Der Zins in Griechenland – oder warum man mit Kapitalströmen die europäischen Ungleichgewichte im Handel nicht erklären kann

Wer das Audio der Veranstaltung der taz am vorvergangenen Samstag (25.4.) in Berlin angehört hat, wird feststellen, dass ich der Moderatorin Ulrike Herrmann bei ihrer Suche nach den Gründen für die griechische Misere ziemlich unhöflich ins Wort gefallen bin und eine andere Erklärung angeboten habe (hier der Hinweis auf das Audio).

Ich fürchtete, dass die ganze Diskussion von Anfang an in ein falsches Fahrwasser geriete, weil es nach der Zinserklärung, die Frau Herrmann benutzte, sozusagen eine „individuelle“ Schuld jedes Defizitlandes gibt: Es ist in die Krise geraten, weil seine Bürger über ihre Verhältnisse gelebt haben (dazu haben wir hier Stellung genommen). Das konnten die Bürger gemäß der Zinsthese deswegen tun, weil im Eurogebiet dank der gemeinsamen und für alle Staaten einheitlichen Geldpolitik die Zinsen plötzlich viel niedriger waren als vorher in den nationalen Volkswirtschaften. Das stimmt schon faktisch nicht, wie wir demnächst noch einmal im Detail zeigen wollen, es stimmt aber auch theoretisch nicht.

Bei diesem Argument haben zum einen die Zinsen eine ungeheure Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung. Eine solche Bedeutung kann man derzeit bei Nullzinsen in Europa und einer extrem schwachen wirtschaftlichen Dynamik gar nicht recht entdecken. Man fragt sich, warum damals der Zins so viel mächtiger war als heute. Zum anderen und noch viel wichtiger ist aber, dass man bei dieser Argumentation unterstellt, die Warenströme folgten den Kapitalströmen und nicht umgekehrt.

Dazu haben wir vor einiger Zeit in unserer Geldserie ausführlich Stellung genommen. Dort hieß es: „Um das für Europa wichtigste Beispiel zu nehmen: Die Bewegung des deutschen Außenhandelssaldos von einer leichten Überschussposition Ende der neunziger Jahre zu einer massiven Überschussposition in den letzten 15 Jahren kann man nicht mit den Bewegungen der Salden gegeneinander erklären, wie das viele Neoklassiker und vorneweg Hans-Werner Sinn tun. Zu sagen, die deutschen Ersparnisse seien ins Ausland geflossen, weil man im Vergleich der Salden sieht, dass der Kapitalexport in dieser Zeit zugenommen hat, ist keine Erklärung im eigentlichen Sinne, es ist lediglich die Verbalisierung der Identität, die sich aus der reinen Saldenbetrachtung ergibt, also eine Beschreibung der Vorgänge, keine Begründung.

Um den Vorgang wirklich zu verstehen, muss man sich anschauen, wie und wo sich Veränderungen ergeben haben, die nicht per Definition bereits in den Salden enthalten sind, aber Einfluss auf sie genommen haben (könnten). Haben sich zum Beispiel Preis- oder Zinsverhältnisse fundamental verändert, so dass Konsum- und Investitionsentscheidungen der privaten Haushalte und der Unternehmen davon berührt waren? Wer also das Anschwellen des deutschen Kapitalexports wirklich erklären will, muss nach Faktoren suchen, die das verursacht haben können, und den Wirkungszusammenhang erläutern. Vor allem kann es nicht um wohlfeile Behauptungen gehen wie etwa die, in Deutschland lohne sich das Investieren eben nicht und daher fließe Anlage suchendes Kapital ins Ausland, wenn man das „Sich-nicht-Lohnen“ nicht an konkreten Fakten festmachen kann. Hat der Exodus des Kapitals zugenommen, müssten sich auch die Bedingungen, die für den Exodus verantwortlich sind, verschärft haben.

In Deutschland im Verhältnis zu seinen Nachbarn beobachtet man eine starke Veränderung bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Lohnmoderation in Deutschland (politisch gewollt und auch angestoßen) hat zu einer realen Abwertung geführt und das, so schon die allereinfachste Markttheorie, könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben, deren Preise relativ günstiger geworden sind. Und in Deutschland wurden weniger Produkte der anderen gekauft, weil die relativ teurer geworden sind. Man beobachtet also einerseits die Veränderung der Preisrelationen nach einem exogenen Anstoß (hier der Lohnabschlüsse) und die Veränderung von Warensalden, die in diesem Fall dazu passt.

Bleibt nur noch die Frage, wie das finanziert wurde, wie also die Kapitalströme zu den Güterströmen passend „gemacht“ wurden. In einer Währungsunion ist das aber keine Schwierigkeit, weil alle grenzüberschreitenden Transaktionen genauso leicht finanziert werden können wie rein nationale Transaktionen. Wenn ein französischer Bürger ein deutsches Auto kaufen will, geht er zu seiner Bank, nimmt einen Eurokredit auf und kauft das Auto bei einem Händler der deutschen Marke in Frankreich. Der bezahlt den Wagen der deutschen Firma mit den Euros, die er von seinem Kunden bekommen hat. Machen das sehr viele Franzosen, müssen die französischen Banken, die die Kredite vergeben, vielleicht irgendwann einen Kredit bei deutschen Banken aufnehmen, zu denen die Mittel geflossen sind. Aber auch das ist in einem einheitlichen Währungsraum unproblematisch, jedenfalls so lange die Größenordnungen nicht exorbitant sind.

Nun versuchen wir den Fall im neoklassischen Sinne umzudrehen, wir unterstellen also, deutsche Anleger wollten ihre Ersparnisse aus irgendeinem Grund nach Frankreich exportieren, ohne dass sich die Preisverhältnisse zuvor geändert hätten. Zunächst ist die Frage, warum sie das mit dem Beginn der Währungsunion vermehrt hätten tun wollen. Denn an den Zinsverhältnissen, die für Spar- bzw. Anlageentscheidungen relevant sein könnten, hat sich mit dem Beginn der Währungsunion nichts an der relativen Attraktivität Frankreichs geändert. Im Gegenteil, der französische Zins ist noch näher an den deutschen herangerückt, so dass die beiden für einige Jahre fast vollständig gleich waren. Hier fehlt also schon der Ausgangsimpuls, der dafür hätte sorgen können, dass sich die Kapitalströme umdrehen und Frankreich in eine Verschuldungsposition gerät.

Aber auch die realwirtschaftliche Seite passt in diesem Fall überhaupt nicht. Denn selbst wenn die Kapitalströme der Ausgangspunkt gewesen sein sollten und die Güterströme ihnen gefolgt wären, wie hätte das gehen sollen? Der französische Bürger kauft ja nicht deswegen mehr deutsche Autos, weil seine Bank ihm anbietet, sie mit deutschen Ersparnissen zu finanzieren. Und der deutsche Bürger verzichtet – ohne Relativpreisänderung – schon gar nicht auf den Kauf von französischem Rotwein zugunsten deutschen Weins oder, weil er nicht mehr genügend Einkommen für den französischen Wein hat; denn warum sollte er sich aus heiterem Himmel (also ohne exogenen Anlass bei Warenpreisen oder Zinsen) dazu entschließen, die gleiche Menge an Ersparnissen wie zuvor zu bilden, sie aber nicht mehr zu Hause anzulegen, statt dessen aber in Frankreich, wenn das – zumindest für alle Konsumenten zusammen genommen – technisch gesehen nur dann klappt, wenn sie gleichzeitig ihren Konsum an französischen Waren reduzieren?

Die Güterströme mit den Kapitalströmen erklären zu wollen, funktioniert einfach nicht: Die Geschichte wird nie plausibel. Es ist erstaunlich, dass der Großteil der deutschen Ökonomen diese von Hans-Werner Sinn aufgestellte These teilt. Freilich hat er sie auf den Fall Spanien bezogen. Dort gab es einen Hauspreisboom, der scheinbar eine gute Erklärung dafür bot, warum Deutsche ihre Ersparnisse ins Ausland transferieren wollten. Aber eine gute Erklärung ist auch das nicht, weil die Frage unbeantwortet bleibt, wie die güterwirtschaftliche Seite dazu passt: Warum kauften Spanier von dem Geld, das deutsche Anleger in den spanischen Wohnungsbau (also etwa in die Löhne spanischer Maurer) steckten, zunehmend mehr ausländische als spanische Güter? Denn ausweislich des Handelsdefizits war es so. Außerdem sollte eine stichhaltige Erklärung nicht nur Einzelfälle (wie Spanien) erfassen, sondern möglichst viele Fälle (wie Frankreich, Portugal, Griechenland etc.) abdecken, wo es eine solche gravierende Verschiebung der Salden eben auch gegeben hat.“

Daraus folgt: Wer die Zinserklärung benutzt, muss auch erklären, auf welche Weise dabei die Warenströme gedreht werden. Tut er das nicht, ist die Zinsthese von vorneherein sinnlos. Bei den meisten ökonomischen Fragen muss man sehr genau hinschauen, bevor man sich einer Erklärung anschließt. Das gilt vor allem für solche Vermutungen, die aus einer Identität abgeleitet werden. Ein einfacher „Test“ ist jedoch möglich: Wenn Salden kausal gedeutet werden (also etwa so wie H.-W. Sinn, wo aus dem Saldo abgelesen wird, dass die Kapitalströme als erste fließen), ohne dass die besondere Auslegung einer Identität ausdrücklich erwähnt wird, ist immer größte Vorsicht geboten.

Wissenschaftliche Aufrichtigkeit gebietet es zu sagen, man habe gute empirische Gründe, eine Führungsrolle der Kapitalströme anzunehmen und könne zeigen, wie daraus ein vollständig plausibles und empirisch haltbares Bild unter Einschluss der Veränderungen der Güterströme wird. Zumeist gibt man sich jedoch mit dem Zinsargument zufrieden, das die Veränderungen der Kapitalströme erklären soll und vergisst die Erklärung der Güterströme vollständig. Wer allerdings die Güterströme ausklammert, macht auf jeden Fall einen nicht wieder gutzumachenden Fehler.

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