Sinn und Unsinn

Mehrere Leser von flassbeck-economics haben nach unserem Artikel zum Vergleich der Produktivität Griechenlands und Polens durch Hans-Werner Sinn bei Professor Sinn direkt nachgefragt, was er zu unserer Kritik sagt. Daraufhin bekamen sie eine Antwort einer Mitarbeiterin von Professor Sinn mit folgendem Inhalt:

„Prof. Sinn hat eine Vermutung über jene Produktivität geäußert, die sich für eine neue gegründete Firma in Griechenland bzw. Polen ergeben würde. Die tatsächliche Produktivität jener Arbeitsplätze, die es in Griechenland trotz der hohen Löhne noch gibt und die man in den Statistiken findet, ist trivialerweise immer hoch genug, die Löhne zu bezahlen. Das ist schon tautologisch richtig, denn sonst gäbe es diese Stellen ja nicht. Griechenlands Massenarbeitslosigkeit belegt jedoch, dass die tatsächliche Produktivität dramatisch niedriger ist als das, was man in den Statistiken finden kann. Die gemessene Produktivität wird immer durch den Entlassungseffekt beeinflusst. Wenn man die Löhne verdoppelt, verdoppelt sich die sogenannte Grenzproduktivität der Arbeit durch Wegstreichen der minder produktiven Arbeitsverhältnisse, und die in der Statistik gemessene Durchschnittsproduktivität erhöht sich dann auch dramatisch, je nach Produktionsverhältnissen auf mehr oder weniger als das Doppelte. Daraus folgt, dass man Produktivitätsvergleiche nicht so durchführen darf, wie Herr Flassbeck es tut. Vielmehr braucht man dafür einen Modellansatz, der den Effekt der Entlassungsproduktivität herausrechnet. Das ist ein altes Thema, das Prof. Sinn schon in seinem Buch „Ist Deutschland noch zu retten?“ aus dem Jahr 2003 diskutiert hat, das aber auch in seinem Buch „Die Target-Falle“ oder „The Euro Trap“ behandelt wird. In Griechenland ist die Abweichung zwischen jener Produktivität, die man meint, wenn man über die Wettbewerbsfähigkeit für Industrieansiedlungen und Investitionen spricht, und jener, die in der Statistik erscheint, besonders groß, weil es dort praktisch gar keine Industrie mehr gibt. Die Arbeitnehmer sind beim Staat beschäftigt, wo die statistische Produktivität mangels anderer Messmethoden einfach mit den Löhnen gleichgesetzt wird, und sie sind in den Binnensektoren beschäftigt, die, da sie keinem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind, Preise und somit eine gemessene Wertproduktivität haben, die sich unmittelbar aus der Lohnhöhe selbst herleitet. Das verstärkt die Verzerrung der Statistik. Die Argumente von Herrn Flassbeck sind also nicht stichhaltig.“

Auf die Nachfrage eines unserer Leser, wie es sein könne, dass Hans-Werner Sinn sich in einer Fernsehsendung auf eine hypothetische Produktivität bezieht, ohne das klar dazu zu sagen, wurde dann mit einer weiteren Mail und der Übersendung der folgenden Graphik geantwortet:

bild1

Diese Graphik soll offenbar zeigen, wie hoch die polnische Produktivität im Vergleich zur griechischen ist. Die Mitarbeiterin von Herrn Sinn bemerkt dazu:

„Es ist aber zu wiederholen, dass die relevante Produktivität nicht diejenige der trotz der Lohnerhöhungen noch beschäftigten Personen ist, sondern jene, die sich ergäbe, wenn die Löhne so weit abgesenkt werden, dass Vollbeschäftigung herrscht. Angesichts der in den letzten Jahren gestiegenen Massenarbeitslosigkeit in Griechenland, die nur noch die vergleichsweise höherproduktiven Jobs übrig ließ, ist der dadurch entstandene Messfehler dramatisch. Die blaue Kurve überschätzt also sogar noch die Entwicklung in Griechenland in großem Umfang. Man kann die echte Produktivität der derzeit Arbeitslosen, nur auf sie kommt es bei Neuansiedlungen und Investitionsentscheidungen an, nur durch Modellsimulationen ermitteln.“

Zum ersten Punkt, der sogenannten Entlassungsproduktivität, will ich hier nicht viel sagen. Das ist eines der ältesten Kaninchen, das die Neoklassiker immer dann aus dem Zylinder ziehen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Friederike Spiecker und ich haben in unserem Buch „Das Ende der Massenarbeitslosigkeit“ klar gezeigt, dass dieses Konzept von vorneherein auf einer logisch untauglichen Basis beruht. Es „beweist“ nur etwas, wenn man annimmt, der neoklassische Arbeitsmarkt funktioniere so, wie das von den Neoklassikern unterstellt wird, also wie ein Kartoffelmarkt. Stimmt das nicht, ist auch das Konzept der Entlassungsproduktivität sinnlos. Man setzt also voraus, was man beweisen sollte. Wir schrieben in dem Buch im Jahr 2007 dazu:

„Die um die Produktivität erweiterte Argumentationskette behauptet: Ein »zu hoher« Lohn heizt die Produktivität »zu sehr« an, so dass Arbeitslosigkeit entsteht. Dass die Produktivität »zu schnell« steigt, liest man aber an der Arbeitslosigkeit ab, Stichwort »Entlassungsproduktivität«. Wenn es richtig ist, dass ein zu hoher Lohn über zu hohe Produktivität zu Arbeitslosigkeit führt, dann muss bei Vorhandensein von Arbeitslosigkeit die Produktivität zu hoch sein und auch der Lohn. Das ist in sich widerspruchsfrei – jedoch erneut gehaltlos. Denn ob das richtig ist, woran (außer an der Arbeitslosigkeit) gemessen die Produktivität »zu hoch« sein soll, ist damit noch nicht geklärt. Wieder darf man nicht auf den Preismechanismus verweisen, weil seine Voraussetzung (Unabhängigkeit von Angebot und Nachfrage) auch unter Einbeziehung der Produktivität nicht erfüllt ist. Hier handelt es sich also nur um einen erweiterten Zirkelschluss. Wieder ist die Behauptung in den »Beweis« eingeflossen und entwertet ihn dadurch vollständig.

Daran ändert auch der Trick nichts, die tatsächlich gemessene Produktivität um die »Entlassungsproduktivität« zu bereinigen. Er soll ja nur erklären helfen, warum es schädlich sei, die tatsächlich gemessene Produktivität in die Lohnverhandlungen einfließen zu lassen. Der Teufelskreis »zu hohe rechnerische Produktivität als Grundlage von Lohnverhandlungen erzeugt zu hohe Löhne, diese wiederum regen zu übermäßigen Rationalisierungen an, was erneut Arbeitslosigkeit erzeugt und eine zu hohe rechnerische Produktivität« krankt ja an dem gleichen Maßstabsproblem. Auch eine um die »Entlassungsproduktivität« bereinigte »wahre« Produktivität ist ja eine Größe, die mit Hilfe der Arbeitslosigkeit berechnet wird. Wieder wird die zu begründende Größe, die Arbeitslosigkeit, herangezogen zur Beurteilung ihrer Ursachen. Damit soll letzten Endes erneut der Preismechanismus – wenn auch geschickter verbrämt – als Begründung für Arbeitslosigkeit dienen, obwohl seine Anwendbarkeit innerhalb einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung genau so wenig gegeben ist wie vorher.

Solche Taschenspielertricks funktionieren in keiner Wissenschaft, die diesen Namen verdient, und erst recht nicht in der Realität.“

Das Bild der Stundenproduktivität, das wir in unserer Kritik verwendet haben, zeigt aber zudem sonnenklar, dass die Argumentation von Professor Sinn auch empirisch falsch ist (siehe unten die Abbildung Reales BIP pro Erwerbstätigenstunde). Bis 2008 stieg die Produktivität in Griechenland durchaus kräftig, ohne dass es zu Entlassungen kam (die Arbeitslosigkeit sank zwischen 1999 und 2008 langsam aber stetig). Und in dieser Zeit war die Produktivität in Griechenland auch durchweg wesentlich höher als in Polen. Folglich gibt es für diese Phase das Argument mit der Entlassungsproduktivität gar nicht, selbst wenn man es verwenden wollte.

Nach 2008 aber begannen die Löhne in Griechenland kräftig zu sinken. Auch hier passt die Entlassungsproduktivität wieder nicht, denn dabei ist ja unterstellt, dass sinkende Löhne zu sinkender Arbeitslosigkeit führen, es war aber genau umgekehrt, die Arbeitslosigkeit stieg, obwohl die Löhne kräftig sanken. Auch die Produktivität sank. Auch hier kann es keine Verzerrung der Produktivitätsentwicklung durch eine lohninduzierte „Entlassungsproduktivität“ gegeben haben.

bild2

Am tollsten ist aber die Graphik, die von der Mitarbeiterin von Herrn Sinn unserem Leser vorgeführt wurde. Die beiden Kurven sind Indizes. Das heißt, sie sagen absolut nichts über das Niveau der Produktivität, von dem in der Talkshow die Rede war. Ein Index setzt immer ein beliebiges Basisjahr (hier das Jahr 2000) fest und vergleicht dann die Entwicklung von diesem Basisjahr aus. Was im letzten Jahr der Graphik (hier 2014) ausgewiesen wird, hat nichts mit dem Niveau der Produktivität zu tun, auf das es bei der Talkshow ankam und das wir dargestellt haben. Die Indizes zeigen nur, dass die Produktivität in Polen vor allem seit 2008 stärker gestiegen ist als in Griechenland (wo sie fiel). Das sieht man auch in unserer Graphik, nur sieht man dort auch, dass das nicht heißt, dass die absolute Produktivität (also die Produktion pro Arbeitsstunde in Euro) deswegen in Griechenland geringer wäre als in Polen. Lediglich der Abstand hat sich verringert, weil die Produktivität in Griechenland fiel. Nur diese Produktivität kann man mit dem Lohnniveau vergleichen. Alles andere ist glatter Unsinn.

Anmelden