die Nachfrage. Damit hat sich die Welt der Unternehmen so verändert, dass man von vorneherein keine Ceteris Paribus Vergleiche (also Vergleiche, bei denen man annimmt, alles andere außer der zu untersuchenden „Störung“ bleibe unverändert), die die Ökonomen so lieben, machen kann. Die Welt verändert sich nach der Einführung (oder Erhöhung) des Mindestlohnes und diese Veränderung ist auf der Nachfrageseite eindeutig positiv.

Wie dann die Zweit- und Drittrundeneffekte einer solchen Erhöhung sind, hängt von der Dimension der Lohnsteigerungen ab. Bewegt man sich in dem Rahmen, der von der Zielinflationsrate und dem Produktivitätstrend vorgegeben sind, werden die Unternehmen versuchen, die Lohnsteigerungen in den Preisen weiterzugeben. Aber sie werden das bei funktionierendem Wettbewerb auf den Gütermärkten nur so weit können, wie die Löhne über den Produktivitätstrend hinausgehen. Im Ergebnis steigen dann die Reallöhne so wie die Produktivität und die Lohnstückkosten so wie die gewünschte Preissteigerungsrate.

Für den Mindestlohn bedeutet das, dass er in genau dieser Weise dynamisiert werden muss. Man braucht keine Kommissionen, um einen vernünftigen Anpassungspfad vorzugeben, sondern nur seinen gesunden Menschenverstand. Der Mindestlohn muss jedes Jahr so steigen, wie es dem Inflationsziel zuzüglich dem Produktivitätstrend in der ganzen Volkswirtschaft (also der durchschnittlichen Zunahme der Produktivität in den letzten zehn Jahren beispielsweise) entspricht. Um dem Lohnrückstand seit Anfang der 2000er Jahre und den europäischen Problemen Rechnung zu tragen, kann man davon für die nächsten zehn Jahre mit jeweils einem Prozentpunkt jährlich nach oben abweichen. Dass die Einhaltung des Mindestlohns von Seiten des Staates kontrolliert werden muss, versteht sich. Die Arbeitnehmer sind ja immer noch in einer so schwachen Verhandlungsposition, dass sie in der Regel nicht mit Abwanderung drohen können, wenn der Arbeitgeber – über zusätzliche unbezahlte Stunden z. B. – versucht, die vorgeschriebene Stundenentlohnung zu unterlaufen.

Sehr schön illustrieren kann man die Bedeutung dieser goldenen Lohnregel, wie wir sie nennen, am Vergleich Deutschland/Frankreich in den ersten Jahren der Europäischen Währungsunion (siehe Abbildungen unten; diese Abbildungen stammen aus einem Beitrag vom Oktober 2013; wir werden demnächst hier eine Aktualisierung vornehmen und den Sachverhalt noch einmal im Detail diskutieren).

Die Produktivität steigt in beiden Ländern fast genau gleich stark. Auf der einen Seite jedoch steht Frankreich, wo die Nominallohnsteigerungen den Verteilungsspielraum voll ausschöpfen, wo die Reallöhne folglich so steigen wie die Produktivität und die Lohnstückkosten wie die europäische Zielinflationsrate. Auf der anderen Seite steht Deutschland, wo die Nominallohnzuwächse weit hinter dem Verteilungsspielraum zurückbleiben. Auch die Reallöhne steigen in Deutschland zunächst wesentlich schwächer als die Produktivität, aber die Preise passen sich den geringeren Lohnstückkostenzuwächsen an, weswegen die Reallöhne nach einiger Zeit nicht ganz so stark zurückbleiben wie es von den Nominallöhnen her angelegt gewesen wäre.

In Frankreich steigt von Anfang an der private Verbrauch im Einklang mit den Reallöhnen, während Deutschland weit zurückhängt. Erst der Effekt steigender Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht es Deutschland danach in Sachen Wachstum mit Frankreich gleichzuziehen. Das aber geht unmittelbar zu Lasten Frankreichs und der anderen Handelspartner. Das französische Modell, wo der Verteilungsspielraum ausgeschöpft wird, wirkt auf dem Binnenmarkt viel besser als das deutsche und ist in Übereinstimmung mit einem gedeihlichen Handelsaustausch mit den Nachbarn. Das deutsche muss früher oder später scheitern, weil es für die Nachbarn unerträglich wird.

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