Aufgelesen bei … der NZZ: Keynes gegen die österreichische Schule – Altes vom Wühltisch der Schlagworte

Auch in der Schweiz bewegt sich die wirtschaftspolitische Diskussion nicht gerade auf einem berauschenden Niveau. Das zeigt exemplarisch ein Kommentar aus der NZZ am Sonntag.

Der Autor, Beat Kappeler, müsste es eigentlich besser wissen. Er hat in Genf und Berlin Volkswirtschaftslehre studiert und in Lausanne selbst doziert. Zudem war er 15 Jahre lang Sekretär im Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Vom Schulsack her gesehen gehört er also zur Spitze der Schweizer Wirtschaftspublizistik.

Seinen jüngsten Kommentar in der NZZ am Sonntag beginnt er mit der Feststellung, dass die um 1 Prozent gesunkenen Preise den Schweizer Arbeitnehmern höhere Reallöhne beschert haben, „scheinbar mühelos, und ohne, dass jemand dafür bezahlt“. Dann leitet er zur Frage über, ob diese „fast paradiesischen Zustände auf der Lohnseite“ nachhaltig seien. „Steigern die höheren Löhne nicht wundersam die Kaufkraft und lösen damit alle Probleme?“

Damit hat Kappeler das Terrain für einen ideologischen Rundschlag vorbereitet. „Da müssen wir auf eine heftige, weltweite Auseinandersetzung der Ökonomen eintreten.“ Und wie immer bei Kappeler geht es um den Match Österreichische Schule gegen Keynes. Zunächst kriegt Keynes sein Fett ab. Das geht so: „Seit der Krise der Dreissiger Jahre beherrschte die Lehre des John M. Keynes die Szene mit genau dieser Ansicht: Lohnsumme, Konsumausgaben, Staatsausgaben, finanziert mit Defiziten und Krediten seien das Schmiermittel der Volkswirtschaft. Über viele Ausgabenkaskaden multipliziere sich der Anstoss und zahle schliesslich die Kredite und Schulden zurück.“

Der geneigte NZZ-Leser ahnt schon, dass das nicht gut gehen kann. Er erkennt das an Ausdrücken wie Defizite, Staatsausgaben, Kredite und Ausgabenkaskaden – Sodom und Gomorrha! Und in der Tat: “Vor aller Augen aber“, so Kappler weiter, “liegt heute der Gegenbeweis: die Schuldenwirtschaft, privat wie staatlich, führte unaufhaltsam zur Überschuldung des Westens. Sie platzte zuerst mit der Hypothekarkrise der USA, Spaniens, Irlands, sodann mit der Staatsschuldenkrise Europas. Die Notenbanken haben diese Krisen mit noch grösserer Schuldenkelle zu null Zinsen einfach zu verschleppen erlaubt.“

Diese Sorte von Leitartikeln ist kennzeichnend für die wirtschaftspolitische Diskussion: Zunächst pickt man sich aus dem Wühltisch der Schlagworte das passende raus: Schuldenwirtschaft, unaufhaltsame Überschuldung des Westens, Hypothekarkrise, Staatsschuldenkrise und dann auch noch die Schuldenkelle der Notenbanken! Das alles völlig faktenfrei und ohne auch nur ansatzweise die Frage aufzuwerfen, wer sich denn bei wem verschuldet habe. Doch halt. Aus dem Ausdruck „Überschuldung des Westens“ darf man schliessen, dass die Gläubiger irgendwo im Osten sitzen müssen.

Punkt 2: Für dieses Schuldenelend braucht es einen Schuldigen. Keynes! Klar, war das nicht der, der mal gefordert hat, dass der Staat im Abschwung die Ausgaben erhöhen und zu diesem Zweck Schulden machen soll? Nicht nur. Glaubt man Kappeler, ist Keynes auch dafür verantwortlich, dass die Lohnsumme und die Konsumausgaben mit Kredit finanziert wurden. Und weil es sonst nicht ins Bild passt, ist der Keynesianismus nicht schon in den 80er-Jahren als herrschende Doktrin abgelöst worden, sondern ist erst an der Finanzkrise von 2008 gescheitert.

Egal, denn “jetzt tritt die «österreichische Schule der Nationalökonomie» gegen den Keynesianismus an“, und stellt endlich die richtigen Fragen. „Ihre Vertreter hebeln nicht mit den grossen Mengen von «Defizite-Nachfrage-Konsum-Investitionen-Staatsschulden» herum. Sondern sie fragen von unten her, wie entscheiden die einzelnen Firmen, welche ja allein produktive Stellen schaffen, investieren, sich vorwagen.“ Ja, wie entscheiden sie denn? Kappeler weiss es: „Die Antwort lautet: Wenn die Lohnkostenblöcke steigen, die Defizite, die Schulden und später die Steuern steigen, dann investieren sie nicht. In dieser Falle steckt heute der ganze Westen.“

Man beachte auch hier wieder die Schlagworte: Nicht Löhne, auch nicht nur Lohnkosten, sondern Lohnkostenblöcke. Dazu: Defizite, Schulden und steigende Steuern. Kein Wunder, dass da die einzelnen Firmen, „welche ja allein produktive Stellen schaffen“ die Schnauze voll haben und nicht mehr investieren. Das kann ja auch der ökonomisch ungebildete Laie intuitiv leicht nachvollziehen.

Oder etwa nicht? Machen wir wenigstes an dieser entscheidenden Stelle einen kleinen Faktencheck. Nehmen wir zunächst mal Österreich. Dort ist der Lohnkosten“block“ (gemessen an der Quote zwischen Arbeitseinkommen und Wirtschaftsleistung) zwischen 1996 und 2008 um rund 10 % geschrumpft. Haben die Unternehmen deswegen mehr investiert? Nein. Der Anteil der privaten Investitionen am Bruttoinlandprodukt ist um gut 2 Prozentpunkte gesunken. In Deutschland genau dasselbe: Rückgang des Lohnkosten“blocks“ um rund 9% und der Investitionsquote um 2 BIP-Prozentpunkte. Im Gegensatz dazu ist der Anteil der Löhne am BIP in Griechenland in diesem Zeitraum um rund 18% gestiegen, gleichzeitig hat die Investitionsquote um rund einen Prozentpunkt zugenommen.

Dass sich die Investitionsquoten relativ wenig verändert haben, lässt sich damit erklären, dass die Investitionen – von konjunkturellen Schwankungen abgesehen – vor allem eine Funktion des BIP-Wachstums sind. Die Quote, Investitionen geteilt durch BIP, bleibt ziemlich konstant. Entscheidend ist deshalb vor allem, wie sich Veränderungen der „Lohnkostenblöcke“ nicht auf die Investitionsquoten, sondern auf das BIP-Wachstum auswirken. Auch hier ist die Botschaft der Zahlen klar – wenn man sie denn zur Kenntnis nehmen will: In Griechenland ist das reale BIP pro Kopf zwischen 1996 und 2008 um 47.4 Prozent, in Deutschland jedoch nur um 20,8 und in Österreich um 28,4 Prozent gestiegen.

Inzwischen ist die These von der Investitionsfreude dank sinkender Lohnkosten überflüssigerweise noch einmal einem Härtetest unterzogen worden: In Griechenland haben die Unternehmen zwischen 2008 und 2014 real gerechnet rund 37 Prozent Lohnkosten gespart. Die Lohnsumme sank (in Euro von 2008) von 37,2 auf 23,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken die privaten Investitionen von 19,3 auf 5,2 Milliarden Euro. Darüber mag sich die österreichische Schule wundern. Der intelligente Unternehmer hingegen zieht Investitionen nur in Betracht, wenn er mit steigenden Absatzzahlen rechnen kann. Dies wiederum setzt voraus, dass die Nachfrage nicht mit stagnierenden oder gar sinkenden Löhnen abgewürgt wird.

Der ehemalige Gewerkschaftssekretär müsste das eigentlich noch wissen. Doch wenn man seine Argumente faktenfrei auf dem Wühltisch der Schlagworte zusammenklaubt, können solche Fehleinschätzungen schon mal passieren.

 

 

Anmelden