Europäische Konjunktur: Alle reden vom Aufschwung, wir nicht (Teil 1)

Viele Leser sind dankbar, dass sie bei uns eine ungeschminkte Analyse der wirtschaftlichen Lage bekommen. Wir werden aber manchmal auch gefragt, warum wir so großen Wert auf die Beobachtung der konjunkturellen Entwicklung legen. Die Antwort ist einfach: Was in der Wirtschaft geschieht, geschieht in Form von konjunkturellen Bewegungen. Wer die nicht versteht, kann auch zur Wirtschaft insgesamt keinen Zugang finden. Es gibt keine geheimnisvolle Macht, die „strukturell“ eine Wirtschaft beschleunigt, ohne dass sich das in der Konjunktur und damit auf der Nachfrageseite der Volkswirtschaft niederschlüge.

Für die konjunkturelle Entwicklung ist in den meisten Ländern die Industrie der wichtigste Motor und Richtungsgeber zugleich. Hier gibt es auch die verlässlichsten und am schnellsten verfügbaren Daten, so dass die Beobachtung der industriellen Entwicklung die besten Anhaltspunkte darüber vermittelt, wie es um eine Wirtschaft steht.

In Deutschland hat sich die Lage seit Beginn des Jahres nicht verbessert. Die Auftragseingänge sind sowohl im Januar als auch im Februar (saisonbereinigt) gegenüber dem Vormonat gefallen, was sicher nicht für den allseits beschworenen „Boom“ spricht (Bild 1).

Bild 1

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Das zeigt auch weiterhin der Vergleich des ifo-Index mit dem Auftragseingang (Bild 2). Beide haben sich wieder angenähert, der ifo-Index ist gestiegen, die Auftragseingänge sind gesunken, von einer wirklichen konjunkturellen Aufwärtsdynamik kann aber nicht die Rede sein.

Bild 2

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Getragen wird die sehr schwache deutsche Aufwärtsbewegung in der Industrie praktisch ausschließlich von der Nachfrage des Auslandes (Bild 3). Das ist es, wie das Bild 3 zeigt, vor allem die Nachfrage von außerhalb des Euroraumes, die relativ stetig nach oben zieht. Der Auftragseingang aus dem Euroraum dagegen ist volatiler und stagniert tendenziell.

Bild 3

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Für ganz Europa hat sich die Lage der Industrie im Februar nicht entscheidend verändert. Wie Bild 4 zeigt, ist die Produktion ganz leicht aufwärtsgerichtet, wobei man von einem Aufschwung noch nicht sprechen kann. Eine solche minimale Korrektur nach oben kann Zufall sein und jederzeit wieder unterbrochen werden. Schon die leichte deutsche Belebung kann, wie die Auftragseingänge zeigen, von nur kurzer Dauer sein. In Frankreich und Italien kann noch immer nicht von einer Wende gesprochen werden.

Bild 4

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Auch Südeuropa verzeichnet entgegen vielen unkritisch verbreiteten Meldungen keine Erholung, von der die Industrie erfasst worden wäre (Bild 5).

Bild 5

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Alle drei Länder stagnieren mehr oder weniger, nur Griechenland hat wenigstens im Januar und Februar eine leicht positive Tendenz aufzuweisen. Das steht in krassem Gegensatz zu Kommentaren, die SYRIZA die Schuld an der schlechten Lage geben (wir haben das hier aufgegriffen).

Auch in den nordischen Ländern ist keine Wende in Sicht (Bild 6). Finnland, das gerade eine neue Regierung gewählt hat, ist weiter in einer Rezession, die sich zuletzt noch beschleunigt hat. Auch Schweden findet kein Mittel, um die Abwärtsbewegung aufzuhalten. Wir werden uns mit diesen Ländern in den nächsten Wochen noch einmal intensiver auseinandersetzen.

Bild 6

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Ähnliches wie für die nordischen Länder gilt für das Baltikum, das mit diesen Ländern eng verbunden ist (Bild 7). Selbst in Estland, das sich nach der Finanzkrise am schnellsten erholte, kann von einem klaren Aufschwung nicht mehr die Rede sein. Lettland befindet sich in einem Abschwung, während Litauen stagniert. Über diese Entwicklungen wird von den westlichen Medien und sonstigen Beobachtern aber nicht offen gesprochen; das Bild der unbeirrbar marktwirtschaftlichen Orientierung dieser Länder und ihrer damit zusammenhängenden „Erfolge“ könnte ja in Frage gestellt werden.

Bild 7

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Nur in einigen mitteleuropäischen Staaten geht es wirklich aufwärts. Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei sind trotz einiger Rückschläge weiter auf einem Pfad, der aus der Krise herausführt. Slowenien hat sich ein wenig gebessert.

Bild 8

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Auch in anderen mittelosteuropäischen Staaten wie Bulgarien, Rumänien und Kroatien geht es nicht durchweg nach oben (Bild 9). Rumänien sieht gut aus, aber die beiden anderen Länder kommen kaum von der Stelle. Kroatien und Bulgarien liegen mit ihrem Produktionsniveau noch immer weit unter dem Spitzenniveau, das 2008 erreicht worden war.

Bild 9

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Im zweiten Teil betrachten wir noch den Einzelhandel, die Bauproduktion sowie die Preis- und Arbeitslosigkeitsentwicklung.

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